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SPENDEN Früchte bei den Spielen

aus DER SPIEGEL 41/1950

Das schönste Stück unter dem Beweis-Material, das der Würzburger Staatsanwalt Heß zum Fall Himmelseher gesammelt hat, ist Erwin Himmelsehers prachtvolle »Chronik«.

»Wir hoffen, bei den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki die ersten Früchte, die in dieser Sportstätte gesät werden, zu ernten«, hat Erwin Himmelseher den Präsidenten des Deutschen Olympischen Komitees, Herzog Adolf Friedrich von Mecklenburg, vorne in den Prachtband eintragen lassen. Gleich hinter dem Bild von Bundespräsident Theodor Heuss und den Segenswünschen der Oberbürgermeister Kolb/Frankfurt und Reuter/Berlin.

Dieses imponierende Monstre-Buch trug Kaufmannsgehilfe Himmelseher, 31, unter der Achsel, um Westdeutschlands Generaldirektoren das Spenden für sein Projekt »Erholungs-, Lehr- und Trainingsstätte des Deutschen Sports (Schondra-Tal)« leicht zu machen. Unter anderem dadurch, daß er aus eingetragenen 3000 DM der Volkswagen-Werke nachträglich eigenhändig 30000 DM machte. Worauf sich die Ford-Werke nicht lumpen ließen und 25000 DM stifteten.

Nach zwölf Monaten machte Himmelseher Kasse: 260000 DM. »Die Mittel zum Aufbau der Lehr- und Trainingsstätte«, schrieb er in »Vorschlägen für Text« an die Presse, »wurden bisher auf Spenden-Basis aufgebracht.« Die Spendenliste der Chronik verzeichnet mit namhaften Beträgen besonders die Firmen Georg von Opel, Reemtsma, Margarine-Union, Buderus-Eisenwerke, Bayer-Chemie, Tabak-Brinkmann, Kyriazi, Volkswagen-Werk, Conti, Oetker, Persil-Henkel, Ford, Urquell-Steinhäger, Nestle, Sarotti.

Das Bundesfinanzministerium, erzählte Himmelseher überall, habe die Absetzung der Spenden von der Steuer bewilligt. Was nicht etwa stimmte.

7000 DM bis 10000 DM kann der Staatsanwalt heute als traurigen Rest nachweisen. Wie er die Differenzbeträge vor Gericht erläutern will, das überlegt sich Erwin Himmelseher bis zum Strafverfahren im Raume Frankfurt.

Einen Teilbetrag seiner Spendensumme ließ Himmelseher übrigens gleich der Industrie in der Form wieder zugute kommen, daß er einen Opel-Kapitän für sich erwarb. Der Zweieinhalb-Liter-Wagen dokumentierte den Aufschwung, den es damals mit Erwin genommen hatte, sehr viel deutlicher als sein nach wie vor Hanauer Dialekt.

Mit 50 Hanauer Dunlop-Reifen beginnend, erzielte Obergefreiter Himmelseher nach Kriegsende Umsätze, die seine soziale Einstufung als Großschwarzhändler rechtfertigten, bis er Anfang 1947 alles aufgab: »Ich hab den Gemüs'kram über«.

Kein leichter Entschluß, denn ein stattliches Warenlager sah für Himmelseher der Währungsreform entgegen. Außerdem war ein Ruinengrundstück ausgebaut und im idyllischen Schondra-Tal nahe Bad Brückenau ein größeres Grundstück erworben worden. Ursprünglich nur mit dem Hintergedanken eines Ausweichquartiers für den »nächsten Krieg«.

Himmelsehers rege kommerzielle Phantasie verführte ihn aber beim Anblick der Geländeschönheiten zu dem Entschluß, ein Sportsanatorium zu errichten.

Als im März 1949 das Geld ausging, standen erst zwei Häuser im Rohbau. Erwin Himmelseher offerierte sie dem Staate Bayern, ohne indessen auf das erhoffte Interesse zu stoßen.

Ideen haben aber Beine. Himmelsehers Idee: Diesen Sanatoriums-Torso zur großen »Erholungs-, Lehr- und Trainingsstätte des Deutschen Sports« aufzuzäumen.

Juni 1949 kam auch schon Sportpräsident Regierungsrat Dr. Heinz Lindner, Darmstadt, ins Schondra-Tal. Er wurde gewonnen. Nach ihm Vertreter der Landessportverbände, führende Sportler und der Präsident des Olympischen Komitees, Herzog Adolf Friedrich von Mecklenburg.

Im August verdüsterte sich die Situation vorübergehend, als auf der Zusammenkunft der westdeutschen Landessportverbände in Bad Brückenau die Skepsis der Bayern ansteckte. Aber da war Himmelseher schon durch mündliche Vereinbarung ermächtigt, als Treuhänder des Deutschen Sports aufzutreten. Alle Spenden, prospektive Finanzierungsgrundlage des Riesenprojekts, sollte er verwalten.

Dafür bekam er 1000 DM monatliche Aufwandsentschädigung, seine Schwester als Sekretärin (mit 360 DM) und 50 DM Sportlergeld für die Hausangestellte.

Ein Verwalterhäuschen baute sich Himmelseher als erstes. Was weiter erstand, bekam als »Mannschaftsschmiede«, »zweites Reichssportfeld«, »Olympisches Dorf in der Rhön« alle Vorschußlorbeeren mit, die greifbar waren. Erwin Himmelseher plante: Gästehaus mit Kino, Bücherei und allem Komfort und zurück für 120 Sportler; Verwaltungsgebäude; Terrassen; Rollschuhbahn; Sauna; modernes Schwimmbad; Uebungsfelder für Hand- und Fußball; Anlagen für alle leichtathletischen Wettbewerbe; Trainingshalle; Plätze für Hockey und Tennis; Reitbahn; Klubhäuser; Tankstellen; Garagen; Gaststätten; Wirtschaftsgebäude.

Er wollte den deutschen Spitzenkönnern endlich das geben, was die Finnen in Vierumäki besitzen, die Schweizer in ihrer Turn- und Sportschule Magglingen oder die Schweden in Lilsfeld.

Eine Prüfungskommission der Sportverbände hatte auch nach Prüfung seiner Geschäftsmethoden nichts Wesentliches zu beanstanden. Nur daß Himmelsehers Dienstmädchen vom deutschen Sport bezahlt wurde, ging den Prüfern »zu weit«. Dann der »Opel-Kapitän": »Ein Olympia hätte es auch getan«. Und gegen die 80 monatlichen DM für den Bücher-Revisor hatten sie ebenfalls etwas einzuwenden. Sonst stimmte Himmelsehers Laden.

Bis dann am 28. Juli die Polizei mit der Revision begann, angeregt durch eine auswärtige Anfrage, inwieweit Himmelseher zur Sammlung berechtigt sei. Seit dieser Zeit etwa begleiteten zwei Kriminalbeamte den angesehenen Rhönkreis-Bürger auf allen Wegen, wenngleich in üblichem dezenten Abstand.

Am 31. August wurde Himmelsehers deutsches Sportgelände eingeweiht. Ausgerechnet an diesem Tag erschienen auch zum erstenmal Finanzfahnder zur Vernehmung.

In die Kette der Prominenten, die mit Erwin Himmelseher persönlichen Kontakt suchten, reihte sich Staatsanwalt Heß, Würzburg, ein. Himmelseher stellte sich in Positur, wie er es bei prominenten Besuchern aus aller Welt gewohnt war, um seinen großen Plan zu erläutern. Staatsanwalt Heß dankte kühl und schritt zur Verhaftung, weil der Kaufmannsgehilfe Himmelseher 80000 bis 100000 DM als allgemeine Unkosten verbucht, weil er neben Aufwandsentschädigung und beneidenswerten Spesen mehr als 25000 DM in die eigene Tasche gewirtschaftet hatte und weil seine Sekt-, Wein- und Cognac-Rechnungen allzu häufig über 500 DM geklettert waren.

Wirtschaftsministerien und Straßenverkehrsämter von Bremen bis München hatten dem Reisenden des Sports in Begeisterung für die gute Sache monatliche Benzin-Zuteilungen bis zu 3600 Liter bewilligt. So viel, daß Himmelseher einen Teil dieser Marken an seine Freunde umsetzte. Mit 25 Pfennig pro Liter-Marke.

Während für andere Zwecke sechsstellige Beträge eingesetzt wurden, blieben die Bauleistungen des letzten Jahres in bescheidenen Grenzen. So kommt es, daß die deutschen Sportverbände, die auf sein Restvermögen 300000 DM Sicherheitshypotheken eintragen ließen, noch 545000 DM opfern müßten, um die halbfertigen Gebäude einigermaßen verwerten zu können.

Erwin Himmelseher, ohne Kaution in Freiheit, ist zuversichtlich. Er sagt: der Sport fühle sich nicht geschädigt und wolle nicht auf die Fähigkeiten des Erwin Himmelseher als Finanzierungsgenie verzichten. Himmelseher hofft auf Spenden.

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