Ferrari-Fahrer Vettel "Ihr seid immer so negativ"

Er verlor erst die Kontrolle, dann die Fassung: Für Sebastian Vettel wurde der Grand Prix von Silverstone zum Debakel. Sein Ferrari ist derzeit einfach nicht konkurrenzfähig.
Ferrari-Fahrer Sebastian Vettel

Ferrari-Fahrer Sebastian Vettel

Foto: imago/Action Plus

Sebastian Vettel war sichtlich angefressen: Platz neun beim britischen Grand Prix in Silverstone, ohne jede Chance, auch nur in den Kampf um die Podiumsplätze eingreifen zu können. Das hatte sich der viermalige Weltmeister sicherlich anders vorgestellt. Als ihn dann die TV-Reporter auch noch explizit darauf ansprachen, dass die ganze Ferrari-Vorstellung an diesem Wochenende eine ziemliche Katastrophe gewesen sei, bekamen die den Ärger ab: "Ihr seid immer so negativ", blaffte Vettel zurück, "nur wenn es ein- oder zweimal nicht so gut läuft..."

Vettel hatte ein Desaster-Wochenende erwischt. Nach einem erneuten Getriebedefekt und den fälligen fünf Strafplätzen sowie zwei kleinen Fehlern im Qualifying ging er nur von Startplatz elf aus ins Rennen. Bei den wechselnden Bedingungen versuchte er dann, durch einen sehr frühen Tausch auf Trockenreifen Boden gut zu machen, was aber auch schiefging. Auf der noch feuchten Strecke leistete sich Vettel einen Dreher und fiel wieder auf Position zwölf zurück. Anschließend brauchte er lange, um am Toro Rosso von Danil Kwjat vorbei zu kommen, mit dem er in diesem Jahr ja schon einige unglückliche Zusammentreffen hatte.

Fotostrecke

Formel 1: Hamiltons Heim-Hattrick

Foto: Matthew Childs/ REUTERS

Dann war der Williams von Felipe Massa die nächste Blockade. Als sich Vettel endlich vorbei presste, schob er den Brasilianer dabei ein bisschen von der Strecke und kassierte dafür eine Fünf-Sekunden-Strafe. Die allerdings am Ende keinen Unterschied machte - es blieb bei Platz neun, sein Vorsprung auf den am Ende Zehntplatzierten Kwjat war groß genug gewesen.

Vettel nach dem Rennen ratlos

Warum er überhaupt bestraft worden war, wollte er allerdings nicht verstehen: "Ich konnte nicht viel machen, ich wollte ihn nicht so weit raus drücken, sondern selbst nicht von der Strecke abkommen", sagte der 29-Jährige. "Ich hatte aber überhaupt keinen Grip und weiß nicht, ob das bei ihm auch so war. Aber ich hatte keine Wahl, auch wenn es für ihn offenbar so ausgesehen hat, als ob ich ihn raus gedrückt habe", so Vettel. "Jedes Mal, wenn ich eingelenkt habe, verlor ich die Kontrolle über mein Heck."

Viel fataler als das schlechte Ergebnis muss freilich für Vettel und Ferrari die Erkenntnis sein, dass man in Silverstone absolut nicht konkurrenzfähig war. Auch Kimi Räikkönen landete - ohne offensichtliche Probleme - nur auf Rang fünf, 69 Sekunden hinter dem siegreichen Lewis Hamilton und auch über eine Minute hinter Max Verstappen im Red Bull.

Teamchef Maurizio Arrivabene wollte gern glauben, dass das streckenbedingt gewesen sei, Silverstone habe Ferrari nie besonders gelegen, und man habe vielleicht auch das Set-up einfach nicht richtig hinbekommen. Und auch Vettel bemühte die gleiche Ausrede: "Heute war einfach nicht unser Tag, das waren schwierige Bedingungen, und wir steckten dann auch lange im Verkehr fest. Wir konnten eigentlich nie wirklich frei fahren, und da ist es schwer, einen guten Rhythmus zu finden."

Aber es sei nicht gleich alles schlecht, wenn man mal ein, zwei Rennen habe, bei denen es nicht nach Plan läuft, so Vettel. "Das war das erste Rennen, bei dem wir nicht ganz auf Augenhöhe waren, um ganz nach vorn mitzukämpfen. Die Rennen davor muss man sich anschauen."

Ferrari und Vettel können WM abschreiben

Was aber - leider aus Ferrari-Sicht - auch nur zum Teil stimmt. Beim Großen Preis von Baku war Mercedes haushoch überlegen, beim Großen Preis von Österreich wäre Vettel auch ohne den Reifenschaden wohl zumindest von einem Red Bull geschlagen worden. Die Mercedes, die ja das eigentliche Ziel der immer wieder propagierten Ferrari-Aufholjagd sind, waren auch da deutlich außer Reichweite.

Es scheint eher so, dass Kanada, als Ferrari mit einigen Updates plötzlich tatsächlich näher an die Spitze herangekommen war, den berühmten "Ausreißer nach oben" darstellte. Dort auch bedingt durch die extrem niedrigen Temperaturen, mit denen die Silberpfeile nicht zurechtkamen.

Dass er die diesjährige WM abschreiben kann, dürfte Vettel schon seit einiger Zeit klar sein. Dazu passieren bei Ferrari einfach neben dem fehlenden Speed auch zu viele Pannen. Vier Getriebedefekte bei Vettel in der ersten Saisonhälfte, dazu noch eine bei Räikkönen - das ist für ein Top-Team eigentlich indiskutabel.

Der momentane Frust, der Vettel immer mehr anzumerken ist, kommt aber wohl auch daher, dass er inzwischen befürchten muss, auch im nächsten Jahr wieder kein ernsthafter Titelkandidat zu sein. Immer deutlicher wird, wie groß die Reserven sind, auf die Mercedes im Antriebsbereich noch zurückgreifen kann - und wie viel besser Red Bull in Sachen Chassis unterwegs ist als die Roten.

Tendenzen, die auch das neue Reglement 2017 kaum auf den Kopf stellen dürfte. Alternativen zu Ferrari gibt es für ihn aber auch nicht: Die beiden Spitzenteams sind realistisch gesehen für die nächsten zwei Jahre besetzt.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.