Motorsport im Dritten Reich Flitzer für den Führer

In den dreißiger Jahren war Mercedes ein überaus erfolgreicher Rennstall. Nazi-Größen sonnten sich im Glanz der PS-Triumphe. Vielen Fahrern war die Nähe zu den braunen Größen durchaus recht, wie ein neues Buch belegt.

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Samstag, 2. Juni 1934, Nürburgring. Ein Rennen steht an. Mercedes-Benz will mit seinem neuen Modell W25 an den Start gehen, doch es gibt ein Problem: Die Wagen sind zu schwer. 750 Kilogramm ist das Maximum, die Boliden liegen zwei Kilogramm über dem Höchstgewicht. Nicht einmal 24 Stunden bleiben bis zum Start. "Uns muss noch etwas einfallen, sonst sind wir die Lackierten", stöhnt Fahrer Manfred von Brauchitsch und bringt seinen Rennleiter Alfred Neubauer damit auf eine Idee.

So schmirgeln in der Nacht vor dem Rennen Mercedes-Mechaniker die weiße Lackierung von den Autos und drücken deren Gewicht auf diese Weise unter 750 Kilogramm. Am nächsten Morgen rollen die Boliden in metallischem Silber an den Start, von Brauchitsch gewinnt das Eifelrennen - die Legende von den Silberpfeilen war geboren.

Eine schöne Geschichte, doch leider stimmt sie nicht. Das behauptet zumindest Eberhard Reuß in seinem neuen Buch "Hitlers Rennschlachten" (Aufbau-Verlag). Demnach glänzten die Modelle von Mercedes-Benz schon deutlich früher unlackiert silbern, was zeitgenössische Fotos und Augenzeugenberichte belegen sollen. Strenggenommen sind die Mercedes-Silberpfeile ohnehin nur zweite Wahl. Die Konkurrenz von der Auto Union hatte ihre neuen Rennwagen schon früher in Silber auf die Strecke geschickt. 

Doch diese Anekdote macht nur einen kleinen Teil des Buches aus. Reuß geht es vielmehr darum, die Geschichte der Silberpfeile von Mercedes-Benz und Auto Union in der NS-Zeit darzustellen. Er lässt dabei vor allem einen Schluss zu: Rennsport war in diesen Jahren niemals unpolitisch.

Adolf Hitler wünschte einen Nationalrennwagen, der den technischen Fortschritt und die Dominanz Deutschlands unter Beweis stellen sollte. Dafür wurden Mercedes und Auto Union seit der Machtergreifung 1933 mit großen Summen unterstützt. Die Konzerne nahmen dankbar an und schufen die Silberpfeile: Rennwagen, die dank finanzieller Unterstützung durch den Staat und großem technischem Fortschritt in den folgenden Jahren nahezu jedes Rennen gewinnen sollten. Und in Verbindung mit tollkühnen Fahrern ein willkommenes Propaganda-Instrument für das Naziregime darstellten.

Diese Abhängigkeiten ("Eine Hand wäscht die andere") schildert Reuß und beleuchtet dabei auch das Verhältnis der Fahrer zur Politik. Nicht selten wussten die Akteure ihre guten Verbindungen zu Machthabern des "Dritten Reichs" zu nutzen und ihre Karriere so in die richtige Bahn zu lenken. Die Parteifunktionäre wiederum sonnten sich im Ruhm der PS-Helden. Bernd Rosemeyer (Auto Union) war der größte von allen. Auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn war "Der blonde Bernd" noch populärer als Boxweltmeister Max Schmeling - und seit Jahren Mitglied der SS.

Das letzte Rennen für viele Jahre wurde am 3. September 1939 in Belgrad ausgetragen. Zwei Tage zuvor war die deutsche Wehrmacht in Polen einmarschiert. Fast schon makaber klingt da die Schwärmerei des Mercedes-Spitzenpiloten Rudolf Caracciola nach seinen ersten Fahrten im Silberpfeil. "Zu dieser Leistung gehörte auch ein guter Ton: Das Kompressorgeheul, schrill, aufreizend, schneidend, war auf Kilometer zu hören - das war ein Ton, den man für lange Zeit im Gedächtnis behalten würde."



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