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FUSSBALL / SV ALSENBORN

aus DER SPIEGEL 14/1968

Gefahr vom Dorf. Vom Enkenbacher Kirchturm dröhnten elf Glockenschläge. Am Kriegerdenkmal trieb der ortsfremde Dr. Leo Dietzel den letzten Nagel in ein blau-weiß lackiertes Brett, das mit der Inschrift »Stadion Alsenborn« weitgereiste Fans und auch die Enkenbacher zum Fußballtag ins Nachbardorf wies.

Abends nach dem Spiel konstatierte der Alsenborner Landarzt und Sportverein-Vorsitzende betrübt den Raub des selbstgebastelten Wegweisers (Laubsägearbeit nach Vorlage des SPIEGEL-Titelblatts 28/1965) im vom Fußballneid geplagten Enkenbach.

Enkenbach hat Grund zum Neid. Als erster Dorfverein zog Alsenborn in die Aufstiegsrunde zur Bundesliga ein: Neun Grollstadtvereine kämpfen vom 18. Mai bis 23. Juni neben der bäuerlichen Alsenborner Equipe um die beiden freiwerdenden Plätze in der höchsten bundesdeutschen Fußballklasse.

Den pfälzischen Landleuten fehlt es nicht an Zuspruch. »Zeigt dem Süden, Norden, Westen und Berlin, wie ein Dorf Fußball spielt«, heizte Franz Kranz aus dem saarländischen Schwalbach per Postkarte die Aufstiegsstimmung in Alsenborn (2354 Einwohner) an.

Der Ruf des aufstrebenden Fußball-Fleckens (14 Kilometer von Kaiserslautern entfernt) verbreitete sich in ganz Europa. Täglich hüftelt der Landbriefträger allein 30 bis 40 Postsendungen für den Sportverein in die Arztpraxis des Dr. Dietzel. Autogrammwünsche aus dem Ausland -- so aus Rumänien, Norwegen, England und der CSSR -- treffen ebenso regelmäßig ein wie Mitgliedschafts-Anträge aus fernen Städten, so aus Hamburg, Bremen oder München. Von den 622 Mitgliedern sind mehr als 150 Auswärtige.

Erst 1961 überschritt der 1919 gegründete SV Alsenborn die dörfliche Bannmeile. Er stieg von der untersten Spielklasse in die nächsthöhere auf. Ein Jahr darauf drangen die Dorfkicker in die A-Klasse ein, weitere zwölf Monate später stürmten sie die 2. Amateurliga. Die gereizten Rasenspieler aus den Nachbardörfern vermochten die Alsenborner Fußballwehr nicht mehr zu bremsen.

Da »siedelte sich Fritz Walter, 47, (Alt-Bundestrainer Herberger: »Der größte Fußballspieler, den Deutschland je hervorgebracht hat") in Alsenborn an. Dorfklub-Mäzen Hans Ruth, Bauunternehmer und früher Mittelstürmer beim 1. FC Kaiserslautern neben Ballkünstler Walter, errichtete dem berühmten Kicker-Pensionär in der Nähe des Fußballangers Kinderlehre einen schneeweißen Bungalow. Dann überredete er Freund Fritz zu Besuchen der Alsenborner Fußballdarbietungen.

Der Ehrenspielführer der deutschen Nationalelf fand Gefallen an den eifrigen Ortskickern und übernahm gratis das Training. In den Spielersitzungen erzählte er von den Ruhmestaten der Bundesequipe, mit der er 1954 durch ein 3:2 über Ungarn die Weltmeisterschaft gewonnen hatte.

Walter wirkte. Der SV Alsenborn besetzte die 1. Amateurklasse und 1965 sogar die Regionalliga, die zweithöchste Spielklasse in der Bundesrepublik. Fortan kassierten die Dörfler Geld für ihre Gelegenheitsarbeit am Ball.

Zwei Jahre lang studierten sie die städtische Konkurrenz zwischen Koblenz und Ludwigshafen, von Trier bis Mainz. Wenn Lehrmeister und Sportartikel-Generalvertreter Walter abwesend war, drillte Otto Render, früher Walters Spielkamerad beim deutschen Fußballmeister 1. FC Kaiserslautern, die junge Mannschaft (Durchschnittsalter 22,3 Jahre). Dann bestand Render die Sportlehrerprüfung und wurde offiziell Trainer. Mittlerweile berät Nachbar Walter die jungen Leute nur noch.

Am vorletzten Sonntag erreichte der Außenseiter vom Lande, bereits fünf Spieltage vor dem Saisonende, endgültig die Aufstiegsrunde zur Bundesliga. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) befaßte sich in zwei Sitzungen mit dem ungewohnten Agrar-Problem. »Flutlicht ist in Alsenborn nur«, so warnte die »Sport-Illustrierte«, »wenn der Mond scheint.«

Tatsächlich erfüllen die Westpfälzer nur sportlich die Bundesligaqualifikation. Statt der erforderlichen Zuschauerkapazität von 35 000 Menschen faßt ihr im Eigenbau angelegter Platz nur 8000. Von den 200 000 Mark Kaution, die der DFB jedem Bundesliga-Anwärter abfordert, bringt der Landverein derzeit aus eigener Kasse nicht einmal fünf Prozent auf. Zudem verfügt er auch nicht über die erforderliche Anzahl unterer Mannschaften und Jugendspiel-Scharen.

Alsenborns Karrieremacher bleiben dennoch zuversichtlich. Die Teilnahme an der Aufstiegsrunde sichert das Angebot der Stadt Ludwigshafen, gegen eine Abgabe von 10 Prozent der Einnahmen ihr Südweststadion (Fassungsvermögen: 60000 Zuschauer) bereitzustellen. »Das wird ein gutes Geschäft«, frohlockte Alsenborns Spielausschußvorsitzender Hans Helmes, »dort sind die Leute nach Spitzenfußball ausgehungert.«

Doch Gönner Fritz Walter hegt Skepsis. »Ich glaube nicht«, so dämpfte er die Bundesligahoffnungen, »daß wir aufsteigen. Die andern trainieren doppelt soviel wie wir.«

Denn die Alsenborner können nur zweimal in der Woche üben, oft erst am Abend. Bei schlechtem Wetter ziehen sie in eine verbaute Tanzdiele mit zersplittertem Fußboden. Vier der zwölf Stammspieler studieren in Heidelberg; bei Glatteis sind ihnen Autofahrten in die Pfalz zum Training untersagt.

Auch die Bezahlung hält keine Vergleiche mit Vertragsspielern in Saarbrücken oder Mainz aus. Alsenborn-Kicker beziehen 180 Mark Monatssalär, dazu Erfolgsprämien. Insgesamt verdienen sie etwas mehr als 500 Mark im Monat.

Dennoch scheiterten bisher alle Abwerbungsversuche der Grollstadtklubs. Mannschaftskapitän Lorenz Horr weist seit drei Jahren lukrative Bundesligaangebote zurück. Dagegen warb der Dorfklub Frankfurts Bundesligaverein Eintracht einen Torwart ab.

Nur in einem Fall planen die erdverwachsenen Alsenborner die Landflucht. Wenn der Aufstieg zur Bundesliga gelingt, zieht die erste Mannschaft nach Ludwigshafen um. Dort will sie mit einem Stadtverein fusionieren und die Bundesliga-Zugehörigkeit in die Vereinsehe einbringen.

»Alle DFB-Bedingungen wären dann erfüllt«, erklärt Geburtshelfer Dr. Dietzel. »In Alsenborn würden wir allerdings mit unserer Reservemannschaft wieder von unten anfangen.«

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