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»Fußball hat mit allem zu tun«

Brian Glanville, 53, ist einer der einflußreichsten Fußball-Journalisten Großbritanniens und Buchautor ("Der Profi"). *
aus DER SPIEGEL 21/1985

Vor zehn Monaten hatte Bradfords Stadtrat seinen Fußballklub gewarnt. Aber auch diesmal änderte sich nichts im verrotteten Stadion. Als während des Punktspiels gegen Lincoln City das Feuer ausbrach, verbreitete sich die Glut, wie befürchtet, rasend schnell. Der Klubdirektor beteuerte, die Warnung sei zwar dem Verein zugegangen, ihm aber nicht vorgelegt worden.

Eine groteske Geschichte voll Selbstzufriedenheit und Leichtsinn gibt den Hintergrund der Katastrophe ab, die den Bradford City Fußball-Klub vorletzten Sonnabend traf. 53 Fans verbrannten, und viele mehr trugen schlimme Verletzungen davon. Die hölzernen Tribünen waren 1908 errichtet worden, als Bradford City noch einen bedeutenden Klub mit ansehnlichen Erfolgen in der ersten Liga und im britischen Pokal stellte.

Der Stadt selber ging es damals als Zentrum des Wollhandels prächtig. Heute ist Bradford eine geteilte Stadt: Pakistanische Einwanderer bevölkern große Teile, in vielen Schulen sind weiße Kinder in der Minderheit - für die Einheimischen dieser Gemeinde im Norden der Grafschaft Yorkshire, wo die Menschen bodenständig und eher altmodisch sind, ein Anlaß zu allgemeiner Mißstimmung.

Daß ihre Kinder in den Schulen die Pakistani-Sprache Urdu lernen, vermag die quälende Situation kaum zu bessern. Unter diesen Umständen überrascht es nicht, daß Bradfords einheimische Bevölkerung aus den Siegen ihres Ortsklubs besondere Genugtuung zieht.

Wie nun das Feuer im Bradford City Ground wirklich entstand, ist umstritten. Ein Journalist behauptet fest, er habe beobachtet, wie Rauchbomben auf die Tribüne geworfen worden seien und kurz danach Flammen aufgelodert hätten. Der Stadtrat hatte ja gewarnt, daß eine brennende Zigarette ausreiche, einen Höllenbrand zu entfachen.

Andere Augenzeugen gaben an, sie hätten zweimal versucht, die hochzüngelnden Flammen zu löschen, aber Polizei habe sie zurückgewiesen - Feuerlösch-Gerät sei bereits unterwegs. Dabei bestand keine Chance, mit was auch immer, ein Feuer wirksam zu bekämpfen, das sich unaufhaltsam in Minuten ausbreitete.

Verzweifelt trachteten die Fans, von der brennenden Tribüne zu entkommen. Von zwei Fluchtwegen blieb einer versperrt: Die Tore auf der Tribünen-Rückseite waren verschlossen, weil der Klub fürchtete, es könnten sich Fans ohne Eintrittskarte einschleichen. Deshalb erlitten viele schwere Verbrennungen; Hunderte entkamen ihrer eigenen Einäscherung, indem sie tribünenabwärts stürzten und sich, teils mit lichterloh brennenden Haaren und Jacken auf das Spielfeld retteten.

Wie eine ironische Pointe mutet es in diesem Zusammenhang an, daß eine Reihe von Klubs wie Chelsea London Sicherheitszäune rund um die Spielzone errichtet hat, damit gewalttätige Fans nicht, wie schon geschehen, eindringen und die Spieler angreifen können. Hätte es in Bradford solch ein Sicherheitsgatter gegeben, wäre die Zahl der Opfer noch höher ausgefallen.

Ausgerechnet morsche Bauten wie in Bradford sind bis jetzt von den strengen Sicherheitsmaßnahmen ausgenommen, die das Parlament 1975 beschlossen hatte, nachdem 1971 im Glasgow Ibrox Park bei Tumulten während des Lokalderbys Rangers gegen Celtic Glasgow 66 Fans umgekommen waren.

Das Gesetz macht den Klubs zahlreiche Auflagen. So müssen etwa Tribünen in höchstens zweieinhalb Minuten zu räumen sein. Aber das Gesetz gilt nur für die 44 Klubs der ersten und zweiten Liga. 48 Klubs der dritten und vierten Liga blieben ausgenommen. Dabei stand fest, daß gerade die Uraltstadien der Klubs in den unteren Ligen eines Höchstmaßes an Sicherheit bedurften. Bradford City ist ein klassisches Beispiel.

Hinter dieser merkwürdigen Ausnahme stand der Gedanke, daß die Klubs der unteren Klassen zuwenig Zuschauer anziehen, und deshalb das Risiko begrenzt bliebe. Kostspielige Stadionrenovierungen könnten sie sich sowieso nicht leisten.

Bradford City, das Jahre der Mißerfolge hinter sich hatte und ständig am Rande der Pleite spielte, führten die Triumphe dieser Saison direkt ins Unglück. Die Mannschaft hatte sich den Aufstieg in die zweite Liga schon erkämpft, das Spiel gegen Lincoln City war deshalb eine Art Gala, ein Festtag. So erschienen statt weniger tausend Zuschauer diesmal 11 000 Fans.

In gewissem Sinn haben der britische Fußball ebenso wie die britische Industrie für die historische Tatsache bezahlt, einst den Anfang gesetzt zu haben: In Großbritannien begann die industrielle Revolution. Fast gleichzeitig mit der Industrialisierung im viktorianischen England entwickelte sich der Profifußball. Doch inzwischen sind die frühen Strukturen der Industrie wie des Fußballs verkrustet.

Überdies ist Fußball in Großbritannien vornehmlich ein Spiel der arbeitenden Klasse gewesen, organisiert jedoch wurde es meist von der aufgestiegenen Bourgoisie. Arnold Bennett schrieb einen Roman über den Emporkömmling Denry Machin. Er wird auch Direktor des lokalen Fußballklubs und klärt seine überraschte Frau auf: »Begreifst du dumme Gans denn nicht, daß Fußball mit allem zu tun hat?«

Bis vor kurzem spiegelte sich in englischen Klubs eine Epoche wieder, in der Fußball Opium für Arbeiter bedeutete -

ein Zuschauersport, der für die Konsumenten billig und unbequem zugleich war. Die Fans ließen sich auf überfüllten Rängen einpferchen, im Regen durchweichen; sie fanden sich mit unzulänglichen Toiletten und minimalen Erfrischungsmöglichkeiten ab. Sogar im renommierten Wembley-Stadion in London, das seit 1923 steht, hat sich seither wenig geändert.

Das Zeitalter der Überflußgesellschaft, des Fernsehens, der Autos, des sozialen Netzes hat alles radikal verändert. Als der kurze Nachkriegs-Boom zu Ende ging, verwandelte sich Fußball aus einem Käufer- in einen Angebotsmarkt. Die Klubs mußten schwer für ihre jahrzehntelange, arrogante Haltung bezahlen.

Bis 1961 blieben alle Klubs bei einer Höchstgage für Spieler; sie betrug zuletzt nur 20 Pfund. Das hielt die Kosten für Spielergehälter unglaublich niedrig; gleichzeitig kletterten die Ausgaben für Ablösesummen sehr hoch.

Nach einem lachhaften Gesetz durften Transfersummen von der Steuer abgesetzt werden, Ausgaben für die Erneuerung von Stadien dagegen nicht. Das hinderte die Vereine, ihre Anlagen zu modernisieren. Außerdem, man mag es billigen oder nicht, ziehen erfolgreiche Mannschaften die Zuschauer an, keineswegs aber moderne Stadien. Folgerichtig investierten Klubs in Spieler und kaum in die Stadion-Einrichtung.

So versäumten sie, in den fetten Jahren Geld in ihre Arenen zu stecken. Als sie sich endlich zu Neuerungen durchgerungen hatten, entdeckten sie, daß ihnen die Preise davongelaufen waren; zugleich hatten sich die Einnahmen beängstigend verringert.

Chelsea ging deshalb nach einem Neubau beinahe pleite. Auf der anderen Seite Londons beschlossen die Tottenham Hotspurs, ihre alte Tribüne abzuwracken und sich eine neue zu leisten. Auch Tottenham versackte in Schulden und geriet an den Rand der Auflösung.

Jetzt hat die Regierung auch allen dritt- und viertklassigen Klubs verordnet, die Schutzmaßnahmen zu übernehmen. Doch das wirft die Frage auf, wie die Mehrheit der Klubs, trotz Hilfe der Fußball-Organisation, die Kosten für Reparaturen und neue Anlagen aufbringen kann. Der Sekretär des Fußball-Verbandes, Edgar A. Croker, forderte zu Recht, die Regierung müsse Geld herausrücken.

Der Pferdesport profitiert beispielsweise von hohen Subventionen aus dem Wettgeschäft. Dagegen geht der proletarische Fußballsport leer aus, obwohl die Regierung erhebliche Summen aus Fußball-Wetten abschöpft.

Weitere Widersprüche drängen sich auf. Das Dauerproblem gewalttätiger Fans erfordert Sicherheitszäune um die Spielfelder. Andererseits erhöhen Drahtsperren, wie Bradford bewiesen hat, das Risiko für die Zuschauer.

Der Direktor des Klubs Luton Town weigerte sich kürzlich, wie vom Verband befohlen, ein Gatter aufzurichten, nachdem die Fans des Londoner Arbeitervereins Millwall während eines Pokalkampfes blutige Krawalle auf dem Rasen angezettelt hatten. Nach dem Bradford-Desaster unterstrich der Klubdirektor seine Weigerung mit der Begründung, ein solcher Zaun beschwöre potentiell tödliche Gefahren herauf.

Welche Vorkehrungen künftig auch getroffen werden mögen, sie werden nicht ausreichen und kommen zu spät. Unzulängliche Gesetze, ein sorgloser Klub und ein Stadtrat, der nicht in der Lage oder willens war, seine Warnungen umzusetzen - das gab die tödliche Mischung ab, die in Bradford in eine Katastrophe geführt hat, die so grauenhaft wie unnötig gewesen ist.

Brian Glanville
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