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PELOTA / BASKEN Furcht vor dem Schuß

aus DER SPIEGEL 13/1969

Das Ballspiel ging um Leben oder Tod. Der Kapitän der unterlegenen Mannschaft wurde unverzüglich getötet; der Sieger durfte sich unter den Zuschauern die attraktivste Frau aussuchen.

Dieses lebensgefährliche Spiel lernte der spanische Feldherr Cortes vor mehr als 400 Jahren in Mexiko bei den Azteken kennen. Er brachte es nach Spanien mit, wo es bei den Basken nach abgewandelten und humaneren Regeln unter dem Namen Pelota zum Nationalsport wurde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg schossen Pelotabälle auch in Nord- und Südamerika, auf den Philippinen und in China durch rechteckige Hallen ("Frontons"). Im US-Staat Florida -- vor allem in Miami entstanden Pelota-Paläste in Las-Vegas-Dimensionen. Sogar Castro dämmte das amerika-hausgemachte Spiel auf Kuba nicht ein. (In Hamburg allerdings scheiterte der Versuch eines Amerikaners, den ersten Pelota-Palast in der Bundesrepublik zu bauen. Die Hansestadt vermochte kein geeignetes Baugrundstück anzubieten.)

Vor allem US-Manager verpflichteten sich spielgewandte Basken zu 80 000 Mark als sogenannte Pelotari für eine viermonatige Wintersaison. Die Basken ziehen allein In den sechs Florida-Frontons in einem Winter 1,5 Millionen Zuschauer an. Saisonumsatz: 165 Millionen Mark.

Die Amerikaner gaben dem schnellsten Balispiel der Welt (Geschwindigkeit: bis zu 300 km/h) einen Namen aus dem baskischen Eskuara-Dialekt: »Jai Alai«, was soviel wie »fröhliches Fest« bedeutet. Der Basken-Ball findet in einem 60 mal 16 Meter großen Saal statt, der drei neun Meter hohe Kugelfangwände aus Granit aufweist -- Beton würde unter dem Aufprall des Pelotaballs bersten. An der vierten Wand schützt ein Stahlnetz die Zuschauer vor Querschlägern.

Die Pelota -- der sieben Zentimeter dicke Ball -- besteht aus lederumwickeltem Hartgummi. Er wird mit der »Cesta«, einem auf Holzrippen geflochtenen Korb, den die Spieler am Arm befestigen, gegen die massiven Front-Wände gewuchtet, Spielzweck: So zu schlagen, daß der Gegenspieler den zurückprallenden Ball nicht erreicht und ausscheiden muß. In Florida entwickelten die Berufsspieler vier verschiedene Turnierformen, um die Vorstellungen attraktiver zu machen. Ein Mannschafts-Wettkampf dauert oft mehr als drei Stunden.

»Oft ist es schon ein Sieg«, schrieb das US-Nachrichtenmagazin »Time«, »zwischen den herumsausenden Geschossen unverletzt zu bleiben.« Den Spieler Ramos traf vor Jahren die Pelota an der Stirn. Er starb. Das Gummmigeschoß hatte Splitter des Schädelknochens ins Gehirn getrieben. Dem Spanier Erdoza riß der Ball die Vorderzähne aus.

Eine Pelota-Verletzung verwandelte den früher ernsten und zurückhaltenden Star Carlos de Anda in einen schwatzhaften Kämpfer, der sich plötzlich als »glücklichster Mensch der Welt« pries. Ein Spielkamerad Andas litt unter unerträglichen Kopfschmerzen. Erst ein Psychiater analysierte den wahren Grund: ins Unterbewußtsein verdrängte Furcht vor dem Gummiball.

Dennoch lehnten es die Pelotari bislang ab, Schutzhelme zu tragen.« Ein Stierkämpfer rollt auch nicht Im Tank in die Arena«, sagte der frühere Weltmeister Andres Iraizos aus Uruguay. Die Reaktionen der Spieler interessieren die Gäste in den Pelota-Palästen ohnehin nicht. Sie vermögen nicht einmal die Namen der Stars auszusprechen. »Los Chu Chu«, feuern sie beispielsweise den früheren baskischen Weltmeister Churruca (voller Name: Francisco Maria Churruca Iriondo Azpiazu Alcorta) an. Seinen Landsmann Chimila rufen sie »Schlemil«.

Der eigene Spieltrieb bewegt die Pelota-Fans noch mehr als der Spielbetrieb im Schmettersaal. Sie wetten lieber -- ähnlich wie beim Hunderennen -- auf Sieg und Platz der Einzelspieler und Zweiermannschaften. Allein im größten Fronton (Fassungsvermögen: 6000 Zuschauer) wurden in einer Saison 60 Millionen Mark verwettet. Ausgesucht attraktive Mädchen nehmen auf den Rängen Wettaufträge an und übermitteln sie per Haustelephon an die Zentrale.

Um die Teilnehmerfelder interessanter zu machen, bezeichnen die Hallenbesitzer ihre Berufs-Pelotari, die zu 90 Prozent aus Nordspanien stammen, als Italiener, Israeli oder Franzosen. Manches Turnier in Miami wird ungeniert als Weltmeisterschaft bezeichnet. Oft entzünden die Pelotari vor den Wettkämpfen Feuer wie in Olympia.

Nach der Winterzeit kehren die meisten Baskenspieler in ihre Heimat zurück und lehren dort an den Pelota-Kadettenanstalten, in die schon achtjährige Jungen aufgenommen werden. Wer das Training erst nach dem 12. Lebensjahr aufnimmt, bringt es kaum noch zum Star. Schon mit 16 Jahren erhalten talentierte Spieler Verträge von den US-Frontons. Bis zum 40. Lebensjahr gilt ein Spieler als verwendungsfähig. Die Basken gründeten sogar einen Berufsverband mit Pensionsberechtigung für langjährige Mitglieder.

Im Sommer spielen die Basken-Stars auf heimatlichen Marktplätzen oder schmettern die Kugel wie früher die Azteken einfach gegen steile Felswände. Täglich trainieren sie bis zu acht Stunden. Nach einigen Jahren paßt ihnen kein normales Hemd mehr -- ihr Bizeps hat Gewichtheber-Ausmaße angenommen. Die besten Spieler vermögen mit der Gummikugel Betonblöcke zu zertrümmern. Weltmeister Churruca fing das Geschoß noch in vier Meter Höhe mit dem Korb ein -- indem er die Wände hochtief.

Der Baske Orbea beherrschte einen Billardtrick: Er lenkte den Ball so gegen die Wand, daß er beim Zurückprallen ein auf gespanntes Taschentuch traf. Der Spanier Isidor kreierte den »Manolete«-Schlag; während er den Ball zurückspielte, winkte er, wie der Torero Manolete im Stierkampf, einer hübschen Besucherin zu.

Zu zeitraubenden Flirts haben die Pelotari indes selten Gelegenheit. Stundenlang vor ihrem Auftritt werden die Stars von der Umwelt abgesperrt, um Wettbewerbs-Verabredungen vorzubeugen. Nach dem Spiel bleiben die Pelotari einsam in ihren Umkleidezellen, bis sie die Nervenanspannung abreagiert haben. Der Spieler Guillermo hatte sich über eine Niederlage so erregt, daß er mit der Cesta einen gefüllten Wasserkrug an die Decke schmetterte und die Scherben auf sich niederregnen ließ.

Einer der berühmtesten Pelotari, der Franzose René Lacoste (Beiname: Der fliegende Baske), ertrug die Nervenanspannung nicht. Er wechselte zum Tennis über und führte jahrelang die Weltrangliste an.

Nur am spielfreien Sonnabend haben die Stars Ausgang. Dabei herrscht Rauchverbot; als alkoholische Getränke sind bestenfalls Weine erlaubt. Ansonsten ist den Pelotari keine Zurückhaltung auferlegt. »Du brauchst nur eine Cesta in die Hand zu nehmen«, brüstete sich einer von ihnen, »und schon fliegen die Frauen auf dich.«

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