Nordmazedonien erstmals bei der EM Die Hoffnung eines jungen, gespaltenen Landes

Zum ersten Mal spielt Nordmazedonien bei einer Fußball-EM. Das Turnier soll helfen, die erst 1991 gegründete Nation zu einen. Reportage aus einem kleinen Land, in dem der Fußball eine große Kraft hat.
Aus Skopje berichten Cosimo Bizzarri und Matteo de Mayda, Fotos
Zwei Fans des nordmazedonischen Klubs FK Shkëndija

Zwei Fans des nordmazedonischen Klubs FK Shkëndija

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Matteo de Mayda

An einem Aprilmorgen zieht eine ungewöhnliche Hektik durch die Straßen von Skopje. Ein Mann parkt sein Auto auf dem Bürgersteig, dann eilt er hinaus, er schließt den Wagen nicht ab. Ein Mädchen nimmt eine Abkürzung durch den alten Basar und vergewissert sich aus dem Augenwinkel, dass ihr auch niemand folgt. Teenager eilen die Treppe eines Einkaufszentrums hinunter, gleich drei Stufen auf einmal. Am Ende stehen sie alle gemeinsam vor einem Kiosk; es dauert nur wenige Stunden, bis das Panini-Album zur Europameisterschaft in der ganzen Stadt ausverkauft ist.

Das ist kein Wunder. Die nordmazedonische Mannschaft hat zum ersten Mal in ihrer Geschichte die EM erreicht, und alle sind begeistert. Am Sonntag wartet Österreich als Auftaktgegner (18 Uhr). Die Qualifikation für das Turnier gelang mit einem 1:0-Sieg gegen Georgien, das Tor erzielte Kapitän Goran Pandev, einer der Helden der Triple-Saison 2009/2010 von Inter Mailand, und ein Held des ganzen Landes.

Im Interview nach dem Spiel sagte Pandev: »Wir haben einen großen Sieg für unser Volk errungen.« Das war keine zufällige, so dahin gesagte Bemerkung.

Fußball ist Politik, auf dem Balkan gilt das mehr als anderswo. Während des Königreichs Jugoslawien schlossen sich einst die Mitglieder der Kommunistischen Partei – von Ljubljana bis Split – in den Umkleidekabinen der Arbeiterklubs zusammen. Ein Fußballspiel zwischen Dinamo Zagreb und Roter Stern Belgrad soll 1990 der Funke gewesen sein, der den Krieg auf dem Balkan entfachte. Als die Grenzen neu definiert wurden, waren plötzlich die Erfolge der Nationalmannschaften der ganze Stolz der neugeborenen Republiken, man erinnere sich nur an den großen Jubel der Kroaten bei der WM 1998.

»Von nun an wird die ganze Welt wissen, wo unser Land liegt«, sagt Muamed Sejdini, Präsident des nordmazedonischen Fußballverbands. »Wenn ich mit Leuten aus dem Ausland spreche, muss ich nicht mehr erklären, dass wir an Serbien, Albanien, Bulgarien und Griechenland grenzen.« Letzterer ist ein unbequemer Nachbar: Seit Mazedonien 1991 seine Unabhängigkeit vom ehemaligen Jugoslawien erklärt hat, beanspruchen die Griechen die Verwendung des Namens Mazedonien und anderer Symbole für sich. Symbole, die an die glorreiche Ära Alexanders des Großen erinnern, ein Erbe, das ihrer Meinung nach Teil der hellenischen Kultur ist, nicht der slawischen.

Nach jahrzehntelangem Tauziehen stimmte Mazedonien 2019 zu, seinen Namen in Nordmazedonien zu ändern und konnte damit die Verhandlungen zum Beitritt in die Europäische Union beginnen.

»Die Spieler haben die Messlatte hoch gelegt«, sagt Sase Gjoles, 36, der Leadsänger der nordmazedonischen Band Vis Risovi, und er spricht vom Fußball: »Es gibt kein Zurück mehr. Es ist eine Botschaft für die neuen Generationen.« Um die Nationalmannschaft während des Wettbewerbs zu unterstützen, komponierte Gjoles ein Lied, dessen Refrain lautet: »Lasst uns nach Europa gehen, dorthin, wo wir hingehören.«

Fußballerisch ist Mazedonien seit 1994 Teil Europas, immer wieder mal gab es Zusammenarbeiten mit der Uefa. Im Jahr 2014 wurde das Land zusammen mit Armenien, Weißrussland und Georgien für ein Entwicklungsprogramm für junge Spieler ausgewählt. Seitdem werden jedes Jahr rund 30 Teenager ausgewählt, um eine Elite-Fußballakademie zu besuchen, in der sie abwechselnd zur Schule gehen und fußballerisch ausgebildet werden, unter der Leitung von Uefa-Trainern. Die Hauptaktivitäten finden in einem modernen Trainingscenter in Skopje statt.

»Sie wachsen hier zusammen auf, wie Brüder«, erklärt Predrag Mitkovski, 39, einer der Mentoren in der Akademie. »Sie wissen alles über ihre Mannschaftskameraden: Was ihre Lieblingsmannschaft ist, was ihr bester Fuß ist, ob sie in letzter Zeit familiäre Probleme hatten.« Das System scheint zu funktionieren: 2017 nahm die mazedonische Nationalmannschaft zum ersten Mal an der U21-Europameisterschaft teil, und die Mitglieder dieser Auswahl bilden das Rückgrat des Teams, das in diesem Jahr mit der A-Nationalmannschaft antreten und in der Vorrunde auf die Niederlande, Ukraine und Österreich treffen wird.

»Das erste Ziel meiner Amtszeit war es, sich für einen großen Wettbewerb zu qualifizieren, und das haben wir erreicht«, sagt Verbandspräsident Sejdini: »Das zweite Ziel ist es, die Infrastruktur für den Fußball im Land zu verbessern, auch, damit mehr Menschen die Spiele besuchen können.«

In England, Deutschland oder Italien würden die meisten Stadien der mazedonischen Topligen gerade einmal gehobenem Amateurniveau entsprechen. Oft haben die Arenen nur eine Tribüne und eine Kapazität von kaum 4000 Plätzen. Eine Ausnahme ist die Toše Proeski National Arena in Skopje, die 1947 erbaut und kürzlich renoviert wurde und nun mehr als 35.000 Plätze zählt. Im Jahr 2017 war sie Austragungsort des europäischen Supercup-Endspiels zwischen Manchester United und Real Madrid.

»Die Idee ist, in verschiedenen Städten Stadien mit einer Kapazität von 6000 bis 8000 Plätzen zu haben«, so Sejdini weiter: »So müssen nicht alle Länderspiele in Skopje ausgetragen werden.« Im Moment unterstützt der Verband einige lokale Verwaltungen, Tribünen sollen renoviert, die Rasenflächen verbessert werden.

Andere krempeln sogar selbst die Ärmel hoch, wie Race »Rac« Cvetanovski, der 62 Jahre alte Präsident des Cool Football Club, der sich noch persönlich um die Instandhaltung des Spielfelds kümmert. Das gelingt mit einer Dampfwalze, die der Präsident mit einem alten Zastava 750 zieht, einer serbischen Version des Fiat 600 aus den Achtzigerjahren. Man nimmt, was man hat.

Aber nicht nur. Gleichzeitig investiert Rac in hochmoderne Technologien, welche die Leistung und Gesundheit der Spieler während der Spiele überwacht, und er setzt sich für eine Art von Fußball ein, die in seinem Land noch nicht sehr populär ist: den Fußball der Frauen.

Nachwuchsspielerinnen des FC COOL in Skopje

Nachwuchsspielerinnen des FC COOL in Skopje

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Matteo de Mayda

Seine Verbündete bei dieser Aufgabe ist Tanja Krstovska, eine ehemalige Spielerin, die heute Assistenztrainerin des mazedonischen Frauenteams und Trainerin der jungen Spielerinnen des Cool Football Club ist: »Als ich ein Mädchen war, habe ich mit Jungs auf der Straße gespielt, weil es keine Frauenteams gab«, sagt die 34 Jahre alte Krstovska. »Um den Frauenfußball zu fördern, brauchen wir mehr Vereine und mehr Sichtbarkeit für Spielerinnen im Fernsehen.« Probleme, die man auch aus Deutschland kennt.

Die mazedonische Frauen-Nationalmannschaft liegt derzeit auf Platz 131 von 159 Nationen in der Fifa-Rangliste, vor Gabun und gefolgt von Singapur, sie hat noch einen weiten Weg vor sich. Trotzdem ist das Land auf der Karte des Fußballs der Frauen bereits weit vorn vertreten: Trainer der US-Nationalmannschaft, dem besten Team der Welt, ist der Mazedonier Vlatko Andonovski, der in einigen mazedonischen Vereinen als Innenverteidiger spielte, bevor er nach Kansas wechselte.

Ein Training einer Frauen-Auswahl in Tetovo

Ein Training einer Frauen-Auswahl in Tetovo

Foto: Matteo de Mayda

Junge Spieler, die schon früh ins Ausland gehen, sind ein weiteres Problem, das der Verband zu beseitigen versucht. Er fordert die Klubs auf, Spieler unter 21 Jahren für mindestens 45 Minuten lang einzusetzen, sie sollen auch in der Startelf stehen. Doch es ist fast unmöglich, die besten Talente zu halten. In der Prva Liga, der ersten mazedonischen Liga, liegt das Jahresbudget eines durchschnittlichen Vereins bei 500.000 Euro und das Monatsgehalt eines guten Fußballers bei 3000 Euro. Es überrascht nicht, dass von den 26 für die EM einberufenen Profis nur drei in Mazedonien unter Vertrag stehen.

Wie der Volksheld Pandev seiner Heimat hilft

Diejenigen, die ihr Glück in Italien, Spanien oder England suchen, vergessen jedoch selten ihre Heimat. Eljif Elmas, Mittelfeldspieler bei Napoli, kehrt oft in die Konditorei seiner Familie in Skopje zurück. Boban Nikolov, der für Lecce spielt, half seinem Vater bei der Eröffnung eines Transportunternehmens in der Stadt Stip. Pandev gründete 2010 in Strumica, der Stadt, in der er aufgewachsen ist, eine Fußballakademie, um jungen Menschen aus der Region die Möglichkeit zu geben, in einem professionellen Umfeld zu trainieren.

Heute trainiert die Akademija Pandev rund 300 Jungen im Alter von sieben bis 21 Jahren in Strumica und weitere 1000 im ganzen Land. »Wir haben eine gemischte Methodik. Wir schauen uns Spanien für Ballbesitz und Italien für Taktik an«, erklärt Jugoslav Trenchovski, 44, Mitbegründer und Leiter der Akademie.

Pandevs Gesicht ist überall in Strumica zu sehen: auf den Bannern rund um das Spielfeld, an den Wänden der Umkleidekabinen der Akademie, in den Cafés der Stadt. Er ist ein Aushängeschild für das Land, ein Vorbild für die junge Generation.

Um einen ähnlich ikonischen Fußballer in Mazedonien zu finden, sollte man in die frühen Neunzigerjahre zurückgehen, als Darko Pančev mit der jugoslawischen Nationalmannschaft an der Weltmeisterschaft teilnahm und mit Roter Stern Belgrad den Europapokal und den Goldenen Schuh gewann. Seine glanzvolle Karriere als »Kobra« des Strafraums endete anschließend abrupt: Es folgten der Wechsel zu Inter Mailand, Unstimmigkeiten mit seinem Trainer, Scharmützel mit der Presse, das Exil in einer Schweizer Mannschaft und der Rücktritt. Heute besitzt Pančev eine Bar in Skopje, die er nach seiner Trikotnummer Cafe 9 genannt hat.

Gespielt wird auf Beton: ein Fußballplatz in Kavadarci

Gespielt wird auf Beton: ein Fußballplatz in Kavadarci

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Matteo de Mayda

»Hier ist es üblich, dass ehemalige Fußballer ein Café oder Restaurant eröffnen und den ganzen Tag dort sitzen. Pandev ist anders«, sagt Mario Sotirovski, Fußballredakteur der Zeitung »Večer«. Ihm zufolge könnte Pandev, der angekündigt hat, sich nach der Europameisterschaft vom Fußball zurückzuziehen, der nächste Präsident des mazedonischen Fußballverbands sein. Doch seine Popularität ist so hoch, dass manche meinen, er könnte sogar einmal Premierminister des Landes werden.

Unabhängig davon, was Pandev nach seinem Rücktritt tun wird, ist der derzeitige Chef des Verbands, Sejdini, die erste Person albanischer Abstammung, die jemals in diese Rolle gekommen ist. Albaner, die eine eigene Sprache haben und überwiegend muslimisch sind, machen 25 Prozent der Bevölkerung des Landes aus – und sie fremdeln mit Mazedonien.

»Es ist unser Land und wir respektieren es, aber wir lieben und ehren auch unser nationales Erbe, das albanisch ist«, sagt Arijan Murtezani, 30. Er ist Philologiestudent und Mitglied der Ballistët, der Ultragruppe, die Shkëndija unterstützt, eine der drei Mannschaften in der Stadt Tetovo, in der die Mehrheit der Bevölkerung ethnisch-albanisch ist.

Shkëndija bedeutet auf Albanisch »Funke«, der Verein wurde 1978 mit politischen Absichten gegründet, die Farben des Teams zeigen die der albanischen Flagge: rot und schwarz. Besorgt über die Erfolge, die es auf und neben dem Spielfeld erntete, löste das kommunistische Regime den Verein 1981 auf. Shkëndija musste bis zur Unabhängigkeit Mazedoniens im Jahr 1991 warten, um wieder in den Spielbetrieb einzusteigen.

Heute ist sie eine der stärksten und erfolgreichsten Mannschaften in der ersten Liga, mit über 100.000 Fans auf ihrem Facebook-Profil, von denen viele im Ausland leben. Der Präsident ist ein lokaler Tycoon, der den Verein und das städtische Stadion, ein Betongebäude, das immer noch mit Einschusslöchern übersät ist, gekauft hat.

»Auf dieser Seite des Stadions waren die Regierungstruppen, auf der anderen Seite die albanischen Rebellen«, erinnert sich der bärtige Dejan Saveski an den einjährigen Konflikt in Tetovo im Jahr 2001, die letzte Phase des Kosovokrieges. »Während wir spielten, konnten wir die Schüsse der Kugeln hören.«

Der Verein wird gehasst und geliebt: Hier Fans von Vardar

Der Verein wird gehasst und geliebt: Hier Fans von Vardar

Foto: Matteo de Mayda

Zwanzig Jahre später ist der 39-jährige Saveski, der mazedonischer Abstammung ist, Kapitän von Ljuboten, einem anderen Verein in Tetovo, für den er über sechshundert Spiele bestritten hat. Ljuboten wurde 1919 gegründet und ist der älteste noch existierende mazedonische Verein. Vor Kurzem ist er dem Club of Pioneers beigetreten, einer Organisation, in der die ältesten Fußballvereine der Welt, wie der FC Sheffield und der BFC Germania, zusammengeschlossen sind. Heute spielt Ljuboten in der dritten Liga. »Es sollte ein Gesetz geben, um historische Mannschaften zu unterstützen«, sagt Saveski wehmütig.

Ein weiterer legendärer Verein, der in diesem Jahr allerdings floppte, ist Vardar. Vardar ist normalerweise der Titelträger auf nationaler Ebene – und wie das so ist mit Spitzenvereinen: Vardar ist wahrscheinlich die beliebteste Mannschaft in Nordmazedonien. Und die meistgehasste. Ihre Ultras geraten oft mit denen von Shkëndija und auch mit denen anderer Teams aneinander. Im Juni 2018 wurde ein Vardar-Fan am helllichten Tag an einer Bushaltestelle ermordet, und zwei Fans von Shkupi, einem Team aus einem ethnisch-albanischen Viertel in Skopje, kamen ins Gefängnis.

Fußballplatz in Tetovo, an der kosovarischen Grenze

Fußballplatz in Tetovo, an der kosovarischen Grenze

Foto: Matteo de Mayda

In Fällen wie diesem ist die Grenze zwischen Fußballrivalität, ethnischem Hass und politischem Interesse nur noch schwer zu ziehen.

In der Nationalmannschaft gibt es ethnisch-mazedonische Spieler, wie Pandev und Nikolov, auch ethnisch-albanische, wie Alioski von Leeds United und Bardhi, der in Spanien für Levante spielt. Elmas gehört einer anderen Minderheit an, der türkischen, die seit den Tagen, als Mazedonien eine Provinz des Osmanischen Reiches war, in diesem Land lebt.

Die Nationalmannschaft hat ihren Spielstil in den vergangenen Jahren weiterentwickelt: Sie konzentriert sich nicht mehr ausschließlich auf die Defensive, sondern versucht, den Ball zu halten und das Spiel zu gestalten. Im März verstärkte ein 2:1-Auswärtssieg gegen Deutschland in einem Qualifikationsspiel für die nächste WM in Katar das Gefühl, dass sich die Auswahl auf einem guten Weg befindet. Es war ein Coup.

Nun kommt die EM, und Ultras aller Vereine versuchen, sich zu einer Gruppe zusammenzuschließen – um die Nationalmannschaft bei dem Turnier zu unterstützen. Es besteht die Hoffnung, dass die Teilnahme an der EM dazu beiträgt, das Land unter einer Flagge zu vereinen.