Ferraris schwacher Saisonbeginn Rätsel Vettel

Sebastian Vettel bleibt nach dem dritten Platz in China die Nummer eins bei Ferrari. Doch wie lange noch? Vettel kämpft mit einem unterlegenen Auto, einem starken Teamkollegen - und seiner eigenen Formschwäche.

Sebastian Vettel
Andy Wong AP

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Der Formel 1 droht die große Langeweile. Schon nach dem dritten Rennen der Saison scheint Mercedes, entgegen allen Prognosen, so weit enteilt, dass die Weltmeisterschaftsrivalen Ferrari und Red Bull bei der Weiterentwicklung ihrer Autos erhebliche Sprünge machen müssen, um den sechsten WM-Titel von Lewis Hamilton verhindern zu können. Der Brite gewann in Shanghai das 1000. Rennen der Formel-1-Geschichte, wirkte dabei erstaunlich souverän und liegt in der WM-Wertung bereits 31 Punkte vor seinem vermeintlich größten Rivalen Sebastian Vettel.

Sicher, es müssen noch 18 Rennen gefahren werden, für eine Bilanz ist es zu früh. Wer wie Mercedes aber trotz unterlegener Motorleistung das beste Gesamtpaket auf die Strecken bringt, zwei von drei Rennen dominiert und wie in Bahrain die Fehler der Konkurrenz ausnutzt, fährt sich in den Status des Topfavoriten. Und Ferrari? Bei dem Rennstall, der sich nach den Testfahrten in Barcelona in dieser Position wähnte, da stehen sie sich selbst im Weg - mit Vettel in vorderster Front.

Der Shanghai International Circuit passt mit zwei langen Geraden eigentlich gut zum Ferrari SF 90. Doch schon im Training hatte sich angedeutet, dass der stärkste Antrieb im Feld keine Garantie für Spitzenplätze ist, wenn in den Kurven der Vorteil verspielt wird. Das bestätigte sich dann im Qualifying, als Hamiltons Teamkollege Valtteri Bottas die Poleposition holte - und auch im Rennen, wo sich die beiden Silberpfeil-Piloten früh absetzen konnten. "Wir wollten mit Mercedes um den Sieg kämpfen", sagte Vettel nach dem Rennen, "aber das war nicht möglich. Sie waren einfach zu schnell."

Das ist das erste Problem für Vettel. Das zweite heißt Charles Leclerc, fährt den zweiten Ferrari und hat wie schon in Bahrain den besseren Gesamteindruck hinterlassen. Im Qualifying hatte sich Vettel noch knapp vor dem Monegassen behaupten können, doch schon beim Start des Rennens zog Leclerc vorbei.

Danach fuhr der Deutsche die etwas schnelleren Rundenzeiten, konnte Leclerc jedoch nicht überholen - was weniger an der Leistung der 31-Jährigen lag, als vielmehr an den aerodynamischen Voraussetzungen in der Formel 1, die Überholmanöver bei ähnlich schnellen Autos fast unmöglich machen. In dieser Phase kam Vettels drittes Problem zum Tragen. Ferrari schafft es unter dem neuen Teamchef Mattia Binotto nicht, die richtigen Strategieentscheidungen zu treffen.

Elf Runden dauerte es, ehe die Verantwortlichen der Scuderia Leclerc über den Boxenfunk anwiesen, Vettel vorbeizulassen. Genau in dem Moment, als sich das von Sauber verpflichtete Talent stabilisierte und der Reifenverschleiß dafür sorgte, dass Vettel eben nicht mehr schneller als Leclerc war. Stallorder ist ein viel diskutiertes Thema in der Formel 1. Es gibt nicht nur Befürworter, aber Ferrari hat sich frühzeitig auf Vettel als Nummer eins festgelegt und wird auch in Zukunft Rennen so beeinflussen. Nur hätten sie es in China früher machen müssen, so hatte Vettel keine reelle Chance, näher an die Mercedes-Piloten heranzufahren.

Leclerc rüttelt an der Ferrari-Hierarchie

Was folgte, war ein verärgerte Leclerc, der sich über den Funk beschwerte. "Was jetzt?", fragte er für jeden hörbar. "Ich verliere gerade ziemlich viel Zeit. Keine Ahnung, ob ihr das wissen wollt." Nach dem Rennen klang das wieder gemäßigter, aber der 21-Jährige rüttelt an der Hierarchie im Team. Das liegt auch an Vettel - das vierte Problem betrifft den vierfachen Weltmeister selbst.

Vettel schafft es seit Monaten nicht, Rennen konstant und fehlerfrei zu Ende zu fahren. In China verbremste er sich nach der Stallorder einmal massiv und leistete sich weitere Ungenauigkeiten. Vettel selbst sprach nach dem Rennen davon, nach dem befohlenen Überholmanöver seinen "Rhythmus nicht gefunden" zu haben, weil sich das Verhalten des Autos bei freier Fahrt verändert habe. Wer Weltmeister werden will, muss mit solchen Veränderungen besser klarkommen.

In zwei Wochen steht das vierte Saisonrennen in Aserbaidschan an. Bis dahin wird sich beim Entwicklungsstand der Autos wenig tun, traditionell bringen die Teams erst zum Europa-Auftakt in Barcelona die ersten Updates mit. Teamchef Binotto wirkte ohnehin ratlos: "Wir haben noch keine klare Idee, warum wir langsamer als in Bahrain waren", sagte der Italiener beim TV-Sender Sky.

Vettel und Ferrari - das ist derzeit keine titelreife Kombination.

insgesamt 31 Beiträge
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theuwe 14.04.2019
1. Fahrer und Team: alles muss stimmen!
Man muss sich einmal vor Augen führen, wie eng die Leistungsdichte der drei Top-Teams vor allem beim Qualifying ist: oft im Bereich von 1/100 oder 1/1000 Sekunden. Rennsport ist ein Teamsport, um Erfolg zu haben muss alles perfekt stimmen, vom Engineering über Strategie und den Boxenteams bis hin zum Fahrer, der natürlich letztlich nach wie vor einen großen Einfluss hat. Von seinem Geschick hängt im Rennen immer noch eine ganze Menge ab. Er braucht Aggressivität mit Augenmaß, ein Patzer und das war's oftmals. Die Leistungen der Fahrer innerhalb eines Teams sind immer am besten vergleichbar. Da ist Hamilton idR vor allem im Rennen besser als Bottas (zuvor als Rosberg) und wie es sich jetzt bei Ferrari zeigt, ist Leclerc besser als Vettel, der seinen Zenit überschritten hat
inge-p.1 14.04.2019
2. Ach, wie tönte Vettel ...
… am Anfang der Saison. Und jetzt? Fernerliefen. Nach dem dritten Rennen nur …., ich weiß nicht was und wo. In jeden Fall nicht Erster in der WM-Wertung.
jjcamera 14.04.2019
3. Für Hamilton nicht einmal eine Testfahrt
Das mit der "unterlegenen Motorleistung" ist eine Erfindung der Mercedes-PR, damit das Rennen im Vorfeld als etwas "Spannendes mit höchst unsicherem Ausgang" angekündigt werden kann. Hamilton fuhr einfach vom Start weg zum Sieg, ohne auch nur ein einziges Mal sich irgendwelche Sorgen wegen unterlegener Motorleistung oder sonst was machen zu müssen. Gähn!
Bernd Hofmann 14.04.2019
4. Sebastian hat seine Aura des Strahlens verloren!
Okay - Ferrari traf in den letzten Rennen, auch schon im letzten Jahr, keine guten Entscheidungen. Aber ein Fahrer muss sein Team führen. Dies klappt bei Louis und Valteri prima. Eben nicht bei Vettel. Falls er nicht von Leclerc überrundet wird im Laufe der Rennen, sehe ich schwarz für ihn. Ich sehe da eher ein psychisches Problem.
pirx64 14.04.2019
5.
Von Jahr zu Jahr werden die Chancen eher geringer den besser. Und jetzt noch einen jungen Teamkollegen, der ihm eh in diesems, spätestens im nöchsten, Jahr den Rang abläuft. er hat den besten Zeitpunkt für den Abschied verpasst, eigentlich nur 2 Optionen: Das Jahr mit Anstand zu Ende bringen oder gleich aussteigen.
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