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BRASILIEN Fred Astaire mit Zahnlücke

Schon vor dem Eröffnungsspiel wurde der Brasilianer Ronaldo zum Superstar der WM hochgejubelt. In den ersten Tagen wirkt der Torjäger eher wie ein verschüchterter Knabe.
aus DER SPIEGEL 25/1998

So also sieht er aus, »der Außerirdische«, »das Phantom«, »das Phänomen«, »der Beethoven mit Ball": Ein junger Mann mit einem Schädel wie ein gekochtes Ei und Händen, die nicht wissen, wo sie hin sollen.

Ronaldo Luiz Nazário de Lima fühlt sich beobachtet. Er kratzt sich am Ohr, unter den Armen, am Oberschenkel, dann hält er sich die linke Hand am goldenen Ring fest, der an der rechten Hand steckt, und dann, endlich, entdeckt er einen Ball.

Den befördert er mit der Hacke auf den Kopf, läßt ihn in den Nacken rollen, wo er für Sekunden ruht, als sei er angeklebt; sodann durchzuckt eine Bewegung seinen Körper, die man von dressierten Seehunden kennt, der Ball fliegt in die Luft, landet in seinen Händen und knallt von da auf den Kopf des Kollegen Roberto Carlos. Die Vorstellung ist beendet.

Der Ball war seine Rettung, denn ohne Ball ist Ronaldo Luiz Nazário de Lima, den die Welt nur Ronaldo nennt, ein Jüngelchen von 21 Jahren, das kahlrasierte Köpfe cool findet, bis zu seinem 19. Lebensjahr eine Gebißspange trug und trotzdem immer noch aussieht wie der Hase Cesar mit einer Zahnlücke. Mit großem Tschingdarassa hatte der Sportartikelhersteller Nike seinen hauseigenen Fußballpark im Pariser Stadtteil La Défense zur Einweihung gebracht, eine Combo spielte Samba, ein paar Hundertschaften Fotografen waren da; die Fußballspieler aus Brasilien sollten Pate stehen, und Ronaldo ist der King der Brasilianer.

Als er mit seinem Kunststück fertig war, plumpste er auf eine Bank, bis eine Mutter kam, die ihr Kind auf seinen Schoß setzte und seine Knie streichelte. Ronaldo sah dabei aus, als hätte man ihm gerade eine glitschige Kröte überreicht; er stellte das Kind auf den Kunstrasen und ging zum Ausgang. Ronaldo war als erster weg.

Jede Zeit hatte ihr Genie. Auf Pelé folgte Beckenbauer, auf Beckenbauer Cruyff, auf Cruyff Maradona. Und jetzt er? Der letzte Superstar dieses Jahrhunderts?

Schon schraubt ihn die intellektuelle Abteilung mit kühner Metaphorik zur Unvergänglichkeit empor. Ronaldo sei »Ursprung und Vollendung des Tores«, meint die spanische Zeitung »El País«. Er habe »die Figur eines Box-Champions und die Füße von Fred Astaire«, findet der Schriftsteller Manuel Vázquez Montalbán.

Die Wahrheit ist, daß der junge Mann bei dieser Fußball-Weltmeisterschaft zumindest schon so lebt, als würde das alles so stimmen. Wenn ihn der Mannschaftsbus von der Ortschaft Lésigny bei Paris über eine zwei Kilometer lange Straße, die für den gewöhnlichen Verkehr gesperrt ist, zum Übungsplatz nach Ozoir bringt, dann fährt immer eine Gesandtschaft von fünf schwarzen Mercedes-Benz voraus, in denen starke Männer mit schwarzen Anzügen und schwarzen Krawatten und kleinen Knöpfen im Ohr sitzen.

Das »Château de Grande Romaine«, wo Ronaldo ein Doppelzimmer mit dem Kollegen Carlos Alberto bewohnt, ist eine Herberge, die auf einem Grundstück von 30 Hektar ruht und mit Sichtblenden aus Bast eingewickelt ist; und wer durch den Bast guckt, ist verdächtig und muß seinen Paß abgeben, und die Flics schreiben den Vorgang in ein rotes Buch.

Das Leben des Superstars ist in Frankreich also sehr geordnet; es ist nur so, daß es bei der Arbeit seit Wochen klemmt. Er hat schon länger nicht mehr ins Tor getroffen für Brasilien, und das könnte auf Dauer zum richtigen Problem werden.

Als ob der Weltmeister davon nicht schon genug hätte. Vom Trainer Zagallo heißt es, er habe keine Autorität und keine Idee. Von der Mannschaft heißt es, sie sei gar keine. Alles Egoisten, mögen sich nicht, prügeln sich sogar, wie zuletzt die Kameraden Edmundo und Leonardo. »Kein Esprit, keine Einheit«, hat Kapitän Dunga diagnostiziert.

Und mittendrin, sagt das »Jornal do Brasil«, dieses »glatzköpfige Riesenbaby«. Hat erst ein paar zarte Barthärchen am Kinn, aber soll es ganz alleine richten. Beim zähen 2 : 1 im Eröffnungsspiel gegen die schlichten Schotten hat der Emissär von »O Globo« ganz genau hingesehen: Ronaldo war 91mal am Ball, aber getroffen hatte er schon wieder nicht.

400 südamerikanische Journalisten sind in Frankreich dabei, und wenn er Pech hat, sind alle dabei, wenn er abends um sechs mit dem Training fertig ist. Sie warten hinter weißen Gittern, die links und rechts von einem Weg aufgebaut sind, der vom Platz in die Umkleidekabine führt. Sie sehen dahinter aus wie Herdenvieh, das man eingepfercht hat. Wenn Ronaldo vorbeikommt, schreien sie, als würde man ihnen ein Brandzeichen verpassen, und Ronaldo geht zu denen, die am lautesten gebrüllt haben. Dann steht er da, kratzt sich, dreht am Ring, wischt die Schweißtropfen weg und sagt, daß Brasilien Weltmeister wird.

Das Eigentümliche an diesem Superstar dieser Weltmeisterschaft ist, daß er schon Superstar ist, bevor diese Weltmeisterschaft richtig losgegangen ist. Das war noch nie so, weder bei Pelé noch bei Beckenbauer, noch bei Cruyff noch bei Maradona. Die Franzosen haben ihn, bevor das erste Spiel angepfiffen wurde, als triumphierende Wachsfigur ins »Musée Grévin« gestellt. Was, wenn Brasilien aus dem Turnier fliegt? Schmeißen sie ihn dann wieder raus aus ihrer Galerie? Und: Sieht so ein Superstar aus?

Es ist 17.20 Uhr am vergangenen Mittwoch, und Brasiliens Fußballprofis werden aus der Umkleidekabine in den unterirdischen Gang geschickt, der rausführt zu den 80 000 Leuten im Stade de France. Ronaldo kommt als letzter aus der Tür. Er reißt die Augen auf und glotzt eine Wand an, bläst die Backen auf und läßt Luft ab. Dann fährt sein rechter Arm nach vorn, und er umklammert die Hand von César Sampaio, der 30 Jahre alt ist und Erfahrung hat. Es ist, als brauche Ronaldo Beistand.

Im Bauch dieses Prachtbaus erlebt der Supermann seine Metamorphose. Ganz weit weg ist jetzt der Ronaldo, den sein Werbepartner Pirelli aus ihm machte, als er ihn auf einem Plakat anstelle von Jesus Christus als Erlöserstatue über Rio de Janeiro wachen ließ. Ganz nah ist jetzt der Ronaldo, der mit 14 Jahren bei São Cristovão, einem Vorortverein von Rio, zum erstenmal auf Rasen Fußball spielt.

Als sein damaliger Trainer Ari Barroso ihn hier erstmals sieht, fallen ihm »seine großen Ohren, seine großen Zähne und sein großer Kopf« auf. Der Kleine ist ein Schnorrer, nach dem Training geht er zu den Großen und sagt: »Gib mir einen Cruzeiro, ich habe nichts gegessen.«

Er hat Glück, daß an diesem Fußballplatz gelegentlich zwei Männer vorbeischauen, die mit scharfem Auge für den Fußball und das Geschäft damit ausgestattet sind. Alexandre Martins, ein drahtiger Mensch mit sehr vielen Bartstoppeln im Gesicht, und Reinaldo Pitta, ein Dicker mit wenig Haaren auf dem Kopf, haben öfter einen Kicker von hier nach da verscherbelt. Sie erkennen, was Ronaldo wert werden kann, und als der Club klamm ist, geben sie ihm 10 000 Dollar und kaufen sich damit die Rechte an dem Kleinen.

Weil die Dinge im Fußball der neunziger Jahre schneller gehen als im Fußball der achtziger, gerät Ronaldo Luiz Nazário de Lima in eine Spirale, an deren oberem Ende er einen Werbevertrag mit der Firma Nike unterschreibt, der ihm drei Millionen Dollar jährlich garantiert, solange er Fußball spielt. Wenn er nicht mehr Fußball spielt, kriegt er nur noch eine Million im Jahr, aber die, solange er lebt. Kaum ist der Vertrag unterschrieben, steigen die Nike-Aktien an der New Yorker Börse um 15 Prozent.

Alexandre Martins und Reinaldo Pitta haben inzwischen einen Haufen Geld gemacht mit dem Jungen aus São Cristovão. In ihrem Büro im Zentrum von Rio sitzt Martins meistens hinter einem hochmodernen Telefon; von seinem Zimmer aus kann er durch eine Glasscheibe in den Nebenraum gucken, in dem sechs Angestellte mit zwölf Telefonapparaten zu Gange sind.

Martins sagt: »Ronaldo muß das Image des Riesenbabys beibehalten, das sagen wir ihm ständig.« Er und der Kompagnon verdienen zehn Prozent von seinem Gehalt, den Werbeverträgen und den Transfersummen.

Die erste nennenswerte Überweisung kommt, als Ronaldo gut genug ist, um in Europa Fußball zu spielen. Pitta und Martins sind allerdings nur in Südamerika zu Hause, für den Export brauchen sie fremde Hilfe. Der Italiener Giovanni Branchini hat schon ein halbes Dutzend interkontinentaler Transfers mit Brasilianern gewuppt. Bevor es ihn gab, sagt er, hätten die »ihre Ware zu billig verkauft«. Für Ronaldo leiert Branchini dem PSV Eindhoven zwölf Millionen Mark aus der Kasse.

Der ist 17, als er in eine Wohnung mit der Adresse Grand Paradise 1 einzieht. Philips, Eindhovens Sponsor, stattet das Heim mit CD-Spieler, Telefon, Anrufbeantworter, Fax, Fernsehen und Video aus. Damit er nicht einsam ist, wohnt seine Mutter bei ihm und Nadia, seine damalige Freundin. Gelegentlich kommt Koos Boets vorbei, ein Pater, der 23 Jahre in Brasilien wirkte und als Ronaldos Dolmetscher engagiert ist. Einmal gucken die beiden ein Video an, Eindhoven gegen Leverkusen, ein Spiel, in dem Ronaldo drei Tore schoß. Er liegt auf dem Sofa und sagt zu dem Pater: »Beweg dich, du fettes Stück Scheiße.«

Dann hakt er Nadia unter und geht mit ihr ins Schlafzimmer.

Damals, erzählt die Mutter, hat Ronaldo 1500 Gulden im Monat bezahlt, um 2000 Briefe mit unterschriebenen Fotos an die Fangemeinde zu verschicken, 700 davon gingen nach Brasilien. Heute schreibt er nicht mehr, und er liest auch nicht mehr.

Damals, erzählt die Mutter, sei Ronaldo mit dem Fahrrad durch die Wohnung gefahren und habe Lieder gesungen, um sie aufzuheitern, wenn sie traurig war. Heute findet sie Trost auf einer Liege am Pool; das Haus dazu hat ihr Ronaldo gekauft.

Das Heim mit zwei Zimmern, Küche, Bad, in dem Sônia Barata Nazário de Lima früher wohnte, hat sie Ronaldos Cousin Roger geschenkt. Jetzt hat Roger eine Etage draufgebaut, sein Sohn hat eine Zahnlücke und ein Trikot mit dem Namen Ronaldo hinten drauf. »Einmal war er noch hier«, sagt der Cousin, »er kam mitten in der Nacht. Er hat uns eigentlich vergessen.«

Der Vater hat sich wieder erinnert, als der Sohn berühmt war. Nelio Luiz Nazário de Lima war ein Trinker, er ging vor elf Jahren weg von zu Hause und schmiß seinen Job bei der Post. Heute schmiegt er sich an die Kameras, die Ronaldo beim Training filmen, schiebt die Sonnenbrille ins Haar, legt das Goldkettchen am Hals frei und sagt: »Vom Herzen her kann man einen Vater nie von seinem Sohn trennen.«

Er ist inzwischen wieder so weit, daß er Journalisten auch bei sich zu Hause empfangen kann. Ronaldo hat ihm ein schniekes Appartement geschenkt. »Haben Sie die Türsteher gesehen? Wenn ich wollte, könnte ich jetzt den Room-Service bestellen.« Fünfmal klingelt während des Gesprächs das Telefon. »Alles Frauen, die mich verfolgen.« Nelio Luiz Nazário de Lima lebt allein.

Als der Sohn von Eindhoven zum FC Barcelona geht, für 30 Millionen Mark, kommt einmal Cindy Crawford eingeflogen. Sie soll eine Uhr der Marke Omega promoten, und Ronaldo ist eingeladen. Die Show ist im Gange, und man bietet ihm eine Stange Geld, wenn er mit Miss Crawford vor der Kamera flirtet. Ronaldo weigert sich, er sagt: »Sie hätten Cindy Crawford fragen müssen, ob sie mit mir flirtet.«

Nach Cindy Crawford kommt Inter Mailand und zahlt 60 Millionen Mark Ablöse und 6,5 Millionen Mark Gehalt, netto. Ronaldo lebt jetzt mit dem Model Suzana Werner in einer Dachgeschoßwohnung mit eigenem Fitneßraum, Swimmingpool und fünf Schlafzimmern.

Er trägt Schienbeinschützer aus weltraumerprobtem Carbon, damit die Tritte der Verteidiger nicht so schmerzen. Und er hat jemanden, der ihm die Fußballschuhe einläuft, damit die Füße keine Blasen schlagen. Beim Eröffnungsspiel in Paris trägt er erstmals Schuhe in den Farben Silber und Weiß; sie wiegen pro Stück 245 Gramm, und Nike will 25 000 Paar davon verkaufen, für jeweils 200 Dollar.

Nike sagt, Brasiliens Fußballer würden Spaß vermitteln und die pure Lust am Leben. Das stimmt wohl, wenngleich auch nur bedingt.

Als das Spiel gegen die Schotten vorbei ist, kommt Brasiliens Mannschaft im hinteren Teil ihres Omnibusses zusammen und schlägt auf Handtrommeln ein, die mit den brasilianischen Nationalfarben bemalt sind.

Ronaldo sitzt in der mittleren Reihe, Fensterplatz. Er schält ein Baguette aus der Aluminiumfolie, öffnet eine Büchse Cola Light und zieht das Handy aus der Trainingsjacke. Immer, wenn er sich beschissen fühlt, ruft er bei der Mama an.

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