Weltmeister Lewis Hamilton Vom Underdog zum Popstar

Weltmeister Lewis Hamilton pflegt ein spezielles Image: Er feiert mit dem Jetset - und meldet sich zur Politik zu Wort. Und nach der Formel 1 will er Musiker werden. Aber damit ist so schnell nicht zu rechnen.

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Aus Mexiko-Stadt berichtet Karin Sturm


Lewis Hamilton ist Formel-1-Weltmeister. Zum vierten Mal - das haben nicht viele geschafft. Michael Schumacher mit seinen sieben Titeln, Juan-Manuel Fangio mit fünf und dann noch Alain Prost und Sebastian Vettel mit je vier. Ein illustrer Kreis, dessen Mitglied jetzt auch Hamilton ist. Wobei kein anderer dieser Champions so polarisiert hat wie der 32 Jahre alte Brite.

Die Experten sind sich einig - und selbst die Fans seiner Rivalen müssen anerkennen: An der sportlichen Leistung gibt es nichts zu kritisieren. Auch wenn Hamiltons Dominanz in der zweiten Saisonhälfte durch die Pleiten-, Pech- und Pannenserie bei Ferrari begünstigt wurde. Hamilton macht praktisch keine Fehler, und er holt aus jeder sich bietenden Möglichkeit das Maximum heraus. Der langjährige Formel-1-Techniker Pat Symonds - Wegbegleiter von Ayrton Senna, Michael Schumacher und Fernando Alonso - sagt: "Es ist selten, dass wir in der Formel 1 ein solches Maß an Perfektion erleben dürfen. Hamilton fährt beinahe makellos."

"Für mich hat Lewis in diesem Jahr ein ganz neues Niveau erreicht", sagt Toto Wolff, Teamchef bei Hamiltons Rennstall Mercedes. "Wir sind nun im fünften gemeinsamen Jahr. Und ich sehe, dass er im Rennwagen, aber auch außerhalb, nochmals einen großen Schritt getan hat. Es macht sehr viel Freude, das miterleben zu dürfen." Wolff lobt auch Hamiltons Anteil am Teamgeist und sein Verhältnis zu Teamkollege Valtteri Bottas. "Wir haben keinerlei Kontroversen."

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Formel-1-Weltmeister Hamilton: Vier gewinnt

Hamilton ist mit 3,4 Millionen Followern auf Instagram und 2,8 Millionen auf Twitter der absolute Popstar der Formel 1. Und er pflegt sein Image: Party auf den Bahamas oder in Miami, Night-Clubbing in Los Angeles, ein Foto mit Kanye West hier, das nächste dann mit Rihanna dort, ein paar Abstecher ins Musikstudio, um an seinen eigenen Songs zu arbeiten. Wann immer es geht, lässt sich Hamilton auch an den Rennwochenenden ein Klavier ins Hotelzimmer bringen, um "manchmal bis nachts um drei" zu spielen, wie er sagt. "Dann nachher rauszugehen und zu gewinnen, das ist ein besonderes Gefühl." So redet einer, der der Welt zeigen will, dass er etwas Besonderes ist.

Dazu gehört ein Lebensstil, der wie die Optik mit vielen Tattoos und schweren Goldketten nicht allen gefällt. Aber es steckt wohl ein bisschen mehr hinter dieser Selbstdarstellung: Der kleine Lewis, Einwandererkind mit karibischen Wurzeln, aufgewachsen im Arbeiterstädtchen Stevenage, in der Schule eher ein Underdog, dem seine Lehrer mehr als einmal zu verstehen gaben, aus ihm könne sowieso nichts werden. So scheint er mit seinen Auftritten gewisse Minderwertigkeitsgefühle aus der Jugendzeit kompensieren zu wollen, sich selbst und allen anderen zu beweisen: Seht her, ich habe es geschafft, ich bin ein Weltstar, ich gehöre zur großen Glitzerwelt dazu.

Das wirklich Wichtige bleibt privat

Obwohl es auch den anderen Lewis Hamilton gibt: Den, der im November 2016, mitten im WM-Finale, zwischen den letzten Rennen in Brasilien und Abu Dhabi, noch einmal zu seinem im Sterben liegenden Vertrauten und Freund Aki Hintsa flog. Der Finne, langjähriger Teamarzt von McLaren, der Hamilton dort bei seinem Formel-1-Debüt 2007 betreute, kämpfte jahrelang gegen eine Krebserkrankung, am Ende vergeblich. Hamilton verbrachte einen der letzten Abende mit seinem Freund. "Wir haben zusammen Musik gemacht", erzählte er später auf Nachfrage leise. In den sozialen Netzwerken war davon nichts zu sehen, auch nicht davon, dass er auf Hintsas Beerdigung war. Das wirklich Wichtige bleibt dann doch privat. So wie die Tatsache, dass er sich immer wieder bei der Familie nach dem Gesundheitszustand von Michael Schumacher erkundigt, fragt, ob er irgendwie helfen könne.

Und auch den Lewis Hamilton, der immer mutiger wird, sich auch mal politisch zu äußern, der sich generell sorgt um den Zustand der Welt, für Gerechtigkeit und Chancengleichheit eintritt, begeistert von seinen Begegnungen mit Nelson Mandela schwärmt. Hamilton will Vorbild sein. Gerade für Jugendliche, denen er rät: "Glaube den Leuten nicht, die sagen, du könntest das nicht machen. Und verliere nie den Glauben an dich." Über Twitter verbreitet er auch schon mal philosophische Gedanken: "Eine negative Einstellung wird dir niemals ein positives Leben verschaffen. Bleib positiv und halte das Negative von dir fern. Energie ist ansteckend."

Dabei will er sich auch nicht auf den Rennfahrer reduziert sehen: "Für mich gibt es viel mehr als nur zu fahren. Das Fahren ist zwar das, was ich am besten kann. Aber es ist innerlich kein großer Teil von mir - weil ich das Gefühl habe, viel mehr bieten zu können." In seinem Musikrepertoire hat er bereits "genügend Material für einige Alben", wann er aber mal eines veröffentlicht, weiß er noch nicht: "Musik war jedenfalls schon immer etwas, was ich machen wollte. Schon in der Schule - aber da hat mein Vater darauf bestanden, dass ich Geschichte wähle und nicht Musik. Dann hatte ich auch lange keine Zeit mehr dafür. Jetzt versuche ich, das nachzuholen." Und er hält sich an einen Ratschlag seines Kumpels Kayne West. Der habe zu ihm gesagt: "Du musst tun, was du liebst, was dir wichtig ist. Und dich nicht darum kümmern, was die anderen denken."

Wer deshalb an ein Karriereende Hamiltons denkt, liegt falsch. Das ist die schlechte Nachricht für Sebastian Vettel.

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
mc_os 30.10.2017
1.
Lewis Hamilton: Sympathisch, fair, zielstrebig und erfolgreich. Und gerade die ersten beiden Eigenschaften unterscheiden ihn von z.B. einem M. Schumacher oder S. Vettel.
vhn 30.10.2017
2. @1
Sympathisch: das liegt immer im Auge des Betrachters, ob man Brillanten im Ohr und Arroganz als sympathisch empfindet. Hamilton und Vettel haben sich diese Saison als faire Sportsmänner gezeigt. Und wenn Ferrari nicht diese Fiat Qualität an den Tag gelegt hätte, wäre es auch noch länger spannend geblieben...
GyrosPita 30.10.2017
3.
Zitat von mc_osLewis Hamilton: Sympathisch, fair, zielstrebig und erfolgreich. Und gerade die ersten beiden Eigenschaften unterscheiden ihn von z.B. einem M. Schumacher oder S. Vettel.
Na ja, zum Thema symphatisch und fair könnte man mal Nico Rosberg oder Fernando Alonso befragen, die haben da evtl. besseren Einblick. Und das Vettel und Schumacher nicht zielstrebig und erfolgreich gewesen sein sollen hab ich auch noch nicht gewußt. Ist schon irre was man hier im Spon-Forum aufen Montagmorgen noch dazu lernen kann...
MatthiasPetersbach 30.10.2017
4.
Guter Mann, der Lewis. Mehr davon würden dem Sport und der Gesellschaft guttun.
celtics 30.10.2017
5. GyrosPita
Dann gleich Alonso fragen ob es "fair" ist dem teamkollegen an der Box aufzuhalten damit er hinter andere team auf die Strecke kommt.
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