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»Führenden Teams genähert«

SPIEGEL-Interview mit UdSSR-Eishockeytrainer Wiktor Tichonow *
aus DER SPIEGEL 18/1986

SPIEGEL: Herr Tichonow, ist der Abstand zwischen den Sowjets und ihren Konkurrenten kleiner geworden?

TICHONOW: Ja. Alle Mannschaften sind heutzutage taktisch völlig auf der Höhe. Das zeigt, daß viel geleistet worden ist.

SPIEGEL: Könnten Sie sich vorstellen, daß die Sowjet-Union dem internationalen Eishockey Entwicklungshilfe leistet und ihren Spitzenspielern und Trainern erlaubt, im Ausland zu arbeiten?

TICHONOW: Diese Frage müssen Sie dem sowjetischen Eishockey-Verband stellen. Da bin ich der falsche Adressat.

SPIEGEL: Was denken Sie persönlich darüber?

TICHONOW: Ich bin nicht bevollmächtigt solche Fragen zu beantworten. Da könnten Sie mich auch zu Entscheidungen in der Landwirtschaft befragen.

SPIEGEL: Die Weltmeisterschaft ist in keinem Jahr auf dem Niveau, auf dem sie sein könnte: USA und Kanada entsenden wegen der noch nicht abgeschlossenen nordamerikanischen Profi-Meisterschaft nicht die stärksten Nationalmannschaften. Bedauern Sie das nicht?

TICHONOW: Meinetwegen könnten alle spielen. Das ist deren Problem.

SPIEGEL: Was halten Sie von der bundesdeutschen Mannschaft?

TICHONOW: Sie ist ohne Zweifel besser geworden, früher hat sie nur mit großem Fleiß und großer Selbstverleugnung gespielt. Jetzt ist auch die Taktik in Ordnung. Es gibt eine durchdachte Verteidigung. Die Mannschaft greift gut an. Sie hat die Periode hinter sich, als sie nur Mittelmaß war oder noch schlechter. Jetzt hat sie sich den führenden Teams genähert.

SPIEGEL: Stehen Sie unter ähnlichem Erfolgsdruck wie westliche Trainer? Nach dem Verlust des WM-Titels 1985 an die CSSR sind Sie und Ihre Mannschaft ziemlich hart kritisiert worden.

TICHONOW: Wenn etwas nicht gut läuft, wirst du immer kritisiert, da kannst du nichts machen. Man will, daß wir immer gewinnen. So ist das nun mal bei uns.

SPIEGEL: Erhalten Ihre Spieler einen Anteil an den Deviseneinnahmen dieser Weltmeisterschaft?

TICHONOW: Nein, wozu?

SPIEGEL: Damit sie besser spielen oder zumindest nicht ihre westlichen Profi-Kollegen beneiden.

TICHONOW: Bei uns gibt es ganz andere moralische Prinzipien. Bei uns ist das sportliche Element die Hauptsache. Es bestimmt alles. Wenn man mir fünf Millionen gäbe, ich würde nicht woanders hingehen.

SPIEGEL: Denken alle Ihre Spieler so?

TICHONOW: Ja, sicher.

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