Sicherheit in der Formel 1 18 Schichten zwischen Leben und Tod

Ein Hightech-Helm hat dem Ferrari-Piloten Felipe Massa womöglich das Leben gerettet. Auf das komplexe Kohlefaserprodukt vertraute schon Michael Schumacher. Die Formel 1 steht trotzdem vor einer Sicherheitsdebatte - zwei schwere Unfälle binnen kürzester Zeit werfen zu viele Fragen auf.

Von Frieder Schilling


Totale Sicherheit im Motorsport ist unmöglich. Unfälle sind nicht völlig zu verhindern - dafür ist die Geschwindigkeit zu hoch, die Technik wird zu sehr belastet. Das wird niemand bestreiten, und es wird immer unvorhersehbare, extrem unglückliche Situationen wie jene geben, in die am vergangenen Wochenende in Ungarn Ferrari-Pilot Felipe Massa gestürzt wurde.

Ferrari-Pilot Massa: Hightech-Helm im Schwachpunkt Cockpit
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Ferrari-Pilot Massa: Hightech-Helm im Schwachpunkt Cockpit

Vier Sekunden vor ihm verlor sein Landsmann Rubens Barrichello eine Stahlfeder an seinem Brawn-Boliden. Vier Sekunden - bei einem Tempo von 240 Kilometern pro Stunde bedeutet das einen Abstand von circa 260 Metern.

Dass diese Stahlfeder dann vermutlich mehrfach auf der Strecke aufprallte und Massa direkt am Helm traf, ist eigentlich unfassbar. Wenn es nicht passiert wäre.

Die hohen Sicherheitsstandards in der Formel 1 tragen dazu bei, dass derlei Unfälle oft glimpflicher ausgehen, als es die Fernsehbilder befürchten lassen. Gerade Massas Unglück zeigt dies. Man muss dafür wissen, dass das Cockpit der Schwachpunkt eines Rennwagens ist - denn der Kopf der Piloten ist das einzige Körperteil, das nicht von den enorm widerstandsfähigen Monocoques geschützt wird. Darum spielen die Helme eine wichtige Rolle. Und Massas Helm verrichtete seine Dienste hervorragend.

Der Helm, der den 28-Jährigen schützte, wird von der deutschen Firma Schuberth hergestellt. "Er besteht hauptsächlich aus 18 Lagen Kohlefaser T1000 - der hochwertigsten Faser, die es gibt", sagt der Formel-1-Verantwortliche der Firma, Oliver Schimpf, zu SPIEGEL ONLINE. "Er wird im Autoklaven gebacken, mit derselben Verfahrensweise wie die Monocoques und die Crashnasen. Er entspricht also demselben Sicherheitsniveau."

Seit dem Jahr 2000 gibt es Helme dieser Art in der Formel 1. "Michael Schumacher war der Erste, der an Kohlefaser geglaubt hat", sagt Schimpf. Neun Monate dauerte damals die Entwicklung des ersten Modells. Seitdem ist der Helm nach Angaben der Firma 17 Mal überarbeitet worden. Heute tragen auch Massas Teamkollege Kimi Räikkönen und die beiden Deutschen Nico Rosberg sowie Nick Heidfeld das Schuberth-Produkt.

Im Laufe der Entwicklung werden die Helme massiven Belastungstests unterzogen. "Aus sechs Metern Höhe fällt ein drei Kilo schwerer Stahlkegel darauf, spitz wie eine Nadel", sagt Schimpf. "Das simuliert schon ziemlich nah das aktuelle Unfallszenario." In einem zweiten Test wird der Helm inklusive eines fünf Kilo wiegenden künstlichen Kopfes aus fünf Metern Höhe auf einen Stahlamboss fallen gelassen, der ein Fundament von einer Tonne hat. "Also etwas, was wirklich nicht nachgibt", sagt Schimpf. Nach der Fertigstellung wird der Helm einer Ultraschall- und einer Gewichtsuntersuchung unterzogen. Die kleinste Abweichung von der Norm würde auf einen Produktionsfehler hinweisen.

Den Helm von Felipe Massa bekommt die Firma zwecks möglicher Untersuchung übrigens nicht zurück - das verweigert der Automobilweltverband Fia. Aber immerhin, "unser Mann vor Ort durfte den Helm begutachten", sagt Schimpf.

Helm hin oder her: Die Formel 1 wird sich in den kommenden Wochen einer Sicherheitsdebatte stellen müssen, wie es sie seit 1994 nicht mehr gab. Damals starben Ayrton Senna und Roland Ratzenberger in Imola. Angetrieben von Noch-Fia-Boss Max Mosley, wurden damals massive Anstrengungen unternommen, um die Sicherheit zu verbessern. Auf vielen Strecken wurden weite Auslaufzonen geschaffen, die Monocoques und ein System zur Sicherung des Nackens der Piloten (Hans) eingeführt. Senna und Ratzenberger blieben die bislang letzten Toten der Formel 1.

Und nun das: Felipe Massas Unfall. Fernando Alonsos Reifenverlust in Budapest. Dazu der Tod des 18-jährigen Henry Surtees, der vor einer Woche in der Formel 2 von einem herumfliegenden Reifen am Kopf getroffen wurde. Eine solche Serie Unglücke gab es lange nicht. Und gerade die Formel 1 als Vorbild vieler Serien muss nun handeln.

Schon in Budapest dachte Teamchef Ross Brawn über die "Möglichkeit von Schutzscheiben" nach. 2007 hatte der Schotte David Coulthard eine Haube vorgeschlagen, ähnlich wie bei einem Kampfjet - er war damals beim Saisonauftakt in Melbourne über das Auto von Alexander Wurz gerauscht und hatte nur knapp das Cockpit verfehlt. Die Idee wurde fallengelassen.

Ein Rennwagen mit geschlossenem Cockpit würde nicht mehr den Regularien eines Formel-Autos entsprechen. Außerdem, sagt Nick Heidfeld, könnte "das Cockpit verschmutzen - und dann hast du kein Abreißvisier. Außerdem haben wir ja noch einen Evakuierungstest".

Einerseits.

Andererseits, fügt der BMW-Pilot hinzu: "Wenn alle sich darauf verständigen, dann könnte diese Regelung womöglich geändert werden. In der heutigen Formel 1 ist es schließlich nicht sehr oft erforderlich, dass man in drei Sekunden aus dem Auto gestiegen ist. Seit ich in der Formel 1 bin, habe ich kein Auto gesehen, das lange gebrannt hätte." Was daraus nun genau zu folgern ist, will Heidfeld aber nicht sagen: "Das sind nur spontane Gedanken und noch völlig unausgegoren."

Die Variante, den Pilot selbst noch tiefer ins Cockpit zu versenken, scheidet auch aus. Denn schon jetzt "sitzen wir so tief im Auto, dass teilweise nicht einmal die Mechaniker sehen, ob ich es bin oder Jenson (Button, d. Red.)", sagt Barrichello.

Diskutiert werden muss außerdem über Rennen bei starkem Regen, bei denen die Piloten teilweise nichts sehen - was BMW-Pilot Nick Heidfeld im Interview mit SPIEGEL ONLINE beklagte. Und was ist mit Grand Prixs auf Stadtkursen im extrem engen Monaco? Oder in Valencia (wo es allerdings weitere Auslaufzonen gibt als im Fürstentum)? Natürlich wird versucht, die Zuschauer dort besonders gut zu schützen. Aber herumfliegende Teile eines verunglückten Autos können immer zum tödlichen Geschoss werden. Und je näher die Leitplanke oder die Mauer, desto schneller die Berührung und der Crash.

Wie gesagt - es wird immer wieder unvorhersehbare, extrem unglückliche Situationen geben in der Formel 1.

mit Material von dpa

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Seite 1
sushbone 27.07.2009
1. Nichts neues
Wer behauptet die Formel 1 sei (absolut) sicher?! Verstehe die Diskussion nicht, dass der Rennsport lebensgefährlich sein kann hat sich ja in der Vergangheit oft genug gezeigt, und das sollte auch jeder der Fahrer wohl wissen.
peter hammer 27.07.2009
2. Fünf Zentimeter weiter unten links...
...und die besten Kunststoffe hätten nichts genützt. Dann wäre die Feder nämlich durchs Visier geschlagen, und es gäbe garantiert keine Fotos des verunglückten Massa bei SPON zu sehen.
duffybarracuda, 27.07.2009
3. 11
dachte die bekommen soviel geld, weil es unsicher ist...
Nerix 27.07.2009
4. Gefährlicher Sport
Jeder der sich mit dem Umfeld der Formel 1 ein wenig beschäftigt weiß, dass man sich gerade in dieser Rennserie am technischen Limit bewegt - und damit gehen nun einmal gewisse Gefahren einher, die man nie gänzlich ausschließen kann, wie sie auch ganz richtig schreiben (und die wohlgemerkt auch sämtlichen Fahrern allgegenwärtig sind). Nur aufgrund einiger unglücklicher Ereignisse in zeitlich naher Abfolge halte ich eine aufgebauschte Sicherheitsdebatte für unnötig. Der Sicherheitsstandard ist in der Formel 1 in den vergangenen Jahren/Jahrzehnten extrem verbessert worden, und eine Wiederholung eines Massa ähnlichen Unfalls ist so extrem unwahrscheinlich, dass eine weitere Betrachtung relativ sinnlos ist (zumal ja die Sicherheitsvorkehrungen in Massas Fall ausgereicht haben. Einen Anspruch auf absolute Unversehrtheit eines Piloten nach so einem Unfall kann es wohl kaum geben). Aufgrund solcher extrem unwahscheinlichen Ereignisse halte ich Forderungen nach einem geschlossenen Monocoques für überzogen. Des Weiteren ist der Reifenzwischenfall in der Formel 2, der zu dem tödlichen Unfall führte, und der Formel 1 bei Alonso nicht vergleichbar. In der Formel 1 gibt es im Gegensatz zur Formel 2 Halteseile, welche bei einem Unfall den Reifen mit dem Chassis verbinden (was es in der Formel 2 nicht gibt). Bei Alonso wurden die Radmuttern beim Reifenwechsel nicht richtig befestigt, es handelt sich also um menschliches Versagen eines Mechanikers (welches immer und überall auftreten kann und gegen das man sich schwerlich absichern kann). Ein weiteres Versagen des Teams Renault bestand darin, dass Alonso über Funk nicht sofort mitgeteilt wurde, dass er stehen zu bleiben hat, nachdem die Gefahr eines Reifenverlustes ersichtlich war. Hierfür wurde das Team mit einem Ausschluss für das kommende Rennen bestraft, was in meinen Augen eine harte aber gerechte Strafe ist. Die Sicherheitstechnolgien an Fahrzeug und Strecke müssen stetig angepasst und weiter entwickelt werden, damit es nicht zu einer Stagnation in diesem Bereich kommt und das Risiko für die beteiligten Menschen minimiert wird. Dies wird von der in dieser Hinsicht sehr verantwortungsvoll handelnden FIA auch getan. Eine aufgescheuchte Diskussion wegen einiger unglücklichen Zufälle hilft hier nicht weiter.
Visitor 27.07.2009
5. Wo...
...ist die Sicherheitsdebatte? Die wissen doch um ihr Risiko, Schluß, aus, Amen. Nächstes Thema.
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