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Olympia FREUDE IM GEFRIERFACH

Die Winterspiele in Lillehammer haben eine ungewöhnliche Atmosphäre geschaffen: Losgelöst vom traditionellen olympischen Geschäftsgang, begreifen die norwegischen Zuschauer den Sport in seinem Urwesen: Sie trennen sauber zwischen Athleten und ihren privilegierten Vermarktern.
aus DER SPIEGEL 8/1994

Jede Bewegung ist riskant. Öffnet sich die Schicht aus Reisig, Matte, Schlafsack, Daunenjacke, Pullover und Hemd an einer Stelle, frißt sich die Kälte in die Haut und breitet sich unaufhaltsam aus.

Dabei wohnen die acht jungen Norweger noch im Luxus: In der Mitte ihrer Jurte glüht ein Ofen; Kjetil hat die Nacht über Holz nachgelegt. Aber die Wärme verschwindet im Nichts. Sie liegen dicht aneinander im Kreis, ihre Pudelmützen stoßen an die Zeltplane. Anfang der Woche waren es morgens 28 Grad minus, am Freitag noch 19. Auf den Zelten klebt Eis, die Bewohner joggen in der Morgensonne, wirbeln mit den Armen und fluchen leise. Leben im Drei-Sterne-Gefrierfach.

Wer bei Olympia für Hotel und Tickets nicht zahlen kann oder will, dem haben die Organisatoren ein paar Toilettenhäuschen in den Schnee gestellt und ein Plateau in bester Lage planiert. Fünf Meter vor der Jurte liegt die Loipe, nur durch Plastikbänder getrennt.

Hier hetzen die olympischen Langläufer, die Helden der Spiele, vorbei. Jeder Norweger außerhalb Oslos weiß um die Plackerei, wenn einer auf den schmalen Latten 25 Kilometer in der Stunde hetzt. Vor zwei Jahren in Albertville gewannen Björn Daehlie und Vegard Ulvang sämtliche Goldmedaillen; alle wollen dabeisein, wenn diese Bilanz in Lillehammers Loipe wiederholt wird.

Stunden vor dem Start dröhnt das Trampeln vom Stadion her. 30 000 Zuschauer stampfen auf den Holztribünen gegen die Kälte. An der Strecke drängen sich 100 000 - drei Prozent aller Norweger treffen sich zu jedem der zwölf Rennen an der Olympia-Spur. Der Rest sitzt vor dem Fernseher.

Im Rausch der globalen Aufmerksamkeit kippt die Begeisterung schon mal in naiv-surrealistische Chauvinismen. Ein Radioreporter brach bei Gold für Norwegen heulend über dem Mikrofon zusammen, Zeitungen verhöhnten die Medaillenbilanz der Nachbarn ("Schweden so gut wie Fidschi«; »Gold nur beim Kloputzen?"), Fernsehsprecher brüllten heraus, was deutsche Kollegen elegant im Nebensatz verstecken: »Wir sind die Größten.«

Der Auftrag von Tourismusindustrie und Regierung, jeder Bürger möge Olympia als Chance zur Reklame für die Heimat begreifen, wäre nicht nötig gewesen. In den zwei Wochen, die ihr Land als Weltbühne dient, wollen die Norweger nicht nur Sport sehen, sondern auch den Yeti-Komplex verscheuchen, den sie am Rande Europas aufgestaut haben. Bei einem Besuch Deutschlands, sagt Zeltbewohnerin Camilla, 20, habe sie versichern müssen, »daß es bei uns Fernsehen und Telefon gibt«.

Glut, Eis und Tränen lassen in Lillehammer, im Gegensatz zu den Techno-Spielen von Albertville, eine Atmosphäre von ehrlichem Sentiment wachsen. »Sie schlachten doch Wale«, klagt ein Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), als sei es nicht zu ertragen, daß diese Provinzler den Spielen jenen Schein von Unschuld geben, den die mit Fernsehen und Fahne und Flamme befeuerte Stimmungsmaschinerie des Olympiakonzerns nie erzeugen kann.

Sollen die Funktionäre doch die Buffets stürmen; sollen die Medien die Spiele auf die Affäre um die amerikanischen Eiskunstläuferinnen Nancy Kerrigan und Tonya Harding reduzieren (siehe Seite 204) - die Norweger haben den Sport in seinem Urwesen begriffen. Sie verstehen sich als wahre olympische Familie, in der Samaranch und sein IOC den Part der bösen Onkels spielen. Den Sarajevo-Trip des IOC-Präsidenten halten viele für eine Inszenierung der olympischen Medienprofis. »Den Friedensnobelpreis wird er nie bekommen«, hofft Camilla.

Beim Frühstück sprechen sie über Johan Olav Koss. Der Olympiasieger im Eisschnellauf hat ohne viel Pathos 55 000 Mark Siegprämie für Sarajevo gespendet. Am Abend zuvor hatten die Zeltbewohner Brotscheiben mit Salami belegt. Die Stullen sind steinhart gefroren, es bleibt die Wahl: Brot lutschen oder auf den Ofen legen, wo es sofort verkohlt.

Die Jugendlichen haben sich nach dem Schulabschluß an der Folkehoegskole eingeschrieben, wo sie ein Jahr lang ohne Noten freie Rede, Zeichnen und Organisieren üben oder in Camps in der Wildnis Tiere beobachten und Erfahrungen mit den Eigenarten des Gruppenlebens machen.

Als Ashild einen Block Milch, den sie aus dem Tetra Pak geschält hat, in einen Topf stellt, erscheint im Eingang der Kopf eines Ordners; er bittet darum, das Feuer zu löschen. Der Qualm, der aus dem Schornstein über die Loipe zieht, strapaziere die empfindsamen Bronchien der Sportler. Die Milch muß Eis bleiben.

Aus dem Wald kommen bald die ersten Läufer gejagt. Der Schweiß ist über den Brauen zu Klumpen gefroren. Am Ende der 30 Kilometer, sagt Johann Mühlegg, »habe ich kaum noch was gesehen«. Mühlegg erfüllt die wichtigste Bedingung, um in Norwegen ein Star zu werden: Der Deutsche paßt zur Clique bizarrer, eigenbrötlerischer Typen.

Von daheim aus Marktoberdorf hat Mühlegg 15 Liter Wasser mitgebracht, von einer Freundin der Familie - »Die hat die Gnade« - für Olympia geweiht. Johann trinkt vor jedem Rennen Wasser und läuft schneller als je zuvor.

»Langläufer müssen ein bißchen ungewöhnlich sein«, sagt Bjarne. Der große Daehlie könne sich derart verausgaben, daß er mit leeren Augen über den Zielstrich taumelt, lang in den Schnee schlägt und Minuten liegenbleibt. Den Kasachen Wladimir Smirnow, der in Schweden lebt, mögen sie, weil er mit dem Kanu durch Sibirien fuhr und in der Mongolei kletterte, zusammen mit seinem Freund Ulvang, Norwegens tragischem Helden.

Der Umgang mit Ulvang, von seinen Landsleuten als Abenteurer wie Nobelpreisträger Fridtjof Nansen verehrt, seitdem er Grönland auf Skiern durchquerte und 1992 dreimal Gold gewann, zeigt die Nähe der Skandinavier zu ihren Sportstars. Im Oktober kam Ulvangs Bruder Kjetil vom Joggen aus den Bergen nicht zurück. 2500 Freiwillige suchten mit Ulvang wochenlang vergebens.

Mit seiner Kritik am IOC als selbsternannter Monarchie und an Samaranchs Karriere als Statthalter Kataloniens im faschistischen Franco-Regime traf Ulvang den Nerv seiner Landsleute, die seit Hitlers Einfall im April 1940 auf alles Bräunliche mit Abscheu reagieren.

Instinktiv trennen die Norweger zwischen Olympia und dem Internationalen Olympischen Komitee, zwischen Athleten, die Sport produzieren, und Vermarktern, die damit Eigenwerbung und Milliarden machen.

Sportfans, die morgens um drei Uhr in den Zug klettern, vom Bahnhof mit Rucksack und Kind im Schlitten vier Kilometer bergan zur Strecke stapfen und dort den Tag über auf einem Rentierfell ausharren, weil es am besten gegen die Kälte isoliert, wollen nicht einsehen, warum Funktionäre in Volvos mit Sitzheizung an die Logen chauffiert werden.

Wer seit zwei Jahren meist erfolglos nach Eintrittskarten fahndet, ist erbost, wenn ganze Reihen der besten Plätze, für Sponsorengäste und Würdenträger reserviert, leer bleiben. Die Organisatoren beschlossen, freie Sitze im »Bonzenblock«, so die Osloer Tageszeitung Verdens Gang, an Fans zu vergeben, die vor den Arenen vergebens um eine Karte anstehen.

Die Zeltbewohner können sich die Tickets gar nicht erst leisten. Sie müssen mit 250 Mark Taschengeld auskommen, tragen Selbstgestricktes und Wollhosen aus Beständen der schwedischen Armee, die es im Secondhandladen gibt.

Gleich zu Beginn der Olympischen Spiele haben Reporter des amerikanischen Fernsehsenders CBS ihre Kameras ins Zelt gehalten und gelacht, wie man so lange nicht duschen kann. Da haben sie geantwortet, daß selbst das Deo, das sie sich morgens unter die Achseln schmieren, am Ofen aufgetaut werden muß.

Zweifelnd, ob ihre TV-Kundschaft schon zum Frühstück die Realität verdaut, bastelten sich die Amerikaner dann lieber doch die eigene Wirklichkeit. Wenige Meter vom Zeltplatz entfernt entstand mit Hilfe eines Folkloristenverbandes eine Kulisse, die Kitsch mit hölzerner Kutsche, dampfenden Pferden und blondbezopften Frauen liefert.

Zorn über die Hollywood-Fernsehmacher empfinden die Camper nicht, eher Amüsement. Das sind die gleichen, hofft Thomas, die seinen Landsleuten in der Fußgängerzone gefrorene und lackierte Elchscheiße als typisch norwegisches Souvenir abkaufen. Y

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