Renn-Analyse Miss Sophie und Sir Michael

Weißwein zum Fisch und Champagner für Ferrari. Die Formel 1 erinnert nach Michael Schumachers zehntem Sieg im elften Rennen immer mehr an einen bekannten Silvester-Sketch. Lediglich der tote Tiger vorm Kamin scheint wieder zum Leben erwacht. Mehr als eine Nebenrolle ist aber auch für ihn nicht drin.

Von Jörg Schallenberg


Schampusduscher Michael Schumacher: "Same procedure"
AFP

Schampusduscher Michael Schumacher: "Same procedure"

"The same procedure as last race, Sir Michael?" - "The same procedure as every race, Rubens!" So oder ähnlich muss man sich die Dialoge in der Ferrari-Box vor jedem Rennen mittlerweile wohl vorstellen. Wo doch der Ausgang eines - fast - jeden Großen Preises von Irgendwo ebenso verlässlich feststeht wie die Ausstrahlung von "Dinner for One" und die Neujahrsansprache des Bundeskanzlers am Silvesterabend. Lediglich die Gäste, die mal am Tisch von Miss Sophie, äh, Sir Michael am Portwein respektive Sieges-Schampus nippen dürfen, wechseln in munterer Reihenfolge. Nach Jenson Button, Jarno Trulli, Ralf Schumacher, Rubens Barrichello und Fernando Alonso durfte dieses Mal Kimi Räikkönen im McLaren-Mercedes ein wenig Spitzenreiter-Luft schnuppern. Mit der Betonung auf "ein wenig".

Immerhin, Räikkönens zweiter Platz sorgte für Abwechslung in der sonntäglichen Runden-Prozedur - hatten die McLaren-Mercedes doch bislang die Rolle des toten Tigers vor dem Kamin übernommen. Aber sonst? Alles wie immer - selbst die Bilder des fürchterlichen Unfalls von Jarno Trulli im Renault erschienen irgendwie bekannt. Felipe Massa, Ralf Schumacher, jetzt Trulli: Die Einschläge kommen näher. Aber solange die Fahrer fein säuberlich im richtigen Winkel in die Mauer krachen oder vom angeblich unzerstörbaren und atombombensicheren Monocoque, sprich der Fahrerzelle, geschützt werden, darf man selbst heftige Crashs ungerührt zu "Safety-Car"-Phasen umdefinieren, die bisweilen ja der Spannung des Rennens zupass kommen. Wo doch sonst schon so wenig passiert. Oder besser: immer das Gleiche.

Die Farce von "Silverslow"

Aber halt, das Qualifying in Silverstone bot eine interessante Neuerung. Da wegen des angekündigten Regens jeder als Erster auf die Piste wollte und somit in der Vorqualifikation, die verwirrender Weise auch erstes Training genannt wird, eine möglichst schlechte Zeit erreichen musste, bot sich ein amüsantes Bild: Michael Schumacher drehte sich mit qualmenden Reifen, was ihm zuletzt circa 1986 im Kart auf der heimischen Bahn in Kerpen passiert sein dürfte, Rubens Barrichello fuhr auf die Wiese zum Blümchenpflücken, dagegen zeigte sich Juan-Pablo Montoya im BMW gewohnt phantasielos, als er einfach auf der Zielgeraden abbremste.

Weil Formel-1-Impresario Bernie Ecclestone daraufhin wie Rumpelstilzchen in die Luft ging, sah sich der Automobilverband Fia als Regelhüter genötigt, bekannt zu geben, dass niemand für seine Bummelei bestraft werden würde. Die durchaus amüsante Farce von "Silverslow", wie die britische Presse witzelte, dürfte allerdings mit dafür sorgen, dass der ohnehin umstrittene Qualifikationsmodus in der kommenden Saison abgeschafft wird.

Ob sich deswegen etwas an der Eintönigkeit des Renngeschehens ändern wird, darf man allerdings bezweifeln. Angesichts der angestrengten und etwas hilflos wirkenden Basteleien von McLaren-Mercedes und BMW-Williams bleibt zu hoffen, dass Ferrari nicht etwa auch auf die Idee kommt, gelegentlich mal wieder ein neues Auto ins Rennen zu schicken. Ob der neue Silberpfeil, auch "Buckelwal" genannt, jemals die "Siegfähigkeit" erreichen wird, die Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug so gern zitiert, weiß wahrscheinlich niemand, schon gar nicht bei McLaren-Mercedes.

Wo sind die neuen Sterne am Fahrerhimmel?

Schumacher, jubelnde Ferrari-Mechaniker: "The same as every year"
AP

Schumacher, jubelnde Ferrari-Mechaniker: "The same as every year"

Wenn man darüber hinaus nach den besonders beeindruckenden Fahrern dieser Saison fahndet (von Michael Schumacher natürlich mal abgesehen), dann landet man neben B.A.R-Pilot Jenson Button verblüffend schnell beim Italiener Giancarlo Fisichella, der mit seinem eigentlich reichlich unterlegenen Sauber-Patronas in schöner Regelmäßigkeit Rennpunkte einsammelt, von denen einst höher gehandelte Teams wie Jordan nur träumen können. Einen neuen Stern am Fahrerhimmel sucht man vergebens.

Was bleibt? Natürlich die Hoffnung auf das nächste Jahr: Wenn Toyota mit noch mehr Geld, Flavio Briatore und ein bisschen Schumacher-Flair endlich so richtig angreifen will, wenn BMW-Williams, wie BMW-Motorsportchef Mario Theissen hoch und heilig verspricht, besser abgestimmt auf die Piste geht und Teamchef Frank Williams vielleicht sogar weiß, wer seine Autos eigentlich fahren soll, wenn McLaren-Mercedes die Modelle MP 4-20 A bis 25 C entwickelt, wenn Renault endlich die fehlenden PS am Rande der Piste gefunden hat, wenn Eddie Jordan zehn neue Sponsoren und Motorenlieferanten gewinnt, wenn ...

...wenn 2005 mal bloß nicht so beginnt: "The same procedure as last year, Sir Michael?" - "The same procedure as every year, Rubens!"



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