Renn-Analyse Majestätsbeleidigung auf offener Piste

Der letzte Akt zum sechsten Titelgewinn war für Michael Schumacher ein weitaus härteres Stück Arbeit, als zunächst angenommen. Besonders bei den Manövern gegen Sato oder den eigenen Bruder kam nicht nur der Weltmeister ins Schwitzen. Glücklicherweise war sein größter Rivale nicht in einem konkurrenzfähigen Wagen unterwegs.

Von Jörg Schallenberg




Es war 7.53 Uhr nach mitteleuropäischer Zeit, als das Unfassbare wahr zu werden schien. Beim Großen Preis von Japan lag in diesem Moment Kimi Räikkönen in Führung und Michael Schumacher ganz am Ende des Feldes. Was bedeutete: Der Finne im McLaren-Mercedes war in diesem Moment Weltmeister! Konnte das wahr sein? Durfte das wahr sein?

Neun Punkte Vorsprung hatte der bis dahin nur fünffache Weltmeister Schumacher mit ins Rennen genommen, ein achter Platz würde ihm reichen, und selbst wenn der Ferrari auseinander fiele, müsste Räikkönen gewinnen, wo doch der junge Finne bislang überhaupt erst ein einziges Rennen als Sieger beendet hat, andererseits, jetzt, wo Montoya ausgeschieden ist ... Solche oder ähnliche Gedanken werden Millionen Formel-1-Fans an diesem Sonntagmorgen in einem ähnlichen Tempo durch den Kopf gejagt sein wie jenes, mit dem sich da gerade ein Mercedes-Silberpfeil in Suzuka anschickte, die lebende Legende Schumacher vom Thron zu stoßen.

Ungewohnte Situation für Schumacher


Gebrüder Schumacher auf Abwegen: In der 41. Runde schossen Ralf und Michael beinahe gegenseitig von der Piste
DPA

Gebrüder Schumacher auf Abwegen: In der 41. Runde schossen Ralf und Michael beinahe gegenseitig von der Piste

Manch einer wird sich angesichts der frühen Stunde noch in einem Alptraum gewähnt haben, der glücklicherweise nur wenige Minuten andauerte - bis zu jenem Moment, in dem Kimi Räikkönen den Fuß vom Gas nahm und zum ersten mal die Box ansteuerte. Das war es dann, fortan konnte der Finne den Spitzenreiter Rubens Barrichello im zweiten Ferrari nie mehr ernsthaft gefährden.

Über das kollektive Aufatmen im Lande sollte man allerdings nicht vergessen, dass sich Michael Schumacher selber in diese brenzlige Situation gebracht hatte. Dass er von Platz 14 aus starten musste, konnte man ihm angesichts der ungleichen Wetterverhältnisse im Qualifying nicht ankreiden, dass er nach nur sieben Runden versuchte, den vor heimischem Publikum besonders ehrgeizigen Japaner Sato im B.A.R.-Honda zu überholen und sich dabei den Frontflügel eindellte, dagegen schon.

Möglicherweise hatte Schumacher nach dem Rennen dann schon einen Schampus intus, als er die Kollision anschließend Sato in die Schuhe schieben wollte, der gaaanz plötzlich die Lücke dichtgemacht haben sollte. Fies, so etwas. Nun gut, es mag eine ungewohnte Situation für Schumacher gewesen sein, sonst ist er es ja meistens selbst, der von hinten anstürmenden Gegnern brutalstmöglich den Weg abschneidet.

Die Lachnummer der Silberpfeile


Schrecksekunde zu Beginn des Rennens: Takuma Sato fährt Schumacher den Frontflügel kaputt
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Schrecksekunde zu Beginn des Rennens: Takuma Sato fährt Schumacher den Frontflügel kaputt

Trotz solcher Majestätsbeleidigungen auf offener Piste langte es schließlich zum Titel für Schumacher und Ferrari. Kein Zweifel besteht, dass dieser Erfolg und damit die sechste Weltmeisterschaft nach einer wechselhaften und mitunter turbulenten Saison vollauf verdient waren, auch wenn Mercedes-Sportchef Norbert Haug anschließend leicht verkniffen darüber räsonierte, wo denn sein Fahrer Kimi Räikkönen die drei Punkte "liegen gelassen" habe, die letztlich zum Titel gefehlt haben. Diese Bemerkung allerdings darf man als ziemlich unfairen Versuch werten, die Schuld am knapp verpassten Triumph jenem zuzuweisen, der wohl am wenigsten dafür konnte. Denn Räikkönen ist in seiner zweiten Saison bei den Silberpfeilen überragend gefahren, mal abgesehen vom Startunfall in Hockenheim.

Die meisten Punkte aber hat McLaren-Mercedes liegen gelassen, weil man im Gegensatz zu BMW und Ferrari nicht in der Lage war, im Laufe der Saison ein neues Modell zu entwickeln, das auch renntauglich ist. Der seit dem ersten Rennen in Malaysia immer wieder angekündigte Wunderwagen geriet zur Lachnummer der Saison. Seine Formel-1-Premiere wurde ungefähr so oft verschoben wie die Einführung der LKW-Maut - und nach wie vor gilt für beide: Man weiß immer noch nicht, wann sie denn tatsächlich kommen.

Ärger bei BMW-Williams


Mit dem alten Boliden aber, den Haug schon früh als Gebrauchtwagen abkanzelte, konnte man zwar einigermaßen zuverlässig in die Punkteränge rollen, aber so gut wie nie ernsthaft um den Sieg mitfahren. Auch in Suzuka landete Räikkönen nur so weit vorne, weil sich die Konkurrenz von BMW-Williams und Renault mit technischen Problemen oder mangelhafter Beherrschung der eigenen Kraft aus dem Kampf um die Spitze verabschiedete.

Bei Ferrari dürfte man sich angesichts dieser Situation in Fäustchen gelacht haben: Während McLaren-Mercedes zwar den Fahrer, aber nicht das Auto hatte, um Weltmeister zu werden, war es bei BMW-Williams umgekehrt. Juan-Pablo Montoya und Ralf Schumacher konnten die Überlegenheit der viel beschworenen "BMW-Power" einfach nicht nutzen, wozu auch andauernde Abstimmungsprobleme bei ihren blau-weißen Kraftpaketen beigetragen haben. Insbesondere für "Little Schu", der sich in Japan mehr drehte als geradeaus zu fahren, dürfte die nächste Saison daher zur letzten Bewährungsprobe auf Weltklasse-Tauglichkeit werden.

Wieder neue Regeln durch die Fia


Mit dem Vorjahresmodell das Optimum herausgeholt: Vize-Weltmeister Kimi Räikkönen
REUTERS

Mit dem Vorjahresmodell das Optimum herausgeholt: Vize-Weltmeister Kimi Räikkönen

Aber nächstes Jahr wird ja sowieso alles anders. Mal wieder. Obwohl die abgelaufene Saison an Spannung kaum zu überbieten war, bastelt der internationale Automobilsport-Weltverband Fia schon wieder an neuen Regeln, die alles noch dramatischer werden lassen sollen. So soll das Qualifying auf zwei Solorunden pro Fahrer eingedampft werden, die am gleichen Tag kurz nacheinander absolviert werden. Jeder Fehler wird da gnadenlos mit einem miesen Startplatz bestraft, die Nervenbelastung der Fahrer noch einmal hochgeschraubt. Dass dieser Modus, wie soeben in Japan gesehen, gerade bei schnell wechselnden Wetter- und Pistenbedingungen noch unfairer ist als die in der vergangenen Saison geltende Regelung, stört dabei wohl niemanden.

Die Teams wagen wieder einmal keinen Widerspruch, und bei der Fia wird man sich denken: Was soll's ? Fair wäre die Formel 1 doch ohnehin nur dann, wenn alle mit dem gleichen Auto fahren müssten. Stimmt schon - obwohl es durchaus wahrscheinlich wäre, dass der Weltmeister auch dann Michael Schumacher heißen würde.



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