Renn-Analyse Der Rechenfehler in der Reifengleichung

Beim Grand Prix von Deutschland kamen nicht alle mit dem großen Einmaleins des Rennsports zurecht. Dafür tauchte plötzlich jemand auf dem Siegertreppchen auf, mit dem eigentlich niemand mehr gerechnet hatte.

Von Jörg Schallenberg


Michael Schumacher: Misslungener Nachmittag
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Michael Schumacher: Misslungener Nachmittag

"Die Formel 1 besteht nicht nur aus Mathematik." Das hat uns allen RTL-Kommentator Heiko Waßer noch mal an diesem Wochenende ans Herz gelegt - und das war auch gut so. Denn fast hätte man es ob all der Rechnungen, die da vor, während und nach dem Großen Preis von Deutschland auf dem Hockenheimring aufgemacht wurden, glatt vergessen.

Da gab es zunächst das große Einmaleins der passenden Rennbereifung - ohnehin ein Dauerthema in dieser Saison. Aus Sicht von Ferrari, insbesondere von Michael Schumacher, lautete die Gleichung etwa so: Ich fahre den sehr harten Reifen einer japanischen Firma, der mich zwar im Training etwas zurückwirft, dafür aber auf die lange Distanz des Rennens immer mehr aufholen wird gegenüber den Reifen der Konkurrenz, die mit der weichen Gummimischung eines französischen Pneufabrikanten an den Start geht. Klingt kompliziert? Durchaus.

Schlimmer aber: Die Gleichung geht nicht auf. Gegen den BMW-Williams von Juan-Pablo Montoya hatte Schumacher weder im Training noch während der 67 Rennrunden auch nur den Hauch einer Chance. Man kann getrost vermuten, dass auch Ralf Schumacher im zweiten BMW weit davongezogen wäre, wenn er nicht schon nach einer Startkollision hätte aufgeben müssen. Bleibt die Frage, was falsch ist an dieser Reifenrechnung. Vielleicht hat Michael Schumacher doch schlicht auf die falschen Slicks gesetzt. Oder die Überlegenheit der BMW-Williams wird von Rennen zu Rennen größer. Über beides wird man sich im Lager von Ferrari nicht besonders freuen.

Immerhin - so ganz hat man beim italienischen Rennstall die höhere Mathematik noch nicht verlernt. Schließlich ging es in Hockenheim ja auch darum, ob man bis zwei oder bis drei zählen kann. Und da hätte Ferrari mit einer äußerst knapp berechneten Zwei-Stopp-Strategie goldrichtig gelegen. Wenn dem Team nicht kurz vor Schluss ein platter Reifen an Schumachers Boliden dazwischengekommen wäre. Das wiederum könnte allerdings noch an den Fehlern in der ersten Gleichung liegen. Verflucht, ist das kompliziert.

Ein Glück, wird man bei Ferrari sagen, dass die Formel 1 nicht nur aus Mathematik besteht. Sondern auch aus solch unglücklichen Konstellationen und Fehlerketten wie beim Start des Rennens. Da zieht (der nach dem Rennen als Unfallverursacher von der Fia bestrafte) Ralf Schumacher von Startplatz zwei etwas zu stark nach links, um Rubens Barrichello im Ferrari nicht vorbeizulassen. Der Brasilianer weicht, offensichtlich verblüfft, auch eine Spur zu heftig, nach links aus. Genau dort versucht gerade Kimi Räikkönen im McLaren-Mercedes durch eine ohnehin schon winzige Lücke zu schlüpfen - und riskiert leider zu viel. Peng - und Michael Schumacher ist seine zwei härtesten Konkurrenten im Kampf um die Weltmeisterschaft schon in der ersten Kurve los.

Ferrari-Malheur: Geplatzter Reifen, geplatzte Träume
AP

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Szenen wie diese belegen einmal mehr, warum der Führende in der Formel-1-Gesamtwertung immer noch Michael Schumacher heißt. Keiner seiner Verfolger, ob nun Räikkönen, Montoya oder sein Bruder Ralf, fährt bislang so konstant, dass er dem Weltmeister gefährlich werden könnte. Allerdings ist nach dem Großen Preis von Deutschland nach Räikkönen nun auch Montoya sehr nahe an Michael Schumacher herangerückt.

Und doch: Trotz der anhaltenden Schwächephase könnte Michael Schumacher zum sechsten Mal Weltmeister werden - ohne dass er noch ein einziges Rennen gewinnt. Denn offenbar kann er ja darauf vertrauen, dass sich die Konkurrenten gegenseitig in die Quere kommen. Allerdings scheint dieses Rechenmodell noch sehr gewagt - und außerdem gibt es da ja noch diese fehlerhafte Gleichung mit den Reifen.

Bei Ferrari dürfte man sich die Haare raufen. Denn obwohl die Roten sowohl in der Fahrer- wie auch in der Konstrukteurswertung vorne liegen, können sie im Gegensatz zur vergangenen Saison nicht mehr auf die eigene Stärke, sondern müssen auf die Schwäche der anderen Teams vertrauen. Vom "roten Hai" spricht schon lange keiner mehr.

David Coulthard: Der eigentliche Sieger von Hockenheim
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Dafür ist nach dem Rennen von Hockenheim plötzlich wieder einer in aller Munde, der längst abgeschrieben war. Der nur noch als Platzhalter bei McLaren-Mercedes galt, bis Juan-Pablo Montoya kommt. Und nun stand plötzlich David Coulthard als Zweiter auf dem Treppchen und durfte am Siegesschampus nippen. Damit hatte nun wirklich niemand gerechnet. Aber das ist der Beweis: Die Formel 1 besteht eben nicht nur aus Mathematik.

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