Renn-Analyse Überholverbot in Monte Carlo

Der Große Preis von Monaco zeichnet sich insbesondere dadurch aus, dass es sich bei ihm um ein Rennen handelt, das gar keines ist. Was durch das strikte Überholverbot an diesem Sonntag wieder mal eindrucksvoll bestätigt wurde.

Von Jörg Schallenberg


Überholverbot in Monte Carlo: Kimi Räikkönen kommt einfach nicht an Juan Pablo Montoya (vorne) vorbei
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Überholverbot in Monte Carlo: Kimi Räikkönen kommt einfach nicht an Juan Pablo Montoya (vorne) vorbei

Hätte. Würde. Sollte. Könnte. Der Große Preis von Monaco war in erster Linie ein Wettrennen der schönsten Konjunktive. Zumindest, wenn man Sonntag den RTL-Kommentatoren Heiko Waßer und Christian Danner zuhören musste. Mein Gott, dachte man da, was hätte das für ein superspannendes Rennen sein können. Wenn doch am Ende, als so 74 von 78 Runden gefahren waren, Kimi Räikkönen noch Montoya überholt hätte oder Michael Schumacher nach seiner Aufholjagd noch zu einem furiosen Schluss-Spurt angesetzt hätte. Wenn, ja, wenn ...

Blöd nur, dass jedem Zuschauer, der über einen gewissen Realitätsbezug verfügt, zu diesem Zeitpunkt noch einmal unbarmherzig klar gemacht wurde, was man ja ohnehin seit Jahren wissen müsste, aber als Formel-1-Fan gern mal wieder verdrängt: Dass man auf der einzigen verkehrsberuhigten Strecke im großen Rennzirkus, also auf dem völlig ungeeigneten Stadtkurs von Monte Carlo, nicht überholen kann. Und das ist eben kein Konjunktiv.

Fassungslosigkeit angesichts des Fernsehkommentars


Bevor man sich nun fragt, was es eigentlich soll, hier ein Formel-1-Rennen auszutragen, das im Sinne einer sportlichen Wettfahrt natürlich gar kein Rennen ist, muss man aber erst mal die Fassungslosigkeit angesichts des Fernsehkommentars überwinden. Denn nicht nur während der Schlussphase, sondern über fast zwei Stunden versuchten uns Waßer und Danner klarzumachen, wie der Fahrer x den Fahrer y wo und wann unter welchen Umständen überholen könnte.

Dabei hätte man das schnell und einfach während der Einführungsrunde klären können.
Möglichkeit 1: Beim Start.
Möglichkeit 2: Beim Boxenstopp.
Möglichkeit 3: Ein Loch in der Erde tut sich plötzlich auf, verschluckt den Vordermann und schließt sich dann wieder.


Stattdessen aber bauten die RTL-Bediensteten eine künstliche Spannung auf, indem sie in jeder zweiten Runde darauf verwiesen, wie knapp denn die Abstände zwischen zwei Fahrern der Spitzengruppe seien und was für eine unglaubliche Belastung es doch für einen Fahrer sei, hier auf diesem engen Kurs die Konkurrenz so lange im Nacken zu spüren. Komisch, dass der Videotext des selben Senders wenig später von einer "langweiligen" Veranstaltung sprach.

Fahrer kann nur ohnmächtig die Fäuste ballen


Gut, zweifellos bedarf es allerhöchster Konzentration, um im Nadelöhr Monte Carlo nicht irgendwann in den allgegenwärtigen Leitplanken zu landen. Nur - dass die Piloten zusätzlich aufgeregt sein müssten wegen des Rasers hinter ihnen, darf man getrost bezweifeln. Denn während man bei RTL ein unglaublich spannendes Rennen kommentierte, zeigten die Fernsehbilder immer mal wieder heftige Verbremser und Fahrfehler, die ohne jede Konsequenz blieben.

Die Straßenschluchten von Monte Carlo
DPA

Die Straßenschluchten von Monte Carlo

Wo bei jedem normalen Grand Prix der Hintermann triumphierend vorbeigerauscht wäre, kann er in Monaco nur ohnmächtig die Fäuste ballen und hilflos zusehen. Die Idee, in einem solchen Moment anzugreifen, wäre Wahnsinn. Genauso gut könnte man auf einer einspurigen Grüne-Plan-Straße hinter einem LKW herzockeln. Auch eklatante Leistungsunterschiede zwischen Autos und Fahrern werden so eingeebnet - und wer es schon immer ungerecht fand, dass die einen das tolle und die anderen das nicht ganz so tolle Auto fahren dürfen, der konnte sich etwa daran erfreuen, dass Michael Schumacher erst mal 20 Runden hinter Jarno Trulli im Renault verbrachte.

Rennen ist ein schlechter Witz


Gegen all dies lässt sich natürlich einwenden, dass es in Monte Carlo eben um die beste Taktik im Qualifying und bei den Boxenstopps geht, möglicherweise auch noch darum, was man so herausfahren kann, wenn man gerade mal keinen direkten Konkurrenten vor der Nase hat. Schon richtig, und gemessen an diesen Kategorien war es ein glänzender Erfolg für BMW-Williams und Kimi Räikkönen im McLaren-Mercedes sowie ein herber Rückschlag für Ferraris Wunderhai.

Aber was ist daran besonderes? Diese Kategorien zählen auch in jedem anderen Rennen der Saison viel - bloß, dass dann noch der unmittelbare fahrerische Wettkampf auf der Piste hinzukommt. Es soll ja sogar Nostalgiker geben, die behaupten, dieser Wettstreit sei die Essenz des Rennsports. Wie immer man es auch sehen mag: Ein Rennen, in dem es einem Fahrer 78 Runden lang nicht möglich ist, einen anderen zu überholen, ist ein schlechter Witz und in gewissem Sinne eine Wettbewerbsverzerrung.

Wird Frauke Ludowig die neue Frau am Mikrofon?


Vielleicht sollte man den Großen Preis von Monaco als Show-Spektakel weiter laufen lassen und einfach nur aus der Fahrer- und Konstrukteurswertung herausnehmen. Die einzige Berechtigung für die Veranstaltung besteht ja ohnehin darin, den Sponsoren mal eine schöne Partywoche in ihrem Erst-, Zweit- oder Steuerwohnsitz zu gönnen. Dass dann so genannte Supermodels mehr Schlagzeilen bekommen als Rennfahrer und dass es zwischen dem ersten und zweiten Qualifying einen freien Tag für prominenzbefrachtete Parties gibt, weist schon darauf hin, dass es sich bei der Präsentation des Ganzen in der Kategorie Sport wohl nur um ein Missverständnis handelt.

Das sieht man auch bei RTL mittlerweile ein. Der Geheimplan: Nächstes Jahr wird Grand Prix gleich als ein großes Vier-Tage-Non-Stop-Live-Special der Promi-Sendung "Exclusiv" übertragen. Mit Frauke Ludowig am Mikrofon. Möglicher Nachteil: In den Nachtclubs könnte es spannender zugehen als auf der Piste.

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