Verstappen vs. Hamilton in der Formel 1 Bis dass der Schrott euch scheidet

Zum zweiten Mal in dieser Saison kommt es zu einem folgenschweren Unfall zwischen Max Verstappen und Lewis Hamilton. Es ist ein Duell am Limit, das vermutlich erst im letzten Rennen entschieden wird.
Lewis Hamilton steigt nach der Kollision mit Max Verstappen in Monza aus seinem beschädigten Mercedes

Lewis Hamilton steigt nach der Kollision mit Max Verstappen in Monza aus seinem beschädigten Mercedes

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ANDREJ ISAKOVIC / AFP

Es war keine Überraschung, dass es in Monza zum zweiten Mal in diesem Jahr zwischen Max Verstappen und Lewis Hamilton krachte. Zu knapp ist der WM-Kampf zwischen den beiden Fahrern, die sich letztlich in einer eigenen Welt bewegen, weit weg vom Rest der Konkurrenz. Zu groß ist auch die Rivalität zwischen dem jungen Herausforderer und dem über zehn Jahre älteren Weltmeister, der in den vergangenen Jahren keine ernsthafte Konkurrenz mehr gewöhnt war und sich nun plötzlich einem Gegner in einem gleichwertigen Auto gegenübersieht. Die beiden besten Piloten des Feldes gehen für den Erfolg ans Limit – und manchmal auch darüber hinaus.

Eine wichtige Rolle in diesem Duell spielt auch das emotionsgeladene Verhältnis zwischen Mercedes-Sportchef Toto Wolff auf der einen und dem Red-Bull-Führungsduo aus Teamchef Christian Horner und Motorsport-Koordinator Helmut Marko auf der anderen Seite. Alle Beteiligten wollen sicher in erster Linie den Erfolg des eigenen Teams, doch vor dem Rivalen zu stehen, hat auch eine große Bedeutung.

Dass die Fia im Anschluss an das Rennen eine Drei-Plätze-Strafe gegen Verstappen für einen Zwischenfall aussprach, den die meisten Experten und Fahrer von Fernando Alonso über Daniel Ricciardo bis Martin Brundle und Ralf Schumacher eher als normalen Rennunfall einstuften, wird nicht dazu beitragen, die Wogen zu glätten. Bei Red Bull hat man ohnehin schon länger das Gefühl, dass der Motorsport-Weltverband im Zweifel eher auf der Seite von Mercedes stünde.

Red-Bull-Pilot Max Verstappen befreit sich aus dem Wrack

Red-Bull-Pilot Max Verstappen befreit sich aus dem Wrack

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Red Bull wird wegen der Monza-Strafe vermutlich die Chance nutzen, schon beim kommenden Rennen in Sotschi (26. September, Liveticker SPIEGEL.de, TV: Sky) Verstappens Motor zu wechseln. In der Formel 1 darf jeder Fahrer im Laufe einer Saison drei der unterschiedlichen Elemente in der Antriebseinheit verwenden und der Niederländer hat – wie Hamilton auch – die Grenze erreicht. Nach dem Einbau der vierten Einheit werden die Fahrer in der Startaufstellung zurückversetzt, das könnte in Russland mit den langen Geraden, wo Überholen etwas einfacher ist als auf anderen Strecken, gut passen.

Wo hat Red Bull aufgeholt?

Dass der Titelkampf in diesem Jahr so eng geworden ist, Red Bull einen großen Teil der Mercedes-Überlegenheit der vergangenen Jahre abarbeiten konnte, liegt an verschiedenen Faktoren.

Erstens schadeten die auf den ersten Blick gar nicht so massiven Aerodynamik-Regeländerungen für diese Saison Mercedes mehr als der Red-Bull-Konkurrenz. Das liegt an den unterschiedlichen Konzepten der Autos: Der Mercedes besitzt einen sehr flachen Anstellwinkel, das heißt, die Bodenfreiheit ist vorn und hinten fast gleich, während der Red Bull deutlich steiler angestellt ist.

In der Praxis bedeuteten die vorgegebenen Einschränkungen am Diffusor im Heck, dass Mercedes deutlich mehr Abtrieb verlor als die Konkurrenz. Einen Teil davon konnte man zwar durch entsprechende Entwicklungsarbeit wieder gutmachen – im Gegensatz etwa zum Vettel-Team Aston Martin, das auch ein Opfer der neuen Regeln wurde – aber eben nicht alles.

Zweitens hat Motoren-Partner Honda gegenüber Mercedes einiges an Boden gutgemacht – auch wenn aus Kostengründen Verbesserungen nur im Bereich der Zuverlässigkeit erlaubt sind. Die Honda-Motoren haben nicht mehr Leistung zur Verfügung, höhere Zuverlässigkeit bedeutet aber auch, die theoretisch zur Verfügung stehende Leistung öfter und über längere Zeit abrufen zu können, ohne Schäden befürchten zu müssen.

Drittens unterlaufen dem Erfolgsteam Mercedes, das die Formel 1 seit 2014 beherrschte, ungeahnte Fehler, die in den vergangenen Jahren eben nicht unterliefen. Sowohl beim Team in Sachen Strategie oder Boxenstopps als auch bei Hamilton, wie etwa in Monza beim verpatzten Start im Sprintrennen. Hamilton hatte dabei sogar mehrmals Glück, etwa bei seinem Ausrutscher im Regen in Imola, als der folgende Crash zwischen seinem Teamkollegen Valtteri Bottas und George Russell für eine Rote Flagge sorgte und ihn so wieder ins Rennen brachte.

Verstappen könnte noch weiter vorn liegen

Unverschuldetes Pech ist sowieso eher auf der Seite von Verstappen zu finden. Selbst wenn man die erste Kollision mit Hamilton in Silverstone, die eher auf das Konto des Briten ging, außen vor lässt: Der Reifenschaden von Baku, der Abschuss durch Bottas am Start in Ungarn – ohne diese Zwischenfälle läge der Niederländer in der WM schon deutlich klarer voran als nur um fünf Punkte.

Vor dem Monza-Wochenende hatte man bei Red Bull gesagt, Mercedes sei auf jeden Fall der Favorit, es gehe nur darum, Schadensbegrenzung zu betreiben. Tatsächlich war der schwarze Silberpfeil zwar immer noch etwas schneller, »allerdings nur noch maximal vier Zehntel statt einer Sekunde im Jahr 2020«, sagte Marko. Doch das schlechte Sprintqualifying und der Crash im Rennen sorgten letztlich dafür, dass aus der »Schadensbegrenzung« sogar ein Ausbau der Führung für Verstappen um zwei Zähler wurde.

Ein Ausblick auf die restliche Saison zeigt, dass der Titelkampf womöglich bis zum letzten Rennen in Abu Dhabi eng und spannend bleiben dürfte. Sotschi gilt als Mercedes-Strecke, dort dürfte Hamilton, auch wegen der Versetzung Verstappens, als Favorit ins Rennen gehen. Es sei denn, Mercedes sieht sich auch gezwungen, Hamiltons Antriebseinheit zu wechseln, dann könnten die Rivalen gemeinsam vom Ende des Feldes ins Rennen gehen. Auf dem Rest der noch anstehenden Kurse sollten die Voraussetzungen eher ausgeglichen sein – mit vielleicht leichten Vorteilen für Red Bull in Mexiko und Brasilien – auch deshalb, weil man in den vergangenen Jahren mit der dortigen Höhenlage besser zurechtkam. Ob dieser Vorteil greifen wird, ist allerdings noch gar nicht ganz sicher. Die Coronapandemie hat den Rennkalender bereits mehrmals durcheinandergewirbelt.

Man darf nur hoffen, dass sich Verstappen und Hamilton in den ausstehenden Rennen wieder mehr auf die eigenen Rennen denn auf den Konkurrenten konzentrieren. Ohne Halo hätte schon der Unfall in Monza ganz anders enden können.

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