Renn-Analyse Der Weltmeister steht im Stau

Es hätte keinen selbstmörderischen Protestierer gebraucht, um den Grand Prix von Silverstone zu einem der spannendsten Rennen dieser Saison geraten zu lassen. Auf der schnellen Piste gab es reihenweise packende Duelle zu bewundern. Trotzdem gefällt der Kurs nicht jedem.

Von Jörg Schallenberg


Drama in Silverstone: Während der 12. Runde stürmt ein Demonstrant auf die Strecke
REUTERS

Drama in Silverstone: Während der 12. Runde stürmt ein Demonstrant auf die Strecke

Den Grand Prix von Silverstone kann man sich im nächsten Jahr getrost sparen! Das finden zumindest Fia-Präsident Max Mosley und Formel-1-Chef-Vermarkter Bernie Ecclestone, die ihre Meinung gewohnt feinfühlig wenige Tage vor dem Großen Preis von Großbritannien über englische Zeitungen verbreiteten. Da ist es egal, ob man in Silverstone bereits seit 1950 Rennen fährt, wenn etwa in Indien, zweifellos eine klassische Rennsportnation, viel mehr Geld zu verdienen ist.

Das ist natürlich ein Argument, aber ob man dann solche Rennen wie jenes vom Sonntag zu sehen bekommt, bleibt fraglich. Denn die Rennstrecke von Silverstone gehört zu den Schnellsten im Rennzirkus, obwohl sie im Vergleich zu früheren Jahren etwas entschärft wurde. Vor allem bietet sie reichlich Gelegenheit für packende Überholmanöver, die man in dieser Saison so oft vermisst hat. "Das sind fast alles Szenen, die man gar nicht mehr kennt in der Formel 1", staunte auch RTL-Experte Christian Danner.

Da braucht es gar keine Demonstranten im Schottenrock wie jenen stilvollen Protestierer, der in der zwölften Runde auf die Piste rannte und offenbar einen Selbstmordversuch plante, indem er direkt hinter einer Kurve in Richtung der Ideallinie rannte. Dass er nicht mit über 200 Stundenkilometern über den Haufen gefahren wurde, verdankte der lebensmüde Zuschauer ausschließlich der Reaktionsschnelligkeit der heranrasenden Fahrer.

Diese irrwitzige Aktion samt der folgenden Safety-Car-Phase und einem Massenstopp in der Boxengasse würfelte das Feld dermaßen durcheinander, dass man über einige Runden ein sehr merkwürdiges Duell an der Spitze erleben konnte, als McLaren-Mercedes-Pilot Kimi Räikkönen plötzlich Toyota-Fahrer Cristiano da Matta jagte, den er normalerweise in sicherem Abstand hinter sich weiß. Fast nostalgische Gefühle weckte auch das Duell zwischen Michael Schumacher und Ex-Weltmeister Jacques Villeneuve, als der Ferrari-Pilot gezwungen war, das Feld von hinten aufzurollen.

Wenn sich Michael Schumacher nach der Protestaktion und folgender Safety-Car-Phase auf Rang 15 wieder fand, fragt man sich allerdings, ob es wirklich so eine brillante Taktik fast sämtlicher Rennleitungen war, ihre Fahrer geschlossen an die Box zu rufen und damit dort einen Stau zu provozieren, wie man ihn sonst nur am Freitagnachmittag zwischen München und Nürnberg erlebt.

Doch Michael Schumacher, und das passte zum wilden und wechselvollen Verlauf dieses Rennens, kämpfte sich noch bis auf Rang vier vor und verlor damit lediglich einen Zähler gegenüber Kimi Räikkönen. Falls sich der Weltmeister nicht bald wieder in Training und Rennen mit seinem roten Hai anfreundet, könnte er allerdings noch ernsthafte Schwierigkeiten bekommen, seinen Titel zu verteidigen. Glück für ihn, dass sich sein Bruder Ralf auf Platz neun fürs Erste wieder aus dem Titelrennen verabschiedete.

Froh sein kann Schumacher auch darüber, dass es Ferrari-Konkurrent McLaren-Mercedes anscheinend nicht fertig bringt, in diesem Jahr noch den langem lange angekündigten Formel-1-Boliden auf die Piste zu bringen. Außerdem fährt David Coulthard, der dieses Mal immerhin Fünfter wurde, weiter seiner Form hinterher und kann Teamkollege Räikkönen wesentlich weniger unterstützen als Silverstone-Sieger Rubens Barrichello - der ein perfektes Rennen mit großartigen Überholmanövern fuhr - seinen Ferrari-Teamgefährten Schumacher. Immerhin ließ Coulthard im Rennen Kimi Räikkönen kampflos vorbei, was dafür spricht, dass die Hackordnung entgegen den stetigen Beteuerungen von Teamchef Ron Dennis mittlerweile ziemlich eindeutig ist.

Dass Coulthards Ablösung bei McLaren-Mercedes trotzdem beschlossene Sache ist, dafür sprechen auch die Gerüchte, dass Juan-Pablo Montoya von BMW-Williams zur britisch-deutschen Konkurrenz wechseln soll. Angesichts des BMW-Höhenfluges in dieser Saison wird sich Montoya allerdings fragen, was eigentlich an einem schlechteren Team reizvoll ist, in dem er zudem sicher auch nicht als Nummer 1 an den Start gehen wird. Dafür vielleicht mit einem, angeblich, überragenden neuen Wagen. Falls McLaren-Mercedes allerdings mit seinem wahlweise als Delphin oder Phantom titulierten Dauertestfall nicht spätestens in der nächsten Saison in der Konstrukteurswertung auf Platz 1 oder 2 fährt, steht der blendende Ruf des Rennstalls auf der Kippe.

Doch das war an diesem Wochenende nicht das Thema, über das nach dem Rennen heftig diskutiert wurde. Da ging es eher um zwei andere Fragen: Wie kann ein Zuschauer einfach auf die Rennpiste gelangen und was wollte er da? Auf seinen Plakaten warb der 56-jährige Brite für die Wahrheit der Bibel, der Polizei sagte er später, er habe gegen seinen Rausschmiss bei Mercedes-Benz protestieren wollen. Da bleibt zu hoffen, dass demnächst nicht David Coulthard zu Fuß auf einer Rennpiste unterwegs ist, weil er kein Auto mehr hat.

© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.