Michael Schumacher Auf Augenhöhe mit Pelé und Ali

Der deutsche Darling war er nie, Michael Schumacher schätzte stets die Distanz. Dennoch werden ihn Millionen von Rennsportfans vermissen. Der erfolgreichste Formel-1-Pilot der Geschichte tritt nach fast 16 Jahren am Ende der Saison ab.

Aus Monza berichtet


Eben noch hatte er über der jubelnden Menschenmenge geschwebt, auf der tassenförmigen Plattform über der Zielgeraden, auf der in Monza die Siegerehrung zelebriert wird. Er hatte das Rennen eindrucksvoll gewonnen, jetzt wandelte er freudetrunken herum und schien gar nicht weggehen zu wollen. Als Michael Schumacher endlich das Kabuff für das obligatorische Fernsehinterview betrat, hatte er die Kappe tief ins Gesicht gezogen und schaute ernst. Es fiel ihm sichtlich schwer umzuschalten und die Nachricht, auf die alle warteten, zu verkünden. Schumacher druckste ein wenig herum, entschuldigte sich für die zähen Monate, in denen er der Frage nach seiner Zukunft ausgewichen war, aber man habe "erst den richtigen Augenblick" finden müssen, "dies ist er. Ich werde mich nach Ende dieser Saison zurückziehen".

Nach 250 Grand-Prix- Rennen und mindestens 90 Siegen steigt Schumacher aus, als siebenmaliger, vielleicht sogar achtmaliger Weltmeister ist nach dem Rennen in Brasilien am 22. Oktober Schluss. Er hatte sich mit viel Eifer auf diese Saison vorbereitet, doch er hatte auch gemerkt, dass es ihm künftig zu schwer fallen würde. "Je älter man wird, desto schwieriger wird es", sagte der 37-Jährige. "Ich konnte nicht erkennen, dass ich die Motivation und Stärke noch aufbringen werde." Seinen Platz im Ferrari-Cockpit wird jemand einnehmen, der elf Jahre jünger ist: der Finne Kimi Räikkönen, 26, hat einen Dreijahresvertrag bei der Scuderia unterschrieben. Schumacher selbst hat noch keine Pläne für seine Zukunft, "aber ich werde Ferrari verbunden bleiben". Als Berater, Repräsentant, was auch immer.

Wer allerdings erwartet hatte, Schumacher werde von Gefühlen übermannt in Tränen ausbrechen, sah sich getäuscht. Er wirkte bewegt, oft senkte er den Blick und nestelte am Kabel des Mikrophons. Aber er hatte sich im Griff, schließlich hatte er sich lange genug auf den Moment vorbereiten können. Nachfragen blockte er freundlich ab. Was ihn denn soviel Energie koste? "Ich weiß nicht", sagte er, nachdem er kurz durchgeatmet hatte. "Ich möchte auch nicht so sehr drüber nachdenken und, sorry, nicht weiter ins Detail gehen." Es seien noch drei Rennen zu fahren, "darauf werde ich mich jetzt konzentrieren".

Seit Donnerstag, seit seiner Ankunft an der Rennstrecke war Schumacher von Kameras verfolgt worden, jede Regung wurde festgehalten und interpretiert. Guckt er gerade traurig? Oder lächelt er? Wenn ja, was hat das zu bedeuten? Er selbst zeigte sich selten und ließ nicht erkennen, wie seine Entscheidung ausgefallen war. Dass er sich längst festgelegt hatte, daran brauchte niemand mehr zweifeln. Einen Entschluss von solcher Tragweite trifft ein analytisch denkender und handelnder Mensch wie er nicht im letzten Moment. So war es auch: Nach dem Rennen in Indianapolis, Anfang Juli, habe er der Teamführung mitgeteilt, dass er aufhören wolle, sagte Schumacher am Sonntag.

Schon bei seinem ersten Auftritt in Monza, in der persönlichen Pressekonferenz am Donnerstag, wirkte Schumacher entspannt wie jemand, der mit sich im Reinen ist. Im völlig überfüllten Ferrari-Zelt saß er auf einem Barhocker, in Jeans und Hemd, die rote Kappe auf dem Kopf, und amüsierte sich darüber, wie die Journalisten einander in dem Versuch überboten, ihm irgend einen verräterischen Satz zu entlocken. Ob er für den Fall des Rücktritts wisse, was er dann mache? Da gäbe es keinen Plan, sagte Schumacher lächelnd. "Dann wäre ich wohl ... arbeitslos."

Vier Tage lang herrschte eine ungewohnt melancholische Stimmung im Fahrerlager von Monza. Als läge jemand auf der Intensivstation, und alle warten auf die Nachricht, dass nun die Apparate abgeschaltet worden sind. Die Diskussionen darüber, was er denn vorhat, wogten hin und her, aber die meisten ahnten wohl, dass Schumacher seinen Abschied anzukündigen gedachte. Kein öffentliches Gespräch mit Fahrern, Technikern oder Teamchefs verging, ohne dass die Befragten gebeten wurden, einen Nachruf zu formulieren. Unter Vorhalt natürlich, aber die Einschränkung war bereits verhallt, kaum dass sie ausgesprochen war. Wie sehr sich alle auf ein Zeichen von Schumacher fixierten, das empfand der junge BMW-Testfahrer Sebastian Vettel so: Es könnte jemand nackt herumlaufen, es würde keiner hingucken.

Erster Grand-Prix-Sieg 1992 in Spa

In sechs Wochen also geht in São Paulo die Karriere eines Mannes zu Ende, den eine finnische Zeitung vergangene Woche auf Augenhöhe mit Pelé, Muhammad Ali und Tiger Woods hob. Dass sich einer der erfolgreichsten (und wohlhabendsten) Sportler aller Zeiten zurückzieht, das belegt schon allein die bombastische Statistik. Beeindruckend ist vor allem, wie lange er sich an der Spitze hielt. 1992 gewann er in Spa seinen ersten Grand Prix, fast jedes Jahr kämpfte er fortan um den WM-Titel mit - und hat nach dem Monza-Sieg eine sehr gute Chance, sogar als Weltmeister aus seinem Ferrari zu klettern. Schumacher prägte wie kein anderer Grand-Prix-Pilot eine Ära. Als er in August 1991 in der Formel 1 auftauchte, hatten Becker und Stich gerade das Wimbledon-Finale gespielt, Deutschland lag im Tennis-Fieber und war Fußball-Weltmeister. Die Autos bekamen die ersten Airbags. Die Bundesregierung saß in Bonn und Kohl im Kanzleramt (insgesamt 16 Jahre, eine Parallele zu Schumachers Karriere).

"Schumi", wie er schnell hieß, wurde nie zum deutschen Darling. Er verweigerte sich der Unklammerung durch die Öffentlichkeit, das bisschen Private, das er preisgab, dosierte er sparsam und kontrolliert es nach Möglichkeit. Er zog nach Monte Carlo und weiter in die Schweiz, setzte sich immer mal wieder bei Gottschalk aufs Sofa, vermied es jedoch, sich als Dauergast des Talkshow-Zirkusses abzunutzen. Anders als Boris Becker erfindet er sich nicht permanent neu, bis ihn alle satt haben. Schumacher ist der Prototyp des Rennfahrers, der auf der Kartbahn aufgewachsen und ein bisschen spießig geblieben ist. Er tut gar nicht erst so, als habe er zu allem eine Meinung, die auch jeder hören muss. Und wahrt damit eine Distanz, die er als Freiheit empfindet.

Tja, und nun? Irgendwie wird es wohl wie mit einem Nachbarn sein, der nach vielen Jahren mitteilt, dass er wegziehen werde. Das Leben hatte einen zufällig zusammengebracht, für eine dicke Freundschaft reichte es zwar nicht, aber man redete oft am Zaun miteinander. Dann ist er weg, und man merkt: War ja eigentlich doch ganz schön mit ihm.



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