US-Verachter Ecclestone Provokation als PR-Instrument

Was haben Robbie Williams und die Formel 1 gemeinsam? Beide boomen in Europa, gehören aber in den USA eher zu den Randerscheinungen. Vor dem Grand Prix von Kanada wagt Bernie Ecclestone eine neue PR-Offensive. Diesmal versucht es der F1-Boss auf die arrogante Tour.

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"Wenn man in Amerika 'Guten Morgen' sagt und es ist 5 nach 12, landet man vor Gericht." Spricht man als Geschäftsmann so über ein Land, dessen Markt man erobern möchte? Ja. Wenn man Bernie Ecclestone heißt. Der Chef der Formel 1 ist bekannt dafür, immer dann emotional zu werden, wenn es ums Geld geht. Der 75-Jährige hätte keinen besseren Zeitpunkt für seine Amerika-Schelte wählen können. Sein PS-Zirkus gastiert an diesem Wochenende im US-Nachbarland Kanada. Am Sonntag (19 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) werden wieder über 100.000 Fans vor allem dem Auftritt ihres Idols und Landsmanns Jacques Villeneuve entgegenfiebern.

F1-Boss Ecclestone: "Auf Veranstaltungen in den USA nicht angewiesen"
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F1-Boss Ecclestone: "Auf Veranstaltungen in den USA nicht angewiesen"

So viel Begeisterung wünscht sich Ecclestone schon lange von den Amerikanern, die lieber in Scharen zur heimischen Nascar-Serie strömen, als dabei zuzusehen, wie sich Ferrari und Renault beim Tanken taktisch übertreffen. Kurz gesagt: Mit der Formel 1 verhält es sich ähnlich wie mit Popstar Robbie Williams. In Europa und einem großen Teil der restlichen Welt begeistern beide die Massen, in Amerika sind sie lediglich geduldet.

Doch während der Sänger sich als guter Verlierer zeigt und kaum USA-Auftritte gibt, setzt Ecclestone auf Provokation: "Die Rennen in den USA haben uns nichts als Ärger gebracht", sagt der F1-Boss zwei Wochen vor dem Großen Preis von Indianapolis in den USA. "Die Einschaltqouten sind düster, selbst auf Malta gucken mehr Menschen Formel 1. Wir hatten nie einen großen Sponsor aus Amerika. Auf eine Veranstaltungen in den USA sind wir nicht angewiesen", so Ecclestone.

Dabei verschweigt der ehemalige Durchschnittsrennfahrer, dass sich gerade die Formel 1 im vergangenen Jahr an eben dieser Stelle bis auf die Felgen blamierte. Der französische Gummi-Lieferant Michelin empfahl seinen Teams damals, nicht am Rennen teilzunehmen. Die Reifen hatten den Belastungen auf dem Hochgeschwindigkeitskurs schon im Training nicht standhalten können. Eine nachträglich eingebaute Schikane zur Verringerung der Geschwindigkeit lehnte der Automobil-Weltverband Fia ab. So starteten lediglich die sechs mit Bridgestone bereiften Teams, was auf den Rängen einen Eklat auslöste. Michael Schumacher siegte, neben ihm auf dem Podest standen noch dessen damaliger Ferrari-Kollege Rubens Barrichello (inzwischen Honda) und der Jordan-Hinterherfahrer Tiago Monteiro (inzwischen Midland).

Sicher wäre auch Robbie Williams ausgebuht und mit Flaschen beworfen worden, wenn er im Staples Center von Los Angeles ohne Gitarristen und Schlagzeuger aufgetreten wäre und dafür 100 Dollar und noch mehr Eintritt verlangt hätte. Doch statt auf Reue setzt Ecclestone auf Arroganz: "Was kümmert uns Amerika. Da ist Motorsport eben nur eine Randerscheinung. Dort schwärmt man von den Nascar-Rennen, doch die locken nicht mehr Zuschauer vor den Fernseher wie wir allein in Italien bei einem mittelmäßigen Rennen haben."

Dabei müsste der mächtige Mann in der Formel 1 eigentlich eigens einen Diplomaten für Amerika abstellen. Schließlich plant Ecclestone schon seit Jahren die Erweiterung des Rennkalenders von derzeit 18 auf 20 und mehr Veranstaltungen, um den Profit weiter zu erhöhen. Gut möglich, dass Fernando Alonso und Co. schon bald ihre Runden in Südafrika oder Mexiko drehen.

Michelin verzichtete ab 2008 auf Formel 1

Probleme mit Michelin-Reifen werden die Piloten definitiv nicht mehr haben, ganz gleich, über welchen Kurs sie ihre Boliden steuern. Das französische Unternehmen erklärte heute knapp ein Jahr nach der Blamage von Indianapolis, dass es für die Saison 2008, in der nur noch ein Pneuhersteller das Formel-1-Feld ausrüsten wird, keine Bewerbung bei der Fia abgeben werde. Es gilt als sicher, dass Bridgestone, das Ferrari und andere Teams bestückt, den Zuschlag erhalten wird.

"Michelin ist überzeugt, dass die Formel 1 als Königsdisziplin im Motorsport eine Plattform sein sollte, in der sich die am weitesten entwickelten Technologien einen Kampf liefern", kritisierte die Firma in einer Pressemitteilung die neue Reifen-Regel aus dem Hause Ecclestone: "Deshalb gehen die Änderungen der Formel-1-Regeln zu nur noch einem Ausrüster völlig gegen diese Grundsätze." Michelin feierte bisher 99 Grand-Prix-Siege und begleitete Fernando Alonso und dessen Renault-Team zuletzt zum Weltmeistertitel.

Michael Schumacher gibt sich optimistisch

Auch in dieser Saison scheint das französisch-französische Duo auf dem Weg zur Titelverteidigung kaum noch aufzuhalten. Aber Verfolger Michael Schumacher hat trotz großen Rückstands (23 Zähler) nach acht von 18 Saisonrennen noch nicht aufgegeben. "Wir haben noch eine zweite Halbzeit und hoffen, dass wir nun genug Punkte holen, damit wir am Ende vorne sind", sagte der Rekordweltmeister (sieben Titel).

Mit aufgerüstetem Motor und neuen Aerodynamik-Teilen am Ferrari will Schumacher das eigentlich Unmögliche doch noch möglich machen. "Es hängt nur von kleinen Entwicklungsschritten ab", glaubt er. Eine weitere Gelegenheit hat Schumacher bereits in zwei Wochen: beim vielleicht letzten Formel-1-Rennen in Indianapolis.



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