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16. April 2017, 20:17 Uhr

Vettel-Sieg in Bahrain

"Grazie mille"

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Ferrari macht einfach keine Ferrari-Sachen mehr. Valtteri Bottas weiß, dass er bei Mercedes die klare Nummer zwei ist. Und Fernando Alonso unterhält via Boxenfunk. Alles Wichtige zum Rennen in Bahrain.

Ausgangslage: Anders als vor der Saison prognostiziert, bietet die Formel 1 2017 unterhaltsame Rennen und vor allem einen spannenden Titelkampf zwischen zwei Rennställen. Sebastian Vettel (Ferrari) hatte das erste Rennen in Australien gewonnen, Top-Favorit Lewis Hamilton (Mercedes) legte in China nach. Die beiden WM-Rivalen führten das Klassement mit jeweils 43 Punkten an. Besonders interessant: Mercedes scheint auf einer schnellen Runde weiter nur schwer zu schlagen sein, kann die bessere Motorenleistung aber nicht über eine Renndistanz ausspielen. Deshalb ist Ferrari so nah dran.

Startaufstellung (Top Ten):
Bottas - Hamilton - Vettel - Ricciardo - Räikkönen - Verstappen - Hülkenberg - Massa - Grosjean - Palmer.

Das Ergebnis: Vettel feierte den zweiten Saisonsieg und verwies Hamilton sowie Qualifying-Sieger Valtteri Bottas auf die Plätze. Dahinter landete Kimi Räikkönen im zweiten Ferrari auf Rang vier. Für Red Bull reichte es nach dem Aus für Max Verstappen in der zwölften Runde nur zu Platz fünf für Daniel Ricciardo.

McLaren-Debakel, Teil drei: Eigentlich wollte der britisch-japanische Rennstall 2017 wieder um Siege mitfahren. Stattdessen ist der Honda-Motor ein einziges Desaster - null Punkte aus zwei Rennen. Besser wurde es auch in Bahrain nicht, Youngster Stoffel Vandoorne konnte wegen technischer Probleme nicht mal an den Start gehen. Fernando Alonso, der mit einem Start bei der Indy 500 zur Vertragsverlängerung überredet werden soll, lieferte sich im Mittelfeld mal wieder tolle Duelle, hätte die Top Ten aber auch ohne das Aus wegen Motor-Problemen kurz vor Ende verpasst. Dafür sorgte der Spanier für Funk-Unterhaltung: In der 25. Runde beschwerte sich Alonso über die geringste Power in seinem Rennfahrerleben, um später seinem Renningenieur auf die Frage nach der Strategie zu antworten: "Do whatever you want, man."

Startphase: Auf dem Bahrain International Circuit in Sakhir ist es wie auf so vielen Strecken besser auf der inneren, der sauberen Seite zu starten. Das bekam auch Hamilton zu spüren, der als Zweiter auf der dreckigen Seite ins Rennen ging, eigentlich einen guten Start hinlegte und doch sowohl gegen Teamkollege Bottas als auch gegen Vettel chancenlos war. Der Finne behielt Platz eins, Vettel sicherte sich den zweiten Rang.

Schlüsselphase: Zwischen der elften und der 17. Runde nahm das Rennen richtig Fahrt auf - und Vettel legte den Grundstein für seinen insgesamt 44. Karriere-Erfolg. In der elften Runde kam der Deutsche an die Box und versuchte, Mercedes mit einem sogenannten "Undercut" hinter sich zu lassen. Dabei geht es um einen frühen Boxenstopp, um mit frischen Reifen einen Vorsprung herauszufahren, bis die Konkurrenz an der Box nachzieht. Als in der 13. Runde das Safety Car nach einem Unfall von Williams-Pilot Lance Stroll auf die Strecke kam, drohte Vettels Strategie zu platzen, doch mit etwas Glück blieb er auch nach dem Neustart in Runde 16 knapp vor Bottas und Hamilton. Weil der Brite beim Einfahren in die Box Red-Bull-Pilot Ricciardo blockierte, bekam er eine Fünf-Sekunden-Strafe aufgebrummt, die am Ende des Rennens erneut Vettel in die Karten spielte.

Rangfolge bei Mercedes: Jahrelang hatte sich Mercedes gegen Stallorder gewehrt. Teamchef Toto Wolff sprach nach Bahrain von technischen Problemen bei Bottas, doch der Finne weiß nach diesem Rennen endgültig um die Hierarchie in seinem neuen Rennstall. In der 23. Runde bat Hamilton über Boxenfunk um eine Teamorder, er wolle an Bottas vorbeifahren, um Vettel angreifen zu können. Sollte das nicht gelingen, würde er den Finnen auch wieder vorbeilassen. Vier Runden später war es so weit, Bottas musste den dreifachen Weltmeister vorbeilassen. Als Hamilton nach seiner Fünf-Sekunden-Strafe wieder hinter Bottas fuhr, kam in der 47. Runde die nächste Stallorder: "Halte Lewis nicht auf", hieß es im Boxenfunk. Ehrlicher wäre wohl gewesen: "Hey Valtteri, Du bist hier die klare Nummer zwei."

Grazie mille: Der Jubel im Ferrari-Lager war gewaltig, Vettel parlierte nach der Zieldurchfahrt auf Italienisch. Im Winter hatten sich die Verantwortlichen einen Maulkorb verpasst. Bloß nicht wie im Vorjahr mit vollmundigen Aussagen einen zu großen Erwartungsdruck aufbauen, um dann mit haarsträubenden Fehlern weltweiten Spott einzusammeln. Diese Strategie hält immer noch, Kampfansagen sind bei den Roten verpönt. Und auch der viermalige Weltmeister Vettel hält sich dran: "Die sehe ich mir wirklich nicht an", sagte Vettel zur 68:61-Punkteführung gegenüber Hamilton. "Die Saison ist noch lang."

Erkenntnis des Rennens: Was in den vergangenen Jahren bei Ferrari alles schiefging, läuft in dieser Saison fast von alleine. Strategie, Renntempo, Außendarstellung, Glück - die Scuderia und Vettel sind echte Titelkandidaten.

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