Rennfahrer Sutil Wie ein Totalschaden

Seine Suche nach einem neuen Formel-1-Cockpit war bisher erfolglos, nun droht Adrian Sutil auch noch eine Vorstrafe: Für den Rennfahrer ist seine Verurteilung im "Champagnerglas-Prozess" eine Katastrophe. Ein Comeback in der Königsklasse des Motorsports ist nun nahezu ausgeschlossen.

Rennfahrer Sutil: Riesiger Imageschaden
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Rennfahrer Sutil: Riesiger Imageschaden

Von Sebastian Winter, München


Adrian Sutil ist ein schlanker Mann. Der 29-Jährige hat dünne, flinke Finger, mit denen er in seiner Jugend Preise am Klavier gewonnen hat. Noch heute setze er sich gerne ans Piano, wenn er seine Mutter im Münchner Vorort Gräfelfing besuche, sagte Sutil. Der Formel-1-Pilot hat in den nächsten Wochen und Monaten wieder viel Zeit für die Musik.

Denn der in der Schweiz lebende Deutsche ist nach der Trennung von seinem Rennstall Force India zurzeit nicht nur ohne Job. Er wurde zudem am Dienstag in Saal B 177 des Amtsgerichts München im "Champagnerglas"-Prozess wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Gefängnisstrafe von eineinhalb Jahren verurteilt, ausgesetzt für drei Jahre zur Bewährung.

Außerdem muss Sutil 200.000 Euro an gemeinnützige Organisationen zahlen. Zuvor waren Verhandlungen über eine gütliche Einigung gescheitert. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Strafe von einem Jahr und neun Monaten und die Zahlung von 300.000 Euro gefordert.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, die Verteidigung kann innerhalb einer Woche Berufung einlegen. Ob sie das macht, blieb zunächst offen. Sollte es bei dem Strafmaß bleiben, bedeutet es nicht nur einen riesigen Imageschaden für den 29-Jährigen, sondern wohl sein endgültiges Aus in der Formel 1.

Hamilton hilft nicht

Sutil war angeklagt worden, nachdem er bei einem Streit in einer Nobeldisco in Shanghai nach dem Großen Preis von China im April 2011 den Lotus-Renault-Mitbesitzer Eric Lux mit einem Champagnerglas am Hals getroffen hatte. Lux verletzte sich bei dieser Aktion schwer. Mehrere Zeugen wurden am Montag gehört, ein Sachverständiger schätzte die Schwere von Lux' Verletzungen ein, das verschwommene Video einer Überwachungskamera wurde von der Verteidigung als Beweismittel vorgeführt. Doch die Lage blieb auch während der Verhandlung diffus.

Auch Formel-1-Pilot Lewis Hamilton half Sutil nicht, den er als guten Freund bezeichnet. Hamilton sagte den Gerichtstermin aus beruflichen Gründen ab. In einem schriftlichen Statement, das er dem Gericht schickte, bedauerte er, die entscheidende Szene nicht gesehen zu haben - obwohl er während der Auseinandersetzung in dem Club direkt neben Sutil saß. "Es wäre eine schöne Geste gewesen, wenn Lewis gekommen wäre", sagte Sutil. Der Prozess zeigte auch, was Freundschaft im Millionengeschäft Formel 1 wert ist.

Sutil galt als vielversprechendes Talent. 2006 gewann er die japanische Formel-3-Meisterschaft, ein Jahr später wurde er Stammpilot in der Formel 1 beim Team Spyker-Ferrari. Das Auto war allerdings nicht konkurrenzfähig, Sutil blieb daher bis zuletzt ein Mitläufer, auch wenn er 2011 für Force India immerhin Neunter der WM-Wertung war. Danach wurde er ausgemustert, den Kampf um ein Cockpit bei Williams hat er ebenfalls verloren.

Kein Job, Zukunft ungewiss

Ein Glamourtyp wie Hamilton war er nie, eher ein leiser, fast schüchtern wirkender Mann. Das findet auch Markus Winkelhock, der mit Sutil vor ein paar Jahren Testfahrer beim Formel-1-Rennstall Midland war. Winkelhock sagte SPIEGEL ONLINE: "Ich habe ihn von so einer Seite nie kennengelernt, dass er in einen Club geht und Schlägereien anzettelt. Er ist Profisportler, steht in der Öffentlichkeit und weiß ganz genau, dass er sich so etwas nicht erlauben kann."

Sutil weiß das, doch jetzt ist es zu spät. Welcher Rennstall will nun noch mit einem Mann zusammenarbeiten, dem der Makel eines Straftäters anhaftet und der sich selbst in der Öffentlichkeit nicht unter Kontrolle hat? Seine während des Prozesses an Lux gerichtete Entschuldigung dürfte ihm nicht helfen.

Sutil hat einen Realschul-Abschluss, aber keine Berufsausbildung. Aktuell ist er ohne Job, wie es weitergeht, weiß er nicht. Die Chance, 2012 ein Cockpit zu bekommen, ist nahezu ausgeschlossen. Wie er selbst vor Gericht angab, lebt er von seinen Ersparnissen, 2011 hat er rund 750.000 Euro eingenommen. Allerdings soll er bei seinem Management Verbindlichkeiten zwischen 600.000 und 800.000 Euro haben. Seine Wohnung in der Schweiz kostet 2600 Euro monatlich.

"Vielleicht mache ich einfach ein Jahr Auszeit", sagte Sutil nach der Urteilsverkündung geknickt: "Das einzig Positive für mich ist, dass ich mit Herrn Lux im Reinen bin. Wir haben uns die Hand gegeben." Auf Sutils Homepage läuft weiterhin der Countdown bis zum ersten Formel-1-Rennen in Australien. 47 Tage sind es noch. Doch für Sutil spielt das vorerst keine Rolle mehr.



insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
hatem1 31.01.2012
1. Wie kann man helfen?
Zitat von sysopSeine*Suche nach einem Formel-1-Cockpit war bisher erfolglos, nun droht Adrian Sutil auch noch eine Vorstrafe: Für den Rennfahrer ist seine*Verurteilung im "Champagnerglas-Prozess" eine Katastrophe. Ein Comeback in der Königsklasse des Motorsports ist nun nahezu ausgeschlossen. http://www.spiegel.de/sport/formel1/0,1518,812471,00.html
Der Artikel hat mich sehr bewegt und das grausame Schicksal von Adrian Sutil dauert mich tief. Ist er nicht genug gestraft? Musste er wirklich auch noch so hart verurteilt werden? Gibt es eine Möglichkeit zu helfen? Ein Spendenkonto vielleicht?
ellereller 31.01.2012
2. Freunschaft und Wahrheit
Zitat von sysopSeine*Suche nach einem Formel-1-Cockpit war bisher erfolglos, nun droht Adrian Sutil auch noch eine Vorstrafe: Für den Rennfahrer ist seine*Verurteilung im "Champagnerglas-Prozess" eine Katastrophe. Ein Comeback in der Königsklasse des Motorsports ist nun nahezu ausgeschlossen. http://www.spiegel.de/sport/formel1/0,1518,812471,00.html
Wissen Sie, ob Hamilton tatsächlich die entscheidende Szene gesehen hat? Ich weiß es nicht und gehe mal davon aus, dass er dem Gericht gegenüber die Wahrheit geschrieben hat. (Man kann neben jemadem sitzen und dennoch in die andere Richtung schauen.) In diesem Fall ist ihr resignierter Nachsatz nur sinnvoll, wenn man annimmt, dass wahre Freunde vor Gericht füreinander lügen. Wollen Sie das?
DasBrot 31.01.2012
3. Mit einem Glas am Hals verletzt....
...ist sicher schmerzhaft. Die beiden haben sich die Hand gereicht. Warum wird der Mann so geächtet. Er hat doch seine Strafe bekommen. Er wird ja behandelt wie ein Kinderschänder. Ich denke seine Leistung sollte zählen, sofern er sie unter Beweis stellen kann.
günterjoachim 31.01.2012
4. Glück gehabt...
Den Äußerungen der Staatsanwaltschaft nach ist Adrian Sutil wohl eher glimpflich davongekommen. Bei der Höhe der Strafe wird ihn das Gericht wohl sehr negativ beurteilt haben. Nur mit versehentlichem Stolpern wird man die Verletzungen des Herrn Lux kaum erklären können.
monzaman 31.01.2012
5. ....
Zitat von hatem1Der Artikel hat mich sehr bewegt und das grausame Schicksal von Adrian Sutil dauert mich tief. Ist er nicht genug gestraft? Musste er wirklich auch noch so hart verurteilt werden? Gibt es eine Möglichkeit zu helfen? Ein Spendenkonto vielleicht?
Sie wollen allen Ernstes ein Spendenkonto einrichten für jemand der 2011 ein Jahreseinkommen von 750.000 € hatte und in einer Wohnung lebt die 2.600 € Miete kostet??? Das Wort Verhältnismäßigkeit ist Ihnen wohl vollkommen fremd, oder???
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