Mythos Silverstone "Fantastisch, schnell, unverwechselbar"

Geschichte aus Asphalt: Der Silverstone Circuit hat das allererste Formel-1-Rennen erlebt, nun wird er aussortiert. 42 Grand Prix fanden in den legendären Kurven statt. Frieder Schilling erinnert an spektakuläre Unfälle, heftige Regengüsse und einen Flitzer.


Jochen Mass' Premiere war kurz. Am 14. Juli 1973 beschleunigte er seinen Surtees-Ford aus der Startaufstellung in Silverstone. Der Große Preis von Großbritannien war, im Alter von 26 Jahren, das erste Formel-1-Rennen des Deutschen. Und es war schnell und spektakulär vorbei. Knapp eine Minute jagte er sein Auto durch die Kurven, bis er in einem der größten Massencrashs der Formel-1-Geschichte endete. Der Südafrikaner Jody Scheckter war ins Schleudern geraten. Die ersten Fahrzeuge hatten noch ausweichen können, acht Boliden jedoch rasten ineinander. Und wurden Teil der Legende von Silverstone. Wenn am Sonntag (14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) der 43. British Grand Prix abgewinkt wird, bedeutet dies das vorläufige Ende einer Institution. Kaum eine Strecke hat so viel erlebt, wird von den Piloten so gelobt wie das "Home of British Motor Racing", wie die Besitzer sich selbst getauft haben. Ab kommender Saison soll im Donington Park gefahren werden. Formel-1-Vermarkter Bernie Ecclestone will es so. Silverstone sei nicht modern genug, die Infrastruktur müsse verbessert werden. Es wird also das Ende sein, dort wo der Anfang war.

Am 13. Mai 1950 erlebte Silverstone - ein altes Flughafengelände der Royal Air Force - das erste Formel-1-WM-Rennen der Geschichte. Sieger: der Italiener Giuseppe Farina im Alfa Romeo, am Ende des Jahres erster Weltmeister der Formel 1. Es folgten Jahrzehnte voll Motorsportgeschichte in den schnellen Kurvenkombinationen des Silverstone Circuits, die bis heute Piloten schwärmen lassen: "Die ganze erste Passage in Silverstone ist fantastisch, sehr schnell, unverwechselbar", sagt BMW-Pilot Nick Heidfeld. Weltmeister Lewis Hamilton klingt gleichermaßen begeistert: "Copse, Becketts und Bridge sind fantastische Vollgaskurven, hier zeigen sich die Kraft und der Grip eines Formel-1-Autos."

Über die Jahre hinweg ist der Kurs immer wieder entschärft worden. Schikanen wurden eingebaut, um die Gefahr für die Piloten zu reduzieren. Erinnerungswürdige Rennen aber bekamen die oft 100.000 Fans regelmäßig zu sehen - immer wieder bedingt durch die unsichere Wetterlage und den starken Regen. So musste das Rennen 1975 beispielsweise zehn Runden vor Schluss abgebrochen werden. Ein heftiger Platzregen hatte zu einer Kollision von sechs Autos geführt. Abbruchsieger wurde der Brasilianer Emerson Fittipaldi.

Den meisten Motorsportfans im Gedächtnis werden die Geschehnisse der neunziger Jahre sein. Hauptdarsteller war jedesmal der siebenmalige Weltmeister Michael Schumacher. 1994 überholte er in der Formationsrunde Polesetter Damon Hill, was ihm eine Fünf-Sekunden-Strafe einbrachte, abzusitzen in der Box. Die Aufforderung zu dieser ignorierte er genauso wie die wenig später für ihn geschwenkte schwarze Flagge, die ihm seine Disqualifikation signalisierte. Es folgte eine Diskussion zwischen Schumachers damaligem Teamchef Flavio Briatore und Bernie Ecclestone. Resultat: Zurücknahme der Disqualifikation. Schumacher saß wenig später die Strafe ab und sah als Zweitplazierter die Ziellinie.

1995, die sportliche Rivalität zwischen dem deutschen Formel-1-Helden und Damon Hill aus England war auf dem Höhepunkt, krachte es in Silverstone. In der Priory-Linkskurve setzte sich Hill allzu optimistisch innen neben Schumacher und katapultierte beide Boliden ins Kiesbett. Möglicherweise eine Retourkutsche für das Abschlussrennen der vorausgegangenen Saison, als Schumacher Hill in Australien von der Strecke fuhr und sich damit den Titel sicherte. Oder aber ein überfordertes Nervenkostüm vor 90.000 britischen Fans.

Drei Jahre später gewann Schumacher in Silverstone eines seiner unzähligen Regenrennen - allerdings nicht auf der Strecke. Weil er während einer Gelbphase überholt hatte, verdonnerten ihn die Stewards zu einer Zehn-Sekunden-Strafe. In seiner letzten Runde bog er deshalb statt über die Ziellinie zu fahren in die Box ab, um die Strafe abzusitzen. Ein unnötiges Manöver, denn in den letzten zehn Rennrunden verhängte Zeitstrafen werden laut Reglement einfach auf die Schlusszeit aufgerechnet. Kurze Zeit später jedoch stand fest: Der Ferrari-Pilot hatte in der Box die Ziellinie überfahren und wurde zum Sieger erklärt.

1999 erlebte Schumacher in Silverstone den wohl heftigsten Unfall seiner Karriere. Wenige hundert Meter nach dem Start wollte der Ferrari-Pilot seinen Teamkollegen Eddie Irvine in der Stowe-Kurve außen überholen. Doch anstatt zu bremsen raste er von der Strecke, übers Kiesbett und in die Reifenstapel. Schuld war ein Bremsdefekt. Mit einer Geschwindigkeit von 107 Stundenkilometern schlug er ein, mindestens 20 G, also das Zwanzigfache seines Körpergewichts, wirkten auf ihn. Das letztlich glückliche Resultat: ein glatter Schien- und Wadenbeinbruch im rechten Unterschenkel.

Unerwarteten Besuch bekamen die Piloten im Jahr 2003 auf einer Geraden, die sie mit rund 300 Stundenkilometern entlangrasten. In Runde zwölf lief plötzlich ein Mann auf die Strecke. Er trug einen Schottenrock und streckte den Fahrern ein Plakat entgegen, auf dem er sie aufforderte, die Bibel zu lesen. "Ich musste ausweichen und habe mich ein bisschen erschrocken. Aber es war nicht wirklich gefährlich, denn der Mann war nicht so verrückt, direkt in die Autos hinzulaufen", sagte Michael Schumacher damals ganz gelassen.

Er hatte bereits anderes in Silverstone erlebt.



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