Renn-Analyse Keine Angst vorm dritten Mann

Lag es an den Reifen? An der Taktik? An der Strecke? Das triumphale Comeback von Ferrari in Monza passt hervorragend in eine dramaturgisch perfekt inszenierte Formel-1-Saison. Beinahe aber hätte statt der Renaissance in Rot die Rückkehr des lachenden Dritten auf dem Programm gestanden.

Von Jörg Schallenberg


Vor Begeisterung völlig ausgerastet: Ferraristi in Monza
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Vor Begeisterung völlig ausgerastet: Ferraristi in Monza

Betzenberg? Westfalenstadion? San Siro? Kann man vergessen, alles. Wer wissen will, wie es aussieht, wenn Sportfans vor Begeisterung völlig ausrasten, der sollte sich immer wieder die Bilder der Ferrari-Tifosi anschauen, die am Sonntag nach dem Großen Preis von Monza die Strecke stürmten, um ihre Helden in den fliegenden roten Kisten zu feiern. Es wirkte aber auch wie bestellt - das grandiose Comeback des Ferrari-Teams nach einer monatelangen Durchstrecke mit dem absoluten Tiefpunkt beim Großen Preis von Ungarn vor drei Wochen, als Michael Schumacher nur den achten Platz belegte und Rubens Barrichello auf gerader Strecke ein Hinterrad wegbrach.

Aber jetzt dieses Bild: Schumacher Erster, Barrichello Dritter. Wer hätte vor drei Wochen darauf wetten mögen? Gut, dieser ebenso hartnäckige wie lästige BMW-Pilot Montoya auf dem Siegerpodest störte die Tifosi ein wenig, aber sonst wirkte dieses Rennergebnis zu diesem Zeitpunkt an diesem Ort so, als habe es - wie bereits den gesamten Verlauf der Saison - ein gewiefter Drehbuchschreiber inszeniert, der vor keinem Klischee zurückschreckt. Szene 14 (von 16): Triumph des schon geschlagen wirkenden Champions vor heimischem Publikum. Mal sehen, was Szene 15 bringt. Gedreht wird in zwei Wochen in Indianapolis.

 BMW-Williams-Ersatzfahrer Marc Gene
DPA

BMW-Williams-Ersatzfahrer Marc Gene

Dort wird sich wohl auch spätestens herausstellen, wie es eigentlich zum Ferrari-Comeback kommen konnte. Lag es an den Reifen? An der Taktik? An der Strecke? Am "Gesamtpaket", wie in Michael Schumachers Rennstall jeder eifrig beteuerte, der vor ein Mikrofon gezerrt wurde? Am Fahrer? Hm, nein, sicher nicht am Fahrer. Schließlich lieferte das Rennen in Monza wieder einmal einen Beleg für immer wieder bemühte und zuletzt vom früheren Ferrari-Piloten Gerhard Berger strapazierte These, dass angesichts der idiotensicheren Technik der heutigen Formel-1-Boliden eigentlich jeder halbwegs begabte Fahrer ins Ziel kommen würde. Und siehe da, der Spanier Marc Gene, durch Ralf Schumachers Kopfschmerzen ins Cockpit des zweiten BMW-Williams gerutscht, landete bei seinem Debüt sofort auf Platz fünf.

Allerdings - man könnte es auch anders herum deuten. Hätte Ralf Schumacher vielleicht erheblich mehr aus seinen Möglichkeiten gemacht als Gene? Hätte er seinen Teamkollegen Montoya in dessen über die gesamte Renndistanz währenden Duell gegen Michael Schumacher vielleicht effektiver unterstützen können als der unerfahrene Spanier? Man darf es angesichts der etwas zu passiven Fahrweise von Gene (der vom Ausfall des Renault-Piloten Trulli profitierte) vermuten. So aber rutscht Ferrari auch in der wichtigen Konstrukteurswertung wieder bis auf drei Punkte an BMW-Williams heran.

Tatsächlich zeigte sich in Monza wieder einmal eine der größten Stärken des Ferrari-Teams: die präzise Fehleranalyse und das schnelle Umsetzen der daraus gewonnenen Erkenntnisse. Kein Rennstall hat ganz offenbar das Ende des generellen Testverbots Anfang September so gut genutzt wie die Roten. Im Qualifying wie im Rennen wurde deutlich, dass Ferrari seine Unterlegenheit in Sachen Motorleistung und Fahrwerksabstimmung gegenüber BMW-Williams so gut wie ausgeglichen hat. Dass die Strecke in Monza mit ihren langen Geraden, den zackigen Schikanen und den engen Kurven dem Reifenprofil des gern geschmähten Ferrari-Ausrüsters Bridgestone entgegenkam, tat ein Übriges, um Michael Schumacher und Rubens Barrichello aufs Treppchen zu bringen. Dieser Vorteil zumindest gilt in den nächsten Rennen nicht: Indianapolis birgt auf den ersten Blick weder für BMW-Williams noch für Ferrari Vorteile, die Strecke beim Saisonabschluss liegt wahrscheinlich eher dem Team in Weiß und Blau.

Also entscheidet womöglich doch der bessere Fahrer? Mal ehrlich, Gerhard Berger: Hätten Sie in Ihren besten Tagen den Angriff von Juan Pablo Montoya kurz nach dem Start abwehren können? Eigentlich war der Kolumbianer da mit seinem so brillanten wie waghalsigen Überholmanöver schon vorbei, doch dann konterte Schumacher nicht weniger riskant und zugleich so kaltschnäuzig, wie es vielleicht nur der fünffache Weltmeister kann. Szenen wie diese entscheiden womöglich über die Titelvergabe.

Szenen wie diese aber sind auch die große Chance für Kimi Räikkönen. Der WM-Dritte kommt mit seinem McLaren-Mercedes-Auslaufmodell momentan zwar nicht ganz die Leistungen von Ferrari heran - doch sollten sich die beiden bei einem erbitterten Duell demnächst gegenseitig von der Piste schießen, könnte der junge Finne als lachender Dritter noch den Titel abräumen. Bei aller Bewunderung über die Risikobereitschaft von Michael Schumacher und Montoya: Es haben nur ein paar Zentimeter gefehlt, und beide hätten sich schon nach der zweiten Schikane im Kiesbett wiedergefunden. Wäre auch eine gute Szene gewesen. Vielleicht hat sie sich der geheimnisvolle Drehbuchschreiber schon notiert. Für heute aber: Klappe.



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