1. FC Chaos-Lautern Retter Jäggi vor dem Rückzug

Nach dem schlechtesten Saisonstart in der Bundesliga-Geschichte des 1. FC Kaiserslautern droht der pfälzische Traditionsclub im hausgemachten Chaos zu versinken. Rene C. Jäggi überlegt öffentlich, das ihm angebotene Amt des Vorstandsvorsitzenden nicht zu übernehmen.


Rene C. Jaeggi weiß nicht, ob er sich den 1. FC Kaiserslautern antun soll
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Rene C. Jaeggi weiß nicht, ob er sich den 1. FC Kaiserslautern antun soll

Mönchengladbach - Die desolate Leistung beim 0:3 (0:2) gegen Borussia Mönchengladbach und das Kompetenzgerangel in der Chefetage haben sogar den stolz präsentierten Vorstandschef-Kandidaten Rene C. Jäggi abgeschreckt. "Wenn ich mir dieses Umfeld anschaue, muss ich mir schon ganz sauber überlegen, ob ich mir das antun will", erklärte Eidgenosse Jäggi, der den Ruf eines knallharten Sanierers hat, im ZDF-Sportstudio. "Da gibt es noch einiges zu klären." In der Schweizer Zeitung "Sonntagsblick" wurde der ehemalige Adidas-Manager Jäggi so zitiert: "Meine Entscheidung, ob ich komme, fällt frühestens in zwei Wochen. Wir haben noch gar nicht verhandelt."

Die sich immer stärker einmischende Opposition "Unser FCK" mit dem Juristen Andreas Kirsch an der Spitze fühlt sich vom Alleingang des FCK in der Personalie Jäggi übergangen und drohte: "Wenn Sie den Vertrag als Nachfolger von Friedrich unterschreiben, Herr Jäggi, werden wir Sie, genau wie alle anderen Aufsichtsräte auch, vom Betzenberg jagen." Als Friedrich davon erfuhr, polterte er: "Das ist ein nicht zu überbietender Eklat." Das sei eine Erpressung und nicht einfach hinzunehmen, sagte er im Interview mit dem Pay-TV-Sender "Premiere".

Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) drückte in der "Bild am Sonntag" seine Sorgen um den Club aus, in dem er Mitglied ist: "Ich mache mir riesige Sorgen, dass der Verein nachhaltig Schaden nimmt. Ich hoffe nur, dass alle Beteiligten Vernunft bewahren." Er wolle sich zwar nicht einmischen. Andererseits seien der FCK und die Stadt als WM-Spielort 2006 für Rheinland-Pfalz viel zu wichtig, als dass man es laufen ließe, wie es nicht laufen sollte. Er habe eine landesväterliche Fürsorgepflicht.

Brehme vor der Entlassung


Derweil wird für Andreas Brehme die Luft auf dem Betzenberg immer dünner. Nach dem Rücktritt von Robert Wieschemann und dem angekündigten Rückzug von Clubchef Jürgen Friedrich steht auch der Teammanager vor der Ablösung. Denn mit der sportlichen Misere wächst auch die Zahl der Brehme-Kritiker im Umfeld. "Im Misserfolg kann es nicht sein, dass der Trainer weiter bleiben kann. Aber das müssen wir gemeinsam entscheiden", sagte Hubert Keßler, der für eine befristete Zeit den Vorsitz des Aufsichtsrats von Wieschemann übernommen hat. Die laut Brehme "grottenschlechte und unwürdige" Leistung des Teams stärkt die Position Brehmes ebenso wenig wie das Theater hinter den Kulissen.

"Der Trainer hat zuletzt viel einstecken müssen. Er hat Familie und wird überlegen, ob er sich das alles antun muss", meinte Heimkehrer Ciriaco Sforza, der in Gladbach kurzfristig und damit als sechster verletzter FCK-Profi ausfiel. "Er muss sich auch fragen, will ich noch Erfolg mit dem FCK haben. Ich weiß nicht, ob er frei im Kopf ist. Die Mannschaft steht jedenfalls hinter dem Trainer", sagte der Schweizer, der sich zudem vehement für ein Engagement Jäggis als Clubchef aussprach. "Für die Mannschaft ist es das Beste, wenn Jäggi so schnell wie möglich kommt. Ich weiß, was er bewegen kann."

Brehme zeigte sich - wie immer in seiner bald zweijährigen Amtszeit - kämpferisch, obwohl es fast so schien, als habe ihn die Mannschaft im Stich gelassen. "Wir hatten heute nur drei bis vier Leute auf dem Platz, da müssen sich schon einige fragen, ob sie alles gegeben haben", sagte der FCK-Coach, der in der Kabine sehr laut geworden ist, das Geschehen auf dem Feld aber eher emotionslos verfolgte. "Natürlich bin ich enttäuscht und es ist mir auch unbegreiflich. Aber wir müssen das jetzt analysieren und vernünftig und deutlich reden", so Brehme.



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