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Frauen-Nationalmannschaft Schattenseiten im Sommermärchen

Die deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft hat bei der WM bislang wenig überzeugt - doch ihr größter Gegner steht nicht auf dem Platz. Der Hype entpuppt sich als eigentliches Problem. Gerade jetzt müssten erfahrene Kräfte vorangehen. Die wurden nicht nominiert oder sind außer Form.

Linda Bresonik ist höflich geblieben. Aber die Rechtsverteidigerin ist sichtbar zusammengezuckt, als ein Reporter die Situation der Nationalmannschaft mit dem Begriff "Jammertal" beschrieb. "Sicher gibt es immer irgendetwas Schlechtes zu berichten, sonst wäre es ja langweilig", zischte Bresonik, "aber wir haben nach zwei Spielen sechs Punkte, wir stehen im Viertelfinale, spielen vor geilen Fans und 18 Millionen Zuschauer sitzen vor dem Fernseher, es gibt kein Jammertal!"

Die 27-Jährige ist genervt - und man kann getrost davon ausgehen, dass es vielen in der Mannschaft ähnlich geht. Nachdem die Mehrheit der Nationalspielerinnen ihren vorübergehenden Status als Superstars während der vergangenen Wochen genossen hat, lernt das Team gerade die Schattenseiten eines solchen Lebens kennen.

Die öffentliche Wahrnehmung der designierten Heldinnen ist längst geprägt von Dingen, die nur wenig mit Sport zu tun haben. Die Formkrise von Birgit Prinz wird zum nationalen Anliegen. Es geht um Privates, um Konflikte im Team und um zahllose Nebensächlichkeiten. Célia Okoyiono da Mbabi antwortete am Samstag auf die Frage, was denn hängen bleibe von dieser ersten WM-Woche: "Dass, wenn wir einen Schritt vor die Tür machen, sofort die ganze Welt weiß, was wir geshoppt haben, was wie viel gekostet hat und was wir anhatten."

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Diese Form der medialen Beobachtung ist keine der Spielerinnen gewohnt, so etwas kostet Kraft. Außerdem ist das Interesse immer ungerecht verteilt, daraus entsteht ein fruchtbares Umfeld für Neid und Missgunst. Und nicht zuletzt werden öffentliche Urteile gefällt, zum Beispiel über Kapitänin Prinz, die sich mit dicken Negativschlagzeilen konfrontiert sieht. Dass die Sturmkolleginnen Kerstin Garefrekes und Alexandra Popp gegen Nigeria auch nicht besser waren, ist hingegen kaum mehr als eine Randnotiz. "Man sollte Birgit einfach in Ruhe lassen", sagte Lira Bajramaj, doch dieser Wunsch wird wohl unerfüllt bleiben.

Es kostet eine Gruppe viel Kraft, derart viele neue Einflüsse zu verarbeiten. "Bei uns gibt es kein Platzhirschgehabe", hatte Simone Laudehr noch im Mai in einem Interview verkündet. Nun steht Prinz aus sportlich nachvollziehbaren Gründen kurz vor einer Versetzung auf die Bank. "Alles ist möglich", sagte Assistenz-Trainerin Ulrike Ballweg am Sonntag auf die Frage nach einer möglichen Pause für Prinz: "Wir sind in der Phase der Entscheidungsfindung."

Und die Kapitänin ließ ihrem Unmut über ihre schwindende Bedeutung für die Mannschaft ziemlich freien Lauf, als sie im Spiel gegen Nigeria kurz nach der Halbzeit ausgewechselt wurde. Der Begriff "Platzhirschgehabe" passt vielleicht nicht perfekt, doch die Wochenendausgaben der Zeitungen ziehen Parallelen zum Ende der Nationalmannschaftskarriere von Michael Ballack, dem Prototyp des Platzhirsches.

Zum Großereignis von nationaler Bedeutung aufgeblähte Weltmeisterschaft

Die Konkurrenz aus Frankreich, Brasilien oder Japan spaziert derweil fröhlich durch die Spielorte und genießt das Turnier. Es scheint, als habe der Heimvorteil sich in einen Nachteil verwandelt. Vielleicht hat Bundestrainerin Silvia Neid einen Fehler gemacht, als sie beschloss, diese zum Großereignis von nationaler Bedeutung aufgeblähte Weltmeisterschaft mit der Leichtigkeit der Jugend bewältigen zu wollen.

Dieses Kunststück mag den Französinnen gelingen, die als Außenseiter, ohne große Erwartungen und fern der Heimat befreit aufspielen können. Die Gastgeberinnen, für deren Landsleute der Titelgewinn ungefähr so selbstverständlich ist wie der allmorgendliche Sonnenaufgang, brauchen Qualitäten, die selten gefordert waren im Nationalteam der Frauen: Krisenresistenz und viel Geduld zum Beispiel.

Und das sind ausgerechnet Fähigkeiten, die grundsätzlich eher älteren Sportlerinnen zugeschrieben werden, eigentlich wäre an dieser Stelle Birgit Prinz gefragt. Denn vor allem in der Offensive fehlen Klarheit und Gelassenheit. Dort, wo die deutsche Mannschaft die größten Probleme hat, müssen nun die zwar erfahrene aber sehr introvertierte Garefrekes, da Mbabi (22), Alexandra Popp (20), Lira Bajramaj (23) und Melanie Behringer (25) Struktur ins Spiel bringen. Oder Inka Grings (32), die Prinz ersetzen könnte.

Vielleicht wäre nun doch eine Spielerin wie Conny Pohlers (32) von Nutzen. Die Bundesligatorschützenkönigin wurde ebenso im letzten Moment aussortiert wie die Weltmeisterinnen Anja Mittag (26) und Sonja Fuss (32). Doch Neid hatte sich für die Vorzüge der Jugend entschieden, nun leiden die Jungen unter der Schwere der Aufgabe. Doch Fußballmannschaften können in einem enormen Tempo reifen. Zumindest wenn es sich um wirklich große Mannschaften handelt.

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