Reifenpanne in Spa Vettels Traum - geplatzt

Sebastian Vettel war in Belgien auf Podestkurs, dann platzte an seinem Ferrari ein Reifen - und dem Deutschen der Kragen. Vom Reifenhersteller Pirelli fühlt er sich "verarscht".

Vettels Bolide: Zerplatzter Reifen verhindert Podestplatz
REUTERS

Vettels Bolide: Zerplatzter Reifen verhindert Podestplatz

Aus Spa-Francorchamps berichtet


Seine Augen funkelten bei jeder Frage. Sebastian Vettel war sauer, so etwas kann der 28-Jährige meist nur schwer verbergen. Mercedes-Pilot Lewis Hamilton versucht stets cool zu wirken, sein Teamkollege Nico Rosberg will immer nett und lässig rüberkommen. Vettel dagegen ist lustig, wenn er gute Laune hat, und er ist ernst, wenn er schlechte Laune hat. Nach dem Grand Prix in Belgien hatte er besonders schlechte Laune.

"Ich muss aufpassen, was ich sage. Wenn das 200 Meter früher passiert, knalle ich mit 300 in die Wand", zürnte Vettel und legte nach: "Die Qualität der Reifen ist miserabel, das geht jetzt schon seit Jahren so, das kann nicht sein. Da fühlt man sich verarscht."

Während Vettel im Fahrerlager gar nicht erst versuchte, seinen Ärger zu unterdrücken, ließ sich Romain Grosjean wenige Meter entfernt bei der Siegerehrung auf dem Podest für Rang drei feiern. Höchstwahrscheinlich hätte Vettel dort oben neben Sieger Lewis Hamilton gestanden und nicht der Franzose, wenn dem Deutschen auf dem Kurs von Spa-Francorchamps in der vorletzten Runde nicht der rechte Hinterreifen geplatzt und er deswegen ausgefallen wäre.

Die - nach wie vor unbeantwortete - Frage ist: Wie konnte das passieren? Schließlich befand sich Vettel zu dem Zeitpunkt, als der Reifen platzte, bei voller Fahrt auf der Strecke, nicht abseits des Kurses. Und Teile von einem Unfall, an denen man sich den Reifen aufschlitzen könnte, lagen nicht auf dem Asphalt. "Der Reifen knallt vollkommen unangekündigt in die Luft", sagte Vettel, der sich das Ende seines 150. Grands Prix sicher anders vorgestellt hatte.

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Der vierfache Weltmeister hatte zum Zeitpunkt seines Ausfalls allerdings auch nur deshalb auf Platz drei gelegen, weil er die riskanteste Strategie des gesamten Feldes gewählt hatte: Als einziger Fahrer versuchte Vettel, mit einer Ein-Stopp-Strategie ins Ziel zu kommen. Er hatte sich in der 15. Runde Medium-Reifen aufziehen lassen, 28 Runden waren da noch zu fahren, nach knapp 27 platzte der Pneu am Ferrari.

"Klar wusste ich, dass die Reifen abbauen. Aber die Ansage von Pirelli war, dass der Reifen 40 Runden lang hält. Sowas darf nicht passieren", polterte Vettel weiter. Grosjean hatte mit seinen deutlich frischeren Reifen den Deutschen in der Schlussphase des Rennens gejagt, lag zwei Runde vor Schluss nur noch eine halbe Sekunde hinter Vettel. Der war sich aber sicher: "Grosjean hätte ich halten können." Zeigen durfte und konnte er das nicht.

Pirelli-Motorsportchef Paul Hembery äußerte Verständnis für Vettels Reaktion: "Es ist völlig normal, dass er so emotional reagiert. Dafür kann ich ihn nicht kritisieren." Der Brite sagte aber auch: "Die Strecke ist die aggressivste im Kalender. Daher haben wir den Teams gesagt: Zwei- oder Drei-Stopp-Strategie. Der Reifen von Sebastian war fertig, am Ende seiner Lebensdauer. Es war sehr ehrgeizig und riskant, das mit dieser Strategie zu versuchen."

Eine unglückliche Figur in der ganzen Angelegenheit machte wieder einmal Niki Lauda in seiner Doppelrolle als RTL-Experte und Aufsichtsratschef vom Mercedes-Team. Nach Vettels Kritik an den Reifen sagte der Österreicher: "Ich finde es absolut unfair, wenn er jetzt Pirelli die Schuld gibt. Ferrari wollte ein Risiko eingehen, die Rechnung ging halt nicht auf." Als Mercedes-Pilot Rosberg am Freitag im Training der Reifen geplatzt war, hatte Lauda anschließend bei Sky noch gefordert: "Pirelli muss herausfinden, was da los war. Der Fahrer braucht eine Erklärung. Es muss sichergestellt werden, dass das nicht wieder passiert."

Angesprochen auf seinen und Vettels Unfall sagte Rosberg: "Das ist heftig, wir haben beide Riesenglück gehabt an diesem Wochenende. Das darf nicht passieren, dass die Reifen einfach ohne Vorwarnung platzen." Der frühere Formel-1-Fahrer Alexander Wurz, seit knapp einem Jahr Vorsitzender der Fahrergewerkschaft GPDA, wollte den Fall Vettel unmittelbar nach dem Rennen zwar nicht bewerten, sagte aber, es besteht auf jeden Fall "Gesprächsbedarf".

Formel-1-Saison 2015
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insgesamt 56 Beiträge
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Seite 1
witti 23.08.2015
1. Es gibt einen erheblichen Unterschied ...
Es gibt einen erheblichen Unterschied zwischen den Reifenplatzern von Vettel und Rosberg: Vettels Reifen war abgefahren, er hat eine riskante Strategie gewählt, Pirelli hat 2 oder 3 Stopps empfohlen. Rosbegs Reifen war dagegen fast neu. Deshalb sollte man auch nicht Lauda kritisieren, denn er hat Recht: Ein fast neuer Reifen darf nicht einfach platzen, bei einem total abgefahrenen muss man damit rechnen.
niska 23.08.2015
2.
Wie passen die Aussagen von Pirelli: "40 Runden", aber "2 bis 3 Stoppstrategie notwendig" zusammen? Und sein sicherer Reifen sollte nach und nach abbauen und nicht einfach irgendwann hochgehen, bevor er abzubauen beginnt. Sehr misteriös. Hat man vielleicht Ferrari absichtlich durch falsche Informationen (40 Runden) auflaufen lassen? Bei Pirelli, die sich durch exklusive Geheimtests mit Mercedes schon recht parteiisch zeigten wäre das durchaus möglich. Würde auch zu Laudas einseitigen Aussagen passen, der sich ja quasi ohne genause zu wissen vorauseilend gleich als Anwalt von Pirelli in Stellung gebracht hat. Rosberg, dem am Freitag dasselbe passiert ist, scheint ein Maulkorb verpasst worden zu sein. Mal schauen, wie der Skandal weitergeht.
bauigel 23.08.2015
3. Was wäre wenn?
Es ist unglaublich wie Pirelli mit dem Leben der Fahrer spielt. 2 Reifenplatzer bei Tempo 300 an einem Wochenende. Und dann wird die Schuld dem Fahrer zugeschoben. Ein Reifen darf nach 15...20...25..30 Runden abbauen, aber NIEMALS ohne äußere Beschädigung platzen!! Muss erst ein schwerer Unfall passieren bevor etwas geändert wird?
patrick6 23.08.2015
4. Ist ja auch völlig...
...ungewöhnlich, dass an einem Rennwagen mal ein Reifen platzt. Was erwartet Vettel - schusssichere Reifen? Von einem immerhin vierfachen Weltmeister sollte man sinnvollere Aussagen erwarten können, als die angebliche Zusicherung, dass der Reifen 40 Runden halten würde (und das offensichtlich als eine Art Garantie zu sehen). Noch schlimmer die Kommentatoren König und Wasser, die versuchten, daraus eine BILD-Geschichte zu machen. Die Lebensdauer von Reifen kann man nicht garantieren und schon gar nicht im Rennsport. Das sollte selbst diesen Nebbichs klar sein.
coyote38 23.08.2015
5. Heulsuse
Es ist nicht das erste Mal, dass Vettel ausgesprochen dünnhäutig reagiert, wenn die Dinge nicht reibungslos FÜR ihn laufen. Niki Lauda hat im Interview nach dem Rennen GENAU die richtigen Worte gefunden: Ferrari hat sich verpokert, weil man glaubte mit nur einem Boxenstopp durchs Rennen zu kommen, währen alle anderen Team ZWEI Stopps machen. Also: "Tränchen trocknen" und beim nächsten Mal BESSER machen. Denn "Gott und der Welt" die Schuld dafür zuzuschieben, dass man auch diese Saison mal wieder in einem nicht voll konkurrenfähigen Auto sitzt, ist ziemlich wehleidig.
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