Pistenpatrouille Der Herr der Ringe

Er hat den neuen Hockenheimring mit entworfen und auch die Rennstrecke in Sepang. Vor dem Großen Preis von Malaysia stellt SPIEGEL ONLINE den deutschen Architekten Hermann Tilke vor. Der träumt von seinem nächsten Großauftrag in der Wüste von Bahrein.

Von Inga Stracke


Hallo liebe Formel-1-Freunde oder "Selamat datang", wie man in Malaysia sagt!

Hermann Tilke
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Hermann Tilke

Der Kurs hier wurde vom deutschen Architekten Hermann Tilke in Zusammenarbeit mit Ex-F1-Pilot Marc Surer gebaut. Als Berater hat übrigens auch Michael Schumacher mitgewirkt. Rund 80 Millionen Euro hat die Strecke direkt am Internationalen Flughafen von Kuala Lumpur gekostet. 1999 fand nach 14 Monaten Bauzeit die Formel-1-Premiere statt. Zeitweise arbeiten 2500 Arbeiter gleichzeitig. Zur Verschönerung wurden 10.000 Palmen rund um den Kurs gepflanzt. Die Millionenstadt Kuala Lumpur ist etwa 30 Minuten Fahrtzeit (mit dem PKW) entfernt.

Die Strecke in Sepang besteht aus 15 Kurven und acht Geraden und ist mit 16 Metern einer der breitesten Formel-1-Kurse. Beeindruckend sind die sicheren und großen Auslaufzonen. Die Boxenausfahrt allerdings ist gewagt - direkt in der 180-Grad-Kehre zwischen der Doppelgeraden.

Das Streckenlayout hat von jedem der aktuellen Formel-1-Strecken das Beste übernommen - eine scharfe Rechtskurve gleich nach dem Start, gefolgt von einer noch schärferen Linkskurve und einem schnellen Rechtsbogen. Danach wird hochbeschleunigt auf über 215 Stundenkilometer. Kurve vier (ein Rechtsknick) ist eine eventuelle Überholmöglichkeit, gefolgt von einem Kurvengeschlängel, ähnlich wie in Budapest, aber mit 220 bis 240 Stundenkilometern eine Ecke schneller. Vor der schwierigen Doppelrechtskombination (Kurve sieben und acht) wird auf 140 herunter gebremst, dann geht es wieder mit über 200 Stundenkilometern steil bergab zur Kurve Nummer neun: ein Linkshaken, in dem es gleichzeitig wieder bergauf geht (ähnlich der Tosa in Imola). Die Kurven zehn und elf, ein Rechtsbogen, dann eine Links, hoch bis 290, Kurve 14, eine Kehre, welche die schnelle Gegengerade einleitet. Am Ende der großen Tribüne eine Linkskehre (Kurve 15), aus der die Boxeneinfahrt abgeht - und wieder zurück mit Vollgas auf die Start-Ziel-Gerade.

Auch Teile des neuen Hockenheimringes hat Hermann Tilke entworfen - und sein Team hat den Auftrag für die neue Rennstrecke in Bahrein erhalten. Für Tilke, 48, wie ein Traum: "Das Fahrerlager wird wie eine große Wüstenoase. Von da aus wird auch das Rennen gestartet. Der Kurs führt durch die Dünen raus in die Wüste, wieder zurück in die grüne Oase."

Die Rennstrecke in Sepang
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Die Rennstrecke in Sepang

Tilkes Aachener Architekturbüro hat sich in den letzten Jahren stark auf Rennstrecken konzentriert: "In meinem Team habe ich 70 Ingenieure und Architekten, die an den Rennprojekten arbeiten", erklärt der Sauerländer stolz. Das Formel-1-Fieber hat auch ihn gepackt, bei den meisten Grand Prix sieht man ihn vor Ort. "Wir sind darauf spezialisiert, Rennstrecken zu bauen, die einen hohen Wiedererkennungswert haben. Wir versuchen immer Strecken zu bauen, die anders sind als andere, das sieht man ja hier in Malaysia", erklärt Tilke. "Der umgebaute Hockenheimring, der veränderte Kurs in Silverstone, eine neue Organisation des Fahrerlagers und neue Tribünen in Monza, und so weiter."

Natürlich haben die Fahrer ihre eigenen Wunschvorstellungen. Wie sieht der ideale Kurs für Heinz Harald Frentzen aus? "Man müsste aus interessanten Kurven eine gute Kombination finden, so dass auch die Zuschauer das Gefühl haben, nah an der Strecke zu sein", empfiehlt der Mönchengladbacher, "dazu müsste man wegen der Sicherheit dafür sorgen, dass man genügend Auslaufzonen hat. Alle Strecken sind Kompromisse, die perfekte Strecke gibt es noch nicht. Der Nürburgring ist, glaube ich, mit Abstand die sicherste Strecke."

Den Piloten gibt Tilke vor allem in punkto Sicherheit gerne ein Mitspracherecht: "Sie schauen sich die Strecke schon genau an und sagen, wo es eventuell ein Sicherheitsproblem geben könnte, was man noch ändern muss. Auch in der Planungsphase unterhält man sich natürlich viel mit den Fahrern. Wir sind für jede Idee dankbar, teilweise kommen von einzelnen Piloten auch ganz konkrete Vorschläge."

Doch Tilke kann nicht immer so, wie die Schumacher-Brüder, Coulthard oder Frentzen gerne wollen: "Es gibt sein paar Punkte, wo man sich die Haare rauft. Es gibt manche Rennstrecken, die viele Restriktionen haben - allein schon vom Landbesitz her - dass da irgendwo ein Stückchen Platz fehlt, das man eigentlich brauchen würde. Dazu gibt es jede Menge anderer Dinge, die man eben beachten muss. Aber es geht, damit muss man eben zurechtkommen."

Vor rund 16 Jahren machte sich Tilke als Architekt selbständig. Weil er selbst Autorennen fährt, kam er auf die Idee an den Strecken etwas zu verändern. "So begann das mit ganz kleinen Aufträgen", erinnert sich Tilke. Der erste war mit 600 Mark dotiert. Am Nürburgring besserte er einen kleinen Serviceweg aus. Sein bislang größtes Projekt hat er mit dem Kurs in Malaysia verwirklicht. Eine Strecke auf der grünen Wiese zu entwerfen und zu bauen, das ist dem Porschefahrer am liebsten.

Über Tilkes Meisterstück in Sepang kann Ralf Schumacher nur Positives sagen: "Es ist auf alle Fälle eine gute Strecke. Sie ist sehr modern mit großen Auslaufzonen. Von daher kann man auch mal rausfliegen, ohne großartig etwas kaputt zu machen oder sich selbst zu verletzen!"

Auf ein spannendes Rennen, bis zum nächsten Mal!

Ihre Inga Stracke



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