Renn-Vorschau Schumacher jagt die Legende Senna

Natürlich wird Michael Schumacher am Sonntag in Imola gewinnen – es sei denn, endlich geschieht das Wunder, auf das die Konkurrenz wartet. Doch eines wird dem Multi-Weltmeister wohl nie mehr gelingen: den Mythos Senna zu übertreffen.
Von Jörg Schallenberg

Zunächst mal die Fakten: Ferrari geht in Imola mit einem neuen Wunderbenzin an den Start. Macht schneller, senkt den Verbrauch und lässt das Gemisch der Konkurrenz wie Diesel abstinken. Heißt es zumindest bei Ferrari.

Außerdem bringen die Roten einen neuen Supermotor an den Start, der jetzt 915 statt 900 PS auf die Straße bringt. Und in Imola steht natürlich ein Heimspiel für Michael Schumacher und sein Team an, weil man die Nudeln aus der Betriebskantine in Maranello quasi bis nach San Marino riechen kann. Wie stehen also die Chancen, dass der Sieger des Rennens an diesem Wochenende nicht Michael Schumacher heißt? Nullkommanull, richtig. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Wunder eintritt, verbirgt sich angesichts des bisherigen Saisonverlaufs noch ein paar Stellen weiter hinter dem Komma.

Bereits vor zehn Jahren übrigens gewann der ewige Schumacher das erste Mal in Imola. Eigentlich war an jenem Wochenende ein anderer Sieger vorgesehen. Denn der Top-Favorit der Saison 1994 hieß Ayrton Senna im Williams-Renault, auch wenn er in den ersten beiden Saisonrennen ausgeschieden war.

Doch es kam anders: Senna, der bereits dreimal die Weltmeisterschaft gewonnen hatte, raste gegen eine Betonmauer und starb. Durch die Tragödie, die damals Rennsportfans auf der ganzen Welt schockierte, war der Weg frei für Schumacher, der in jener Saison seinen ersten WM-Titel errang.

Bis heute ranken sich Legenden um Sennas Tod. In Imola wird es mehrere Gedächtnis-Veranstaltungen geben, und demnächst soll auch ein Gerichtsverfahren neu aufgerollt werden, in dem es um die Schuld am Unfall geht. Es ist ziemlich fraglich, ob dabei etwas Neues herauskommen wird, doch für viele Senna-Fans ist der erneute Prozess bereits ein Beweis, dass es sich keinesfalls um einen Fahrfehler des damals 34-jährigen Brasilianers gehandelt haben kann. Denn eine Legende versteuert sich nicht.

Zur Legende aber ist Senna spätestens mit seinem Tod emporgestiegen. Seitdem wird er stetig mehr zu einer Art James Dean der Formel 1 mythisiert, der sich heldenhafte Duelle mit dem allzu kühlen Franzosen Alain Prost lieferte, über den Sinn des Lebens und der Formel 1 so schön philosophierte wie kein anderer Pilot und dabei Vorbild, Rebell und Beinahe-Intellektueller zugleich war. Dabei wird gerne vergessen, dass der vermeintlich immer faire Senna schon mal Prost im letzten Rennen von der Piste rammte, um sich den Titel zu sichern.

Schumacher wie eine Maschine

Dennoch besitzt die Überhöhung eine solide Grundlage: Ayrton Senna, das bestreitet niemand, wirkte im Gegensatz zu den meisten anderen Formel-1-Piloten damals und heute auch ohne seinen Renndress charismatisch, zudem liebte er es, seine Gedanken regelmäßig so quer zu stellen, wie andere südamerikanische Fahrer es heute nur mit ihrem blau-weißen Auto schaffen.

Der Tod Sennas vor fast genau zehn Jahren wirkt samt dem herum gebauten Mythos bis heute nach - und macht in diesen Tagen auch deutlich, dass Michael Schumacher sämtliche Rekorde brechen mag, alle Rennen dieser Saison gewinnen kann und die im nächsten Jahr gleich mit, ohne jemals die Verehrung erfahren zu können, die Ayrton Senna entgegengebracht wird. Das liegt nur wenig daran, dass die Menschen ihre toten Helden am meisten lieben. Eher schon hat es damit zu tun, dass der früher durchaus eigenwillige Schumacher sich so oft gehäutet hat, dass er immer glatter und maskenhafter auftritt. Es wirkt manchmal, als habe sich das perfekte Uhrwerk des Ferrari auf seine Persönlichkeit übertragen, als sei Schumacher längst ein Teil der Maschine geworden. Doch mit Sennas frühem Tod blieb ihm zudem die Möglichkeit verwehrt, sich mit dem Brasilianer um die Weltmeisterschaft zu duellieren.

Schumachers große Stunde schlug erst, nachdem der damals übermächtig erscheinende Konkurrent nicht mehr da war - zu einer Wachablösung auf der Piste kam es nie. Darüber hinaus musste Michael Schumacher sich auch nicht über viele Jahre mit einem gleichstarken Gegner herumschlagen wie es Prost einst für Senna war. Hill, Villeneuve und Häkkinen kamen und gingen, keiner von ihnen besaß aber über einen längeren Zeitraum das entsprechende Format, um der eine, große Widersacher des Deutschen zu werden.

Es ist natürlich so, dass Schumacher Senna höchstwahrscheinlich irgendwann abgehängt hätte und wohl gegen jeden Herausforderer hätte bestehen können. Die Tragik liegt für den sechsmaligen Weltmeister eher darin, dass er beides nie beweisen konnte. Daran wird auch sein Sieg am Sonntag in Imola nichts ändern. Einen echten Gegner für ihn findet man heute weniger denn je.