Showdown in Malaysia Die Wende im Reifenkrieg

"In Sachen WM-Ausgang könnte die Gummi-Wahl tödlich sein für Michael", schimpfte Formel-1-Guru Niki Lauda vor Saisonbeginn über Ferraris Reifen-Partner Bridgestone. Knapp einen Monat später ist von der erdrückenden Überlegenheit der Michelin-Pneus keine Rede mehr – und alle blicken gespannt auf den Hitze-Showdown in Malaysia.

Von Andreas Kröner


Ferrari-Pilot Michael Schumacher: "Die Gummi-Wahl könnte tödlich sein"
AP

Ferrari-Pilot Michael Schumacher: "Die Gummi-Wahl könnte tödlich sein"

Hamburg - Bisher galt die Faustregel, dass die Michelin-Pneus von BMW-Williams und McLaren-Mercedes bei hohen Asphalttemperaturen am besten funktionieren. Ferrari hingegen haderte in der vergangenen Saison vor allem bei großer Hitze mit körnenden Gummis auf seinen Laufflächen. "Ferrari hat nicht wegen, sondern trotz Bridgestone die WM gewonnen", lästerte Michelin-Sportchef Pierre Dupasquier. Die Bridgestone-Teams Ferrari, Sauber, Jordan und Minardi schimpften derweil über ihren japanischen Reifenhersteller, das B.A.R.-Team wechselte sogar kurzerhand zum Konkurrenten Michelin. Noch im Januar gab es Gerüchte, auch Ferrari wolle den Vertrag mit seinem japanischen Reifenpartner vorzeitig auflösen. "Nur mit Michelin können wir um die WM mitfahren", wurde ein Ferrari-Ingenieur zitiert.

Doch nach dem Auftaktsieg in Melbourne und den jüngsten Reifentests will man von den "völlig unbegründeten Gerüchten" im Firmensitz in Maranello nichts mehr wissen. "Ferrari ist mit der Zusammenarbeit mit Bridgestone sehr zufrieden", sagte Ferrari-Pressesprecherin Regine Rettner zu SPIEGEL ONLINE, "über den Winter haben Ferrari und Bridgestone sehr hart gearbeitet. Die ersten Früchte dieser Arbeit hat man beim Rennen in Melbourne gesehen." Den bis Ende 2004 laufenden Vertrag werde man selbstverständlich erfüllen, auch eine weitere Zusammenarbeit scheint nicht ausgeschlossen: "Ferrari und Bridgestone sprechen zusammen über die Zukunft."

Die Zuversicht bei Ferrari ist groß, dass die neuen Reifen aus Tokio dieses Jahr mit der Konkurrenz aus Frankreich mithalten können. Beinahe alle entscheidenden Fahreigenschaften wie Grip, Traktion, Beschleunigung, Kurvengeschwindigkeit und Abtrieb hängen von der Qualität der Reifen ab, die Buchautor Paul Haney mystisch als "das Geheimnis des schwarzen Goldes" bezeichnet. Der dreifache Formel-1-Weltmeister Lauda kommentiert das Duell der Reifenhersteller etwas deftiger: "Das ist Japan gegen Frankreich. Ein Riesen-Krieg - jeder will den anderen prügeln."

Michelin-Reifen beim Saisonauftakt in Melbourne: Überlegenheit eingebüßt
DPA

Michelin-Reifen beim Saisonauftakt in Melbourne: Überlegenheit eingebüßt

Ein Grundproblem bei der hochkomplexen Reifenwahl ist dabei jedem Autofahrer bekannt: die unterschiedlich weiche (Winterreifen) beziehungsweise harte (Sommerreifen) Gummimischung. Weichere Reifen erreichen schneller die optimale Temperatur, haften besser - haben aber bei Hitze Nachteile: Das Profil fährt sich schnell ab, die Reifen deformieren sich und verlieren ihre mechanischen Eigenschaften - das Auto wird langsamer.

Bei normalen Verhältnissen dürfen die Teams 28 Regen- und 40 Trockenreifen pro Rennwochenende einsetzen. Da die Bridgestone-Konstrukteure die Form des im letzten Jahr überlegenen Michelin-Reifens weitgehend kopiert und die Vorderreifen innerhalb des strengen Reglements (siehe Kasten) verbreitert haben, wird die richtige Gummimischung in Malaysia entscheidend sein. Hier scheinen die Bridgestone-Teams mit einer etwas härteren Mischung im Vorteil zu liegen: "Der Bridgestone ist der konstantere Pneu. Die Michelin-Reifen sind schneller in den ersten Runden, dann bauen sie ab", glaubt Toyotas Chefdesigner Gustav Brunner.

Niki Lauda: Prognosen über den Haufen geworfen
REUTERS

Niki Lauda: Prognosen über den Haufen geworfen

Bisher war der GP von Malaysia fest in Michelin-Hand: 2002 kam Michael Schumacher auf der Rennstrecke in Sepang, wo das Thermometer oft mehr als 50 Grad Celsius anzeigt, mit über einer Minute Rückstand auf seinen Bruder Ralf ins Ziel, letztes Jahr wurde er von Sieger Kimi Räikkönen sogar überrundet. Nun kommt es 2004 erneut zum Reifen-Showdown: "Für mich ist es das Schlüsselrennen der Saison", sagt Lauda. Seine Prognosen vor der Saison hat der Österreicher kurzerhand über den Haufen geworfen: "Ich sehe Schumacher und Co. auch in Sepang immer noch vorne, vielleicht etwas knapper als in Melbourne."



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