Rennen in Barcelona Aufstand aus der zweiten Reihe

Verdrehte Welt in der Formel 1: Zum zweiten Mal in Folge sind mit Felipe Massa und Lewis Hamilton die Schattenmänner schneller als ihre Star-Kollegen. Ferrari und Mercedes machen den Titel trotzdem unter sich aus - aus dem erwarteten Duell ist jedoch ein Vierkampf geworden.

Von Stephan Gröne


Michael Schumachers Rücktritt zum Ende des letzten Jahres brachte in der Formel 1 einiges in Bewegung. Die beiden verbliebenen Topstars der Szene, Fernando Alonso und Kimi Räikkönen, wollten und sollten am meisten von der entstandenen Lücke profitieren und vollzogen eine Art Ringtausch um die begehrtesten Cockpits. Räikkönen ersetzte Schumacher bei Ferrari, Alonso übernahm den McLaren-Mercedes-Chefsessel. Nach dem ersten Rennen in Europa und dem vierten der Saison sind die Auswirkungen dieser Rotation allerdings gravierender als erwartet. Zum zweiten Mal in Folge lagen zwei Fahrer an der Spitze, denen vor der Saison bestenfalls die Rolle der Wasserträger ihrer prominenten Kollegen zugedacht war.

Zweitplatzierter Hamilton (li.) und Sieger Massa: Protagonisten des Wochenendes
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Zweitplatzierter Hamilton (li.) und Sieger Massa: Protagonisten des Wochenendes

Allen voran Felipe Massa. Dem Ferrari-Pilot gelang mit dem Sieg beim Grand Prix in Barcelona erneut ein perfektes Wochende. Massa raste endgültig aus der schattigen zweiten Reihe in die vorderste Front der Titelkandidaten. Wie schon zuvor in Bahrain düpierte er den Rest des Feldes mit einem Renn-Hattrick (Sieg, Pole und schnellste Runde), bei dem er nur einmal die Muskeln spielen lassen musste.

Noch in der ersten Kurve versuchte Schnellstarter Alonso, Massa zu kassieren, wurde aber zu seiner großen Verblüffung mit Wucht und Chuzpe aufs Kiesbett herausgedrückt. Dieses rennentscheidende Manöver absolvierte der Brasilianer ähnlich souverän, wie er nach dem Rennen die Erklärung lieferte: "Es war ganz schön eng, ich war einfach innen und hab draufgehalten. Es war für uns beide ziemlich riskant. Aber wenn du siehst, wie hart die Konkurrenz ist, da ist die erste Kurve natürlich entscheidend. Da willst du nicht verlieren, wie es mir in Malaysia passiert ist."

Massas neuem Fahr- und Ausdrucksstil ist deutlich anzumerken, dass sich seine klaglos überstandene einjährige Adjutantenphase hinter dem Ferrari-Über-Ich Schumacher auszuzahlen beginnt. Er hat im Lehrjahr nicht aufgemuckt und den Meister und Teamchef Jean Todt (dessen Sohn zufällig Massas Manager ist) so zufrieden gestellt, dass er ein weiteres Jahr im neben dem Feuerwehrwagen weltweit begehrtesten roten Auto sitzen durfte. Nun sieht er die Zeit gekommen, sein ganzes Können zu präsentieren.

Abzulesen an der WM-Wertung. Massa schob sich auf Rang drei und liegt mittlerweile deutlich vor Räikkönen, dessen Arbeitstag nach nur neun Runden nach technischem Defekt beendet war. Vom Goldesel zum Pechvogel, ihm scheint die Ausfallseuche von Mercedes zu Ferrari gefolgt zu sein. So musste der Finne tatenlos mitansehen, wie Massa sich zum neuen Star der Italiener aufschwang.

Auch bei Mercedes wird dem Platzhirschen langsam das Revier streitig gemacht. Denn die Führung in der WM hat ein anderer No-Name-Pilot inne. Lewis Hamilton verblüfft dabei schon in seinem Lehrjahr Fans und Experten gleichermaßen und baute seine Rekordserie auf nunmehr vier Treppchenrennen in Serie aus. McLaren-Mercedes-Teamchef Norbert Haug rang mit der Fassung: "Wenn mir das jemand vor einigen Wochen gesagt hätte, hätte ich geantwortet: 'Gaga.' So kann man Weltmeister werden, wenn man die Punkte sammelt. Wir werden ein Riesen-Showdown in Monaco erleben."

Mit einem angefressenen amtierenden Weltmeister. Denn schon zum zweiten Mal lag Hamilton vor seinem Teamkollegen Alonso, dem die "Frechheiten" des Nachwuchses das Heimrennen vor 140.000 zunehmend ruhiger werdenden Fans komplett verdarben. Als Dritter auf der untersten Stufe des Podiums schaute er etwas betreten um sich, nahm aber dennoch den wohl hässlichsten Pokal der Formel 1, einer mit Alufolie umwickelten Stricknadel nicht unähnlich, entgegen.

Auch ein Deutscher hatte Grund genug, das Rennen schnell zu vergessen. Der "ewige Vierte" Nick Heidfeld musste seinen BMW-Sauber 19 Runden vor Schluss in der Box parken und sah zum ersten Mal in dieser Saison die Zielflagge nicht. Schon beim ersten – regulären - Stopp hatten ihn seine Mechaniker im Stich gelassen und ihm zu früh das Zeichen zur Weiterfahrt gegeben. Dabei flog eine noch nicht befestigte Schraube vom Rad und zwang ihn zu einem zweiten Stopp, der ihn außerplanmäßig zurückwarf. BMW-Motorsport-Direktor Mario Theissen versprach nach Rennende ausführliche Strafarbeiten: "Die Startfreigabe für Nick kam zu früh. Das wird jetzt nochmal analysiert. Dann gibt es wieder Pitstopp-Training nächstes Mal."

Doch mit Honda hat BMW einen scharfen Konkurrenten um den Preis des chaotischsten Rennstalls des Wochenendes. Dem trotz eines extrem hohen Budgets erfolglosesten Team des Jahres gelang es beim ersten Reifenwechsel, Jenson Button just in dem Moment wieder auf die Piste zu schicken, als sein Markenkollege Rubens Barrichello auftauchte. Resultat war eine Kollision inklusive eines Flügelabrisses beim Briten, der die Jagd auf WM-Punkte früh beendete.



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