Erste Rennserie für Frauen Sprungbrett oder Rückschritt für die Gleichberechtigung?

In Hockenheim feiert die erste internationale Serie für Frauen Premiere. Sie soll zu einer Karriere in der Formel 1 verhelfen. Einige Fahrerinnen sehen darin jedoch einen "historischen Schritt zurück".
Esmee Hawkey

Esmee Hawkey

Foto: Matthias Hangst/Getty Images

Im Motorsport gibt es keine Geschlechtertrennung. Ein Alleinstellungsmerkmal in der Welt des Leistungssports. Frauen können theoretisch bis in die Formel 1 gegen Männer antreten. Die Realität aber sieht anders auch: Seit 1950 waren es mit Maria Teresa de Filippis und Lella Lombardi genau zwei Frauen, die jemals ein Formel-1-Rennen bestritten haben. 688 Männer waren es im gleichen Zeitraum (Lesen Sie hier einen Text über die Spurensuche in der Machowelt Formel 1). Die neue "W Series" will Fahrerinnen zu einer Karriere als Profi verhelfen.

Was ist die W Series?

18 Starterinnen aus 13 Ländern werden ab diesem Wochenende (Rennen: Sonntag, 16.10 Uhr, Livestream: W Serie ) an sechs Rennwochenenden die erste Saison der W Series bestreiten. Mehr als 50 Fahrerinnen hatten an einem Auswahlverfahren teilgenommen, das seit Januar unter Aufsicht von David Coulthard, einst Vizeweltmeister der Formel 1 und heute im Vorstand des neuen Wettbewerbs, und dem früheren Formel-1-Piloten Alexander Wurz auf verschiedenen Rennstrecken stattfand. Nicht allein Fahrtalent war entscheidend, auch technisches Verständnis und öffentliches Auftreten spielte bei der Vergabe der Startplätze eine Rolle.

Wie läuft die W Series?

Die Serie wird im Rahmenprogramm der DTM stattfinden. Gefahren wird in Einheitsautos mit Formel-3-Standard. Die weiteren Stopps nach dem Auftakt in Hockenheim sind Zoldern (Belgien), Misano (Italien), Norisring (Deutschland) und Assen (Niederlande). Das Finale wird am 10. und 11. August auf dem Brands Hatch Circuit (Großbritannien) aufgerufen. Ein Preisgeld von insgesamt 1,5 Million US-Dollar wird bis runter an den 18. Rang ausgezahlt. Die Gewinnerin erhält 500.000 US-Dollar.

Was will die W Series?

Die W Series sieht sich selbst als Plattform, auf der Fahrerinnen auf Formel-3-Niveau professionelle Erfahrungen sammeln sollen, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass einige von ihnen es in die Formel 1 schaffen. "Im Motorsport geht es nicht um die Maximalkraft. Es ist nicht wie im Sprint, wo man umso schneller ist, je stärker man ist", sagte Mitfavoritin Jamie Chadwick der britischen Tageszeitung "Telegraph" . "Frauen können das. Es wird einiges brauchen, aber Frauen und Männer können miteinander auf dem höchsten Niveau Rennen bestreiten", sagte die 20 Jahre alte Engländerin, die als erste Fahrerin die nationale GT-Meisterschaft gewann.

"Für Erfolge im Rennsport braucht es Talent, Entschlossenheit und körperliche Fitness. Aber ein Mann muss man dafür nicht sein", sagt Coulthard: "Es gibt keinen Grund, warum der nächste Lewis Hamilton keine Frau sein sollte." Der geringe Anteil an Frauen in den Topserien sei vor allem eine Folge fehlender Förderung. Der Weg aus dem Kartsport bis in die Formel 1 kostet bis zu acht Millionen Euro, das hat Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff einmal vorgerechnet. Und da die Sponsoren im Rennsport im Zweifel noch immer eher auf einige der zahlreichen Jungs setzen, haben Mädchen es von Beginn an deutlich schwerer. Da wolle die W Series ansetzen, so Coulthard.

Hier geht es zu einer Multimedia-Geschichte über die verschiedenen Wege in die Formel 1: Der teuerste Sport der Welt.

Was sagen die Fahrerinnen?

"Die Formel 1 ist sehr, sehr schwer zu erreichen", sagt Naomi Schiff. "Hoffentlich hilft uns die W Series, dieses Ziel zu erreichen und jüngeren Frauen diese Zukunft zu ermöglichen." Die Starterinnen freuen sich über die Chance, ihre Karriere weiterentwickeln zu können, ohne sich Gedanken darüber machen zu müssen, woher das Geld dafür kommt: "Der beste Weg für Frauen, um direkt einen ersten Eindruck für Frauen in dieser Branche zu machen, besteht darin, 18 Fahrerinnen auf die Rennstrecke zu bringen und das Ganze zu einem voll finanzierten Deal zu machen, bei dem ich mir keine Gedanken darüber machen muss, wann der nächste Scheck kommt", sagt Shea Holbrook.

Im Video: Die letzte Testfahrt vor dem Saisonauftakt

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Was sagen die Kritikerinnen?

Die W Series soll also im besten Fall Überholspur auf dem Weg in die Königsklasse sein. Sie wird aber auch anders wahrgenommen. Als "traurigen Tag für den Motorsport" und "historischen Schritt zurück" bezeichnete etwa die frühere britische IndyCar-Pilotin Pippa Mann die Schaffung der Serie: "Die Frauen werden abgetrennt statt unterstützt." Diese Sicht ist durchaus verbreitet. "Für mich ist das der falsche Weg", sagte Sophia Flörsch, eine der talentiertesten deutschen Pilotinnen, der "Autobild". Die W Series, findet die 18-Jährige, laufe gar gegen einen gesellschaftlichen Trend an: "Alle versuchen derzeit, uns gleichberechtigt zu behandeln. Und dann kommt sowas! Das heißt ja eigentlich, dass sie nicht daran glauben, dass wir gegen Männer bestehen können. Deshalb will ich da nicht fahren."

sak/sid/dpa/Reuters
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