Regelchaos bei der Formel 1 Da blickt keiner mehr durch

Max Verstappen ist in Japan Weltmeister wegen eines Regel-Halbsatzes geworden, von dessen Existenz niemand wusste. Das ist peinlich für den Sport. Die Fia muss nachbessern – auch in Sachen Sicherheit.
Eine Analyse von Nina Golombek
Pierre Gasly schrammte in Japan bei schlechter Sicht nur knapp an einem Bergefahrzeug vorbei

Pierre Gasly schrammte in Japan bei schlechter Sicht nur knapp an einem Bergefahrzeug vorbei

Foto: IMAGO/FLORENT GOODEN / IMAGO/PanoramiC

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Motorsport kann eine komplizierte Angelegenheit sein. Das ist nicht neu. Aber wenn selbst den Fahrern und ihren Rennställen nach einem Rennen nicht klar ist, ob sich jetzt eine Weltmeisterschaft entschieden hat oder nicht, ist das ein Problem.

Und die Lösung heißt nicht, dass alle Beteiligten mal besser ins Regelbuch geschaut hätten.

Nach dem Regenrennen in Spa im vergangenen Jahr, das zu einer Farce verkommen war, hatte der Weltverband Fia, seit Langem für sein kompliziertes Regelwerk in der Kritik, eine Passage des sportlichen Reglements geändert, die sich mit verkürzten Rennen beschäftigt. Gestaffelt ist dort nun zu lesen, wie viele Punkte es geben soll, wenn 25, 50 oder 75 Prozent der geplanten Renndistanz absolviert werden.

Genau diese Passage, die den Sport eigentlich fairer machen sollte, sorgte in Japan für Chaos.

Der entscheidende Halbsatz

Dort war das Rennen rund zwei Stunden unterbrochen, bevor nach Wiederaufnahme noch 28 Runden gefahren wurden. Die Strategen von Red Bull, die Kommentatoren, sie alle orientierten sich anhand dieser Kategorien, um auszurechnen, ob Verstappen in Suzuka seinen Titel verteidigen kann – und wenn ja, wie. Am Ende war man sich sicher: Es reichte knapp nicht.

Was übersehen wurde – auch seitens der am Erstellen des Reglements mitbeteiligten Teams – war ein »Schlupfloch«, wie auch McLaren-Chef Andreas Seidl zugab. Ein Halbsatz, der schon in den alten Regeln stand und der einfach übernommen wurde. Die anteilige Punktevergabe greift nämlich nur dann, wenn ein Rennen »abgebrochen und nicht wieder aufgenommen werden kann«.

Suzuka war ein Präzedenzfall; was mit den Punkten passiert, wenn ein verkürztes Rennen wieder aufgenommen wird, ist nicht festgelegt. Es kam noch nie vor.

Die Fia entschied sich dazu, die volle Punktzahl zu vergeben, obwohl nur 28 von 53 Runden absolviert waren. Offenbar war man selbst während des Rennens auf das »Schlupfloch« aufmerksam geworden, wie ein Statement der Fia-Analytikerin Emily Billingham in »Bild« naheliegt. Damit war sie aber weitgehend allein. Kommuniziert wurde das während des Rennens nicht.

Ein Traktor auf der Strecke bei wenig Sicht

Für noch mehr Aufregung, vor allem unter den Fahrern, sorgte in Japan zudem ein Bergungsfahrzeug, das sich trotz miserabler Sichtverhältnisse bereits auf der Strecke befand, um Carlos Sainz’ Ferrari von dort zu entfernen. Sainz hatte auf regennasser Bahn in der ersten Runde in der Anfahrt zu Kurve 11 die Kontrolle über sein Auto verloren.

Während der anschließenden Saftety-Car-Phase rauschte Pierre Gasly im AlphaTauri nur wenige Meter an dem Bergungskran vorbei. In einem Video  sieht man, wie schlecht die Sicht durch Gischt dabei ist. Ausgerechnet in Suzuka, wo vor acht Jahren Jules Bianchi bei einem Unfall in einer ähnlichen Situation tödliche Verletzungen erlitt, denen er neun Monate später erlag.

Abschlepp- und Bergungsfahrzeuge auf der Strecke kamen in der Formel 1 unter Safety-Car schon öfters zum Einsatz, um gestrandete Autos zu bergen. Wann und wie liegt im Ermessen der Rennleitung, die die entsprechenden Anordnungen gibt. Spezielle Vorgaben, etwa, dass ein solcher Einsatz erst dann erfolgen darf, wenn alle Autos vom Safety-Car »eingefangen« wurden, fehlen. Gasly war in Suzuka zuvor an der Box gewesen und war noch mit hohem Tempo unterwegs, um wieder aufzuschließen.

Genauso sinnvoll wäre es, im Falle von Regen und schlechter Sicht grundsätzlich einen Abbruch vorzuschreiben, sollte der Einsatz eines Bergungsfahrzeugs notwendig werden. In Japan kam die Rote Flagge erst Sekunden, bevor Gasly den Traktor passierte. Die Fia sanktionierte den Alpha-Tauri-Piloten später für zu schnelles Fahren unter Roter Flagge.

Unabhängig davon gab es auch zuvor schon doppelt geschwenkte Gelbe Flaggen, die eigentlich bedeuten: Langsam fahren und zum Anhalten bereit machen – schließlich könnten an einer Unfallstelle auch dort arbeitende Streckenposten gefährdet werden. Eine grundsätzliche Tempovorgabe dort, zum Beispiel 60 km/h, gibt es allerdings nicht. Entscheidend ist nur, eine gewisse Minimalzeit für den gesamten Sektor nicht zu unterschreiten, um einer Strafe zu entgehen.

Auch hier muss noch nachgebessert werden, um die Sicherheit zu erhöhen. In Bezug auf den Einsatz des Bergekrans hat die Fia immerhin eine Untersuchung angekündigt.

Mitarbeit: Karin Sturm
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