Reifen-Streit Start in Indianapolis weiter unsicher

Heute um 20 Uhr MESZ soll der Grand Prix der USA beginnen. Doch noch ist unklar, ob in Indianapolis tatsächlich gefahren wird. Die Fia hat den Antrag des Herstellers Michelin abgelehnt, seine Teams aus Sicherheitsgründen straflos mit neuen Reifen auszustatten. Einige Fahrer wollen dennoch starten.


Michelin-Reifen: Streitobjekt aus Gummi
REUTERS

Michelin-Reifen: Streitobjekt aus Gummi

Indianapolis - Am gesamten Wochenende dürfen nur zuvor abgenommene Reifen verwendet werden, zudem müssen die Fahrer mit dem Reifensatz der Qualifikation vom Samstag auch das Rennen fahren. Die Verwendung der neuen, aus Europa eingeflogenen Pneus wäre daher gemäß Fia-Reglement ein Regelverstoß. Noch nicht klar ist jedoch, welche Strafe Teams erwarten würde, die mit neuen Reifen das Rennen in Indianapolis bestreiten. Die Sanktionen müssen aber laut Fia-Renndirektor Charlie Whiting hoch genug sein, "damit kein Team in Zukunft in Versuchung kommt, einen Reifen nur für das Qualifying einzusetzen". Die letzte Entscheidung in diese Sache haben allerdings die Rennkommissare.

Immerhin hat die Fia angedeutet, dass diese Rennställe nicht nach Abschluss des 9. WM-Laufes aus der Wertung genommen würden. "Wir glauben, dass diese Teams nicht disqualifiziert würden", so Whiting. Aufgrund der unklaren Lage ist es jedoch nicht sicher, dass die Teams tatsächlich antreten. Derzeit laufen die Beratungen, an denen alle zehn Rennställe beteiligt sind.

"Ich würde fahren, ich fühle mich sicher. Andere Teams haben mehr Probleme", sagte Nick Heidfeld von BMW-Williams. "Wir müssen das Rennen fahren. Das sind wir den Zuschauern schuldig", erklärte WM-Spitzenreiter und Renault-Fahrer Fernando Alonso.

Fahrergewerkschaft protestiert

Sieben von zehn F1-Rennställen nutzen Reifen des französischen Unternehmens Michelin, dies sind Renault, McLaren-Mercedes, BMW-Williams, Toyota, Red Bull, Sauber und BAR-Honda untersucht, aber noch keine Ursache. Nur Ferrari, Jordan und Minardi vertrauen auf Bridgestone-Pneus. Dies könnte im äußersten Falle bedeuten, dass nur sechs Fahrer starten. Eigentlich ist vorgeschrieben, dass mindestens 20 Autos an einem F1-Rennen teilnehmen. Nach Vorstellungen der Fia soll es ab 2008 Einheitsreifen für alle Teams geben.

Red-Bull-Pilot David Coulthard, einer der Direktoren der Fahrergewerkschaft, initiierte eine Unterschriftenaktion. Der Konkurrenzkampf der Reifenhersteller Bridgestone und Michelin solle nicht auf Kosten der Sicherheit gehen, forderte der Schotte. "Die Reifenlieferanten müssen sicherstellen, dass bei der Jagd nach Leistung keine Risiken eingegangen werden", hatte Fia-Präsident Max Mosley nach dem Unfall von Kimi Räikkönen Ende Mai auf dem Nürburgring festgestellt. Beim Großen Preis von Europa war der McLaren-Pilot kurz vor dem Ziel mit einem Reifenschaden von der Piste geflogen. Das Team hatte die Warnsignale ignoriert.

Die Fia hatte in Indianapolis zuvor den Vorschlag von Michelin abgelehnt, mit neuen Reifen zu starten, die noch nicht in der Qualifikation benutzt wurden. Mit seiner Initiative hatte Michelin auf den schweren Unfall von Ralf Schumacher reagiert, der am Freitag im Freien Training nach einem plötzlichen Druckverlust im linken Hinterreifen bei Tempo 300 in der Steilkurve in die Begrenzungsmauer gerast war. Der Toyota-Pilot blieb beim Unfall unverletzt, erhielt aber dennoch vom Fia-Arzt ein Startverbot.

Ralf Schumachers Wrack: Zu hohes Risiko
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Ralf Schumachers Wrack: Zu hohes Risiko

"Wir finden keine Erklärung für unsere Probleme mit den Reifen und können deshalb die Sicherheit der Fahrer nicht garantieren", sagte Michelin-Motorsportchef Pierre Dupasquier. Der Hersteller hatte der Fia vorgeschlagen, Reifen aus einer Charge einzusetzen, die für das Rennen Anfang Mai in Barcelona entwickelt worden waren. Falls die Fia Michelin nicht erlaube, neue Reifen nach Indianapolis zu bringen, werde sein Team nicht starten, hatte Renault-Chef Flavio Briatore gestern angekündigt. "Die Sicherheit unserer Fahrer ist für uns das Wichtigste."

Auch Ralf Schumachers Toyota-Kollege Ricardo Zonta war am Freitag im Freien Training von einem Reifenschaden betroffen. Der brasilianische Testfahrer sollte Ralf Schumacher im Rennen vertreten. Der zweite Stammfahrer des japanischen Teams, Jarno Trulli, war am Freitag gar nicht erst gefahren. Gestern hatte der Italiener in der Qualifikation die erste Pole-Position für Toyota geholt. "Wir hatten Probleme mit unterschiedlichen Reifentypen und unterschiedlichen Werten des Reifendrucks", sagte Trulli.

Dem Michelin-Vorschlag, die Geschwindigkeit in der für die Reifen problematischen Steilkurve durch den Einbau einer Schikane zu reduzieren, erteilte die Fia eine klare Absage. "Ich bin sicher, dass Sie verstehen, dass dies keine Möglichkeit ist", schrieb Whiting. Die Fia gehe davon aus, dass Michelin seinen Teams eine sichere Maximalgeschwindigkeit für die Passage in der Steilkurve empfehlen wird. "Wir ermahnen die Teams, aus Sicherheitsgründen der Empfehlung zu folgen", so Whiting frei nach der Devise "Fahrt langsamer!" Whiting weiter: "Wir werden sie auch bitten, sicherzustellen, dass ihre Autos keine anderen Teilnehmer in irgendeiner Weise behindern."

Michelin hatte den Teams erklärt, dass die Reifen nur zehn Runden mit Vollgas überstehen würden. Die Fia stellte klar, dass jeder vorbeugende Wechsel des beanspruchten linken Hinterreifens wegen Sicherheitsbedenken, um einen Schaden zu verhindern, während des Rennens straffrei bleiben werde - sofern es sich um Reifen aus dem ursprünglichen Kontingent für Indianapolis handelt. Sonst gäbe es auch hier eine Strafe.

Vor dem 9. von 19 Saisonrennen ist der Spanier Alonso mit 59 Punkten Spitzenreiter. Als Zweiter folgt der McLaren-Pilot Kimi Räikkönen aus Finnland, der 37 Zähler auf seinem Konto hat. Weltmeister Michael Schumacher (Ferrari) belegt mit 25 Punkten Rang fünf. Ralf Schumacher (20) ist Achter vor dem zweiten Renault-Fahrer Giancarlo Fisichella (17).



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