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Weltmeisterschaft »Fremd und bedrohlich«

aus DER SPIEGEL 24/1994

SPIEGEL: Professor Kennedy, wie steht es um Ihre Fußball-Jugendmannschaft aus Hamden?

Kennedy: Ich bin sehr zufrieden. Wir sind zum erstenmal im Endspiel des State Cups von Connecticut. Vor zwei Wochen haben wir allerdings ein Spiel gehabt, das fast wie Krieg war: Die Eltern unserer Gegner haben so lange gegen uns gehetzt und gestichelt, bis der Schiedsrichter die Polizei gerufen hat. Es hat gelbe und rote Karten gehagelt, aber wir haben gewonnen.

SPIEGEL: Sie sind in Ihrer Freizeit Fußballtrainer und von Beruf Professor für Geschichte - das sind in Amerika zwei höchst undankbare Aufgaben.

Kennedy: Den Amerikanern Fußball beizubringen ist die weitaus schwierigere. Die Identifikation dieses Volkes mit Baseball, Football und Basketball ist ungeheuer groß; das Fernsehen und die Werbeindustrie sind so eng an die uramerikanischen Sportarten gebunden, daß wir Fußball wegen der Verwechslungsgefahr nicht mal Football nennen dürfen. Wem aber gefällt das Wort Soccer?

SPIEGEL: Dennoch sollen 39 der 52 Spiele der Weltmeisterschaft ausverkauft sein.

Kennedy: Es wird während der WM drei Gruppen von Amerikanern geben: Jene, denen das Turnier rundweg egal ist, bilden die größte Gruppe; diejenigen, die immerhin durch ihre Kinder neugierig sind, werden freundlich interessiert sein; und die, deren Familien aus traditionellen Fußballnationen stammen, warten gierig auf das Eröffnungsspiel.

SPIEGEL: Fußball als Vergnügungsprogramm für ethnische Minderheiten?

Kennedy: Diese Gruppen werden die Atmosphäre des Turniers prägen, und sie werden viele Amerikaner irritieren. Als im vergangenen Jahr die Brasilianer ein Spiel gegen die USA in Yale austrugen, waren auf den Highways Zehntausende von Latinos unterwegs, alle in Grün und Gelb gekleidet. Für die Amerikaner, die im Stau standen, war es wohl einer der seltsamsten Tage ihres Lebens.

SPIEGEL: Wird diese WM die amerikanische Nation also nicht vereinen, sondern teilen?

Kennedy: Wir werden ganz unterschiedliche Stimmungen erleben. In New York, wo die Italiener und die Iren spielen, wird die Begeisterung so sein wie 1990 in Rom. Orlando und Washington, wo die Mexikaner spielen, werden an das Turnier von 1986 in Mexiko erinnern. Aber ich zweifle, ob diese Atmosphäre sich ausbreiten kann. Wer will schon die Schweiz oder Rumänien sehen?

SPIEGEL: Aber zumindest das US-Team sollte die Leute gemeinschaftlich interessieren.

Kennedy: Sicher wäre es herrlich für den Fußball, wenn das US-Team viele Spiele gewinnen würde. Die Organisatoren träumen von einem All-American boy, der ein wunderbares Turnier spielt und in jedem Spiel, inklusive Finale, drei Tore schießt. Dieser Mann würde über Nacht ein Nationalheld, und die ganze Maschinerie von Werbespots und Medienhysterie würde anspringen.

SPIEGEL: Sehen Sie diesen Michael Jordan des Soccer?

Kennedy: Es gibt ihn nicht. Und das ist das Problem: Amerikas Sport besteht aus Superstars, weil sie das System der Kommerzialisierung füttern. Sie werden verkauft, sie sind Vorbilder für die Jugend.

SPIEGEL: Können die ausländischen Stars nicht aushelfen?

Kennedy: Superstars sind hier zunächst mal Amerikaner. Aus dem Ausland werden bestenfalls Tennisspieler akzeptiert. Ich bezweifle, daß Fußballer wie Lothar Matthäus oder Roberto Baggio in den Vereinigten Staaten besonderen Ruhm erlangen können. Selbst unser Kapitän Tom Dooley, der in der Nähe von Kaiserslautern geboren wurde, kann hier nicht zum Star aufgebaut werden, wenn er nach der WM wieder in die deutsche Bundesliga zurückkehrt.

SPIEGEL: Wenn der Star alles ist und das Team nichts: Haben Nationalmannschaften deshalb in Amerika generell wenig Bedeutung?

Kennedy: Sie verwirren die Amerikaner nur. Die Idee eines internationalen Wettkampfes geht über das Verständnis der Menschen hinaus. Der Sport blickt hier nur nach innen. Es gibt die World Series im Baseball und den World Champion im Basketball - aber es sind alles rein nordamerikanische Klubs.

SPIEGEL: Ist das Arroganz?

Kennedy: Die Menschen denken hier: Sport ist unsere nationale Geschichte. Fußball gilt als kosmopolitisch, ausländisch, fremd und bedrohlich, weil es die Wurzeln angreift.

SPIEGEL: Dennoch scheint der Fußball-Weltverband Fifa mit seiner Einschätzung richtigzuliegen, wenn er die USA als letzte nicht erschlossene Goldmine betrachtet. Finanziell verspricht das Turnier einen Erfolg.

Kennedy: Aber der Plan, nächstes Jahr im Sog der Weltmeisterschaft eine Profiliga zu gründen, birgt viele Probleme. Das Turnier ist genauso ein Fremdkörper wie die Soccer League mit Franz Beckenbauer und Pele, die hier in den siebziger Jahren künstlich eingepflanzt wurde.

SPIEGEL: Warum sind Sie so skeptisch?

Kennedy: Fußball ist kein Sport für das amerikanische Fernsehen. 45 Spielminuten ohne Werbepause überträgt niemand. Um die Commercials einzustreuen, hatte sich der Kabelkanal TNT bei der WM 1990 einfach für einige Minuten von den Spielen ausgeklinkt. In der Zwischenzeit hatte Deutschland ein Tor geschossen - vielleicht sogar das einzige des Spiels. Solche Übertragungen wollte natürlich keiner sehen: Die Quoten sanken, die Sponsoren stiegen aus, und TNT erlebte ein finanzielles Desaster.

SPIEGEL: Ist es nicht ein Unterschied, ob ein Ereignis im fernen Europa oder vor der eigenen Haustür stattfindet?

Kennedy: Ich befürchte, daß die WM eine denkbar ungeeignete Veranstaltung werden könnte, um Fußball populär zu machen: Da wird vorsichtig und konservativ gespielt. Ich hoffe auf Brasilien oder Kolumbien, damit die USA offensiven Fußball erleben.

SPIEGEL: In Amerika hat die richtige Werbekampagne bislang fast jeden Trend durchzusetzen vermocht. Warum soll geschicktes Marketing nicht auch den Fußball verkaufen können?

Kennedy: Ein Baseballfan der New York Yankees wechselt die Sportart nicht. Er ist verliebt in die Mythen und Heldenfiguren dieses Spiels. Und für jemanden, der mit Basketballresultaten aufwuchs, ist ein 0:0 ein absurdes Ergebnis. Zahlen und Statistiken von Wurfversuchen und Rebounds machen hier den Sport aus. Fußball ist schwer meßbar - und deshalb gegen all diese Gewohnheiten.

SPIEGEL: In Japan ist eine Profiliga soeben erfolgreich eingeführt worden.

Kennedy: Es hat über eine Milliarde Mark gekostet, bis zehn Firmen ihre Liga installiert hatten - und Japan ist klein. Auf einem ganzen Kontinent einen neuen Sport zu etablieren ist ungleich schwieriger. Hier unterscheidet sich ja schon die Mentalität der Menschen in Kalifornien und in Utah.

SPIEGEL: Ist der Fußball, der in vielen Ländern als eine Art Religionsersatz dient, als weltumspannender Sport ungeeignet?

Kennedy: Ich glaube nicht, daß es einen Weltsport geben kann, weil sich die Traditionen zu sehr unterscheiden. Auch amerikanische Filme oder Blue jeans haben ja nicht wirklich eine Weltkultur bewirkt; sie sind, etwa in Indien, nie unter die Oberflächen gedrungen.

SPIEGEL: Trotzdem drängen die US-Profisportarten nach Europa. Die stille Übereinkunft, das fremde Territorium zu achten, gilt nicht mehr?

Kennedy: Der Fußball wird bekämpft, weil die amerikanischen Sportarten selbst um jeden Sponsor ringen. Die Baseballfunktionäre nennen ihre Expansion nach Europa programmatisch »Gegenattacke«. Sie sind eifersüchtig und haben das Gefühl, Fußball könne ihnen das Monopol des klassischen Sommersports streitig machen.

SPIEGEL: Ist die Sorge berechtigt?

Kennedy: Beim Nachwuchs schon. Viele der traditionsreichen Little-League-Baseballteams fallen auseinander, weil die Kinder lieber Fußball spielen. Die Footballmacher haben ebenso Angst, weil die Jugendlichen diesen Sport erst in der High-School anfangen dürfen, da er zu gefährlich ist - bis dahin aber sind viele Kinder schon beim Fußball.

SPIEGEL: Den Profisport Fußball wird es also in Zukunft nicht geben, wohl aber Soccer als Freizeitspaß der Massen - wie einst Aerobic?

Kennedy: Es funktioniert bislang nur auf dem Amateurniveau, vor allem unter den Einwanderern.

SPIEGEL: Was unterscheidet den Immigranten vom Bürger der Vereinigten Staaten, dessen Ahnen schon seit drei Generationen auf dem neuen Kontinent gelebt haben?

Kennedy: Der Fußball bindet ihn an seine Heimat. Generell wird der Sport als Mittel der sozialen und nationalen Identifikation immer bedeutender. Meine Jungs in Hamden heißen zum Beispiel DeMico oder Walsh, sie sind italienischer oder irischer Herkunft - da gibt es nur einen Sport.

SPIEGEL: Wird das Turnier in Amerika Einfluß auf den Weltfußball haben?

Kennedy: Ich glaube, ja. Es könnte die Lage des Fußballs in der Gesellschaft verändern. Anders als in Südamerika oder weiten Teilen Europas ist Soccer bei uns kein Sport der Unterschicht. Viele weiße Vorstadtkinder rennen hinter dem Ball her. Fußball ist hier ein Mannschaftssport, bei dem alle in Bewegung sind, wo es auch mal unentschieden enden darf - ein wunderbarer Familiensport der Mittelklasse. Das ist eine andere Welt als etwa die des Arbeiterklubs FC Liverpool, viel weniger rauh.

SPIEGEL: Mit Sanftmut ist allerdings das Weltniveau des Fußballs schwer zu erreichen.

Kennedy: Ich weiß. Die Deutschen, die das defensive Spiel mit Libero und Vorstopper pflegen, haben die erfolgversprechendste Taktik. Ich liebe aber immer noch den alten britischen Fußball, den ich als Kind bei Newcastle United erlebt habe: fünf Stürmer, drei Läufer, zwei Verteidiger.

SPIEGEL: England ist für die WM nicht qualifiziert. Mit welcher Taktik spielt die Schülerelf von Hamden?

Kennedy: Ein Libero, zwei Vorstopper. Keine Elf hat gegen uns mehr als ein Tor geschossen. Y

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