McLaren unter Spionageverdacht Angst vor dem Ausschluss

Die Formel-1-WM könnte dieses Jahr nicht auf der Piste, sondern am Grünen Tisch entschieden werden. Heute entscheidet der Weltverband im Spionagefall "McLaren vs. Ferrari". An der Besetzung des Fia-Gremiums gibt es heftige Kritik.
Von Jörg Schallenberg

Ob der CD-Brenner zuhause defekt war? Oder konnte Trudy Coughlan den heimischen Computer gar nicht erst starten? Es bleibt eines der vielen ungelösten Rätsel der Spionage-Affäre in der Formel 1, warum die Ehefrau des inzwischen gefeuerten McLaren-Chefdesigners Mike Coughlan im Juni dieses Jahres einen Copyshop bei Woking aufsuchte. Dort, in der Nähe des McLaren-Firmensitzes, bat Mrs. Coughlan einen Angestellten, fast 800 Seiten Dokumente auf zwei CD-Roms zu ziehen.

Problem Nummer eins: Die sensiblen Daten stammten aus dem Hause Ferrari, dem größten Rivalen McLarens im Kampf um den WM-Titel. Problem Nummer zwei: Im Copyshop arbeiteten offenbar keine Fans des britischen Rennstalls. Denn der Mitarbeiter des Ladens informierte umgehend Ferrari über das brisante Material und löste damit ein sportrechtliches Verfahren aus, das heute in die nächste, möglicherweise entscheidende Runde geht.

Seit 9.30 Uhr tagt in Paris der World Motor Sports Council des Weltverbandes Fia, um zu entscheiden, ob sich die von McLaren-Chef Ron Dennis vertretene These des Einzeltäters Coughlan halten lässt oder die kürzlich aufgetauchten neuen Beweise eine breitere Mitwisserschaft beim F1-Team belegen. Die zweite Frage wäre dann, ob der derzeit dominierende Rennstall McLaren-Mercedes dieses Wissen genutzt haben könnte, um sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Vor Ort will auch McLaren-Mercedes Pilot Lewis Hamilton ein Statement abgeben. Das gilt auch für Ersatzpilot Pedro de la Rosa.

Bislang war unklar, worin die Beweise bestehen. Heute nun vermeldet die englische Tageszeitung "Times", dass der Fia seit Ende vergangener Woche ein weiteres Dossier vorliegen soll. Die 166 Seiten sollen zweierlei dokumentieren: den Mail-Verkehr zwischen Testfahrer Pedro de la Rosa und Weltmeister Fernando Alonso sowie Telefonate und SMS-Botschaften zwischen Coughlan und dem früheren Ferrari-Chefmechaniker Nigel Stepney. Brisant ist insbesondere die Mutmaßung des Blattes, dass Coughlan immer dann Stepney um Rat gebeten haben soll, wenn die Silberpfeil-Fahrer "eine Detailfrage" hatten, wie dpa schreibt. McLaren weist alle Vorwürfe des gezielten Ausspionierens zurück, es droht freilich die Aberkennung der schon sicher geglaubten WM-Titel in der Fahrer- und Konstrukteurswertung.

In der ersten Anhörung des Fia-Sportgerichts am 26. Juli war McLaren-Mercedes für nicht schuldig befunden worden – allerdings lediglich aus Mangel an Beweisen. Die scheinen jetzt vorzuliegen, falls die "Times" verlässlichere Informationen besitzt als die italienische "Gazzetta dello Sport". Deren Redakteur Pino Allievi musste vor wenigen Tagen eingestehen, dass er den vermeintlich belastenden Inhalt der Mails zwischen de la Rosa und Alonso erfunden hatte, um seine Artikel zu würzen.

McLaren-Boss Ron Dennis, der bisher als Musterbeispiel des korrekten Sportsmanns galt, wird der Rückzieher kaum beruhigen. Angesichts der neuen Meldungen und Gerüchte steht seine Glaubwürdigkeit heute ebenso auf dem Spiel wie die Reputation des neben Ferrari renommiertesten und traditionsreichsten Rennstalls der Formel 1.

Bei der Scuderia dagegen blickt man dem Termin erwartungsfroh entgegen. Ferrari-Chef Luca di Montezemolo verkündete am Rande der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt am Main schon einmal die Linie des Teams: "Eine Weltmeisterschaft am Grünen Tisch ist auch ein Erfolg." Der Daimler-Vorstandsvorsitzende Dieter Zetsche beteuerte an gleicher Stelle, dass er "dem Donnerstag gelassen entgegen" sehe. Tatsächlich beobachtet man die ungünstige Entwicklung beim Motorenlieferanten Mercedes mit einiger Besorgnis. Zwar steht der deutsche Partner nicht unter Spionageverdacht. Aber eine Verurteilung McLarens wäre für das Image von Mercedes alles andere als förderlich.

Auf dem Prüfstand steht in diesen Tagen allerdings auch die Gerichtsbarkeit der Fia, deren Abläufe hinter verschlossenen Türen und ohne eindeutige Regeln kaum zu überprüfen sind. Auch die Zusammensetzung des World Motor Sport Councils ist einem zur Neutralität verpflichteten Gremium nicht würdig. Unter den 26 Teilnehmern findet sich neben Ferrari-Teamchef Jean Todt (der nicht abstimmen darf) ein Vertreter des italienschen Automobilsportverbandes, der Ferrari geschäftlich verbunden ist, ebenso wie F1-Impresario Bernie Ecclestone, der ein Interesse daran haben muss, dass sein Geschäftsfeld nicht zu sehr geschädigt wird. Ein Ausschluss von McLaren-Mercedes dürfte Ecclestone auch kaum gefallen.

So droht heute eine Entscheidung, die weniger den vorliegenden Beweisen gerecht wird als dem Bemühen, einen tragbaren Kompromiss zwischen allen Beteiligten zu zimmern. Da passt es, dass die Aberkennung von Punkten der Konstrukteurswertung für McLaren-Mercedes als wahrscheinlichstes aller Urteile gilt. Damit wäre die weitaus populärere Fahrerwertung nicht in Gefahr, und die Konsequenzen überschaubar: Neben dem Verlust der Punkteprämien droht dann als schlimmstes Ungemach der Zwangsumzug in den kleinsten Verhau am Ende der Boxengasse für die kommende Saison.

Aufatmen dürfte Dennis aber auch dann nicht. Seit dem vergangenen Wochenende ermittelt auch die italienische Staatsanwaltschaft gegen seine Firma wegen des Verdachts der Werksspionage. Möglicherweise wird Dennis auch noch vor einem, im besten Wortsinne, ordentlichen Gericht aussagen müssen.

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