1. FC Kaiserslautern in der Insolvenz Goldener Rettungsring

In der Coronakrise haben DFL und DFB eine Brücke für verschuldete Klubs gebaut. Kaiserslautern hat sie als erster überquert. Der Abstieg wird zwar abgewendet, doch jahrelanges Missmanagement lässt sich nicht ausradieren.
Das leere Fritz-Walter-Stadion in Kaiserslautern

Das leere Fritz-Walter-Stadion in Kaiserslautern

Foto: Jan Huebner/Kleer/ imago images/Jan Huebner

Die beiden Männer auf dem Podium am Betzenberg waren sichtlich bemüht, Optimismus zu verbreiten. Sie sprachen von "neuen Chancen", vom "Neuanfang" und der "Zukunft", in die nun investiert werden könne. Das passte so gar nicht zu den kritischen Fragen, die die Medienvertreter am vergangenen Montag stellten. "Insolvenz" - das klingt nun mal selbst dann nicht nach einer frohen Botschaft, wenn danach "in Eigenverantwortung" folgt. Genau das hatte Drittligist 1. FC Kaiserslautern kurz zuvor beantragt.

Tatsächlich ist der FCK zum Insolvenzrichter gegangen, weil er kurz davor stand, seine Rechnungen nicht mehr bezahlen zu können. Und doch gibt es auch Gründe für die zuversichtliche Rhetorik von Soeren-Oliver Voigt, dem Lauterer Geschäftsführer, und Dirk Eichelbaum, dem Generalbevollmächtigten.

"Eine Insolvenz in Eigenverantwortung hat das Ziel, den Betrieb weiterzuführen, nachdem ein Interessensausgleich mit den Gläubigern gefunden wurde", sagt Eichelbaum dem SPIEGEL. Die seit 2012 in dieser Form existierende Konstruktion beinhaltet die Möglichkeit eines Neuanfangs - spart aber viele Nachteile der regulären Insolvenz aus. So bleibt die Geschäftsführung im Amt und kann innerhalb eines bestimmten Finanzrahmens beispielsweise den Kader für die nächste Saison zusammenstellen. Allerdings gelten für die Spieler Sonderkündigungsrechte, schon vor Wochen hatte ein Experte im SPIEGEL davor gewarnt, die Planinsolvenz als weiche Form der Insolvenz darzustellen.

Und dann sind da noch, auch in Kaiserslautern, die Geschädigten:

  • Die Gläubiger: Sie werden wohl nur einen Bruchteil ihrer Forderungen erfüllt bekommen.

  • Der Fiskus: Im kommenden Vierteljahr zahlt der FCK keine Steuern, die Spielergehälter werden bis zu einer Höhe von 6900 Euro von der Agentur für Arbeit übernommen.

  • Viele Fans, die dem Verein Geld spendeten: So wird eine über die Plattform Kapilendo eingenommene Fan-Anleihe, die drei Millionen Euro einbrachte, in der Insolvenzmasse aufgehen.

Aus Sicht der Geschädigten gleicht der Lauterer Weg einem fiesen Plan, aus Sicht des Verein dagegen einem Rettungsring. Diesen hatte sich der Fußball unlängst selbst vergoldet. Die DFL-Gesellschafter und das DFB-Präsidium beschlossen, dass in dieser Saison aufgrund der Coronakrise nicht wie üblich neun Punkte abgezogen werden, wenn ein Verein Insolvenz anmeldet. Aktuell liegt Lautern sieben Punkte vor der Abstiegszone. Das, heißt es auf dem Betzenberg, sei natürlich eine hochwillkommene Nachricht gewesen. Der FCK hat ein schrottreifes Auto gegen die Wand gefahren und kann nun mit einem Neuwagen ohne größere Dellen weiterfahren.

FCK-Geschäftsführer Soeren Oliver Voigt

FCK-Geschäftsführer Soeren Oliver Voigt

Foto: Oliver Dietze/ dpa

Dass der Fritz-Walter-Klub zum goldenen Rettungsring griff, ist angesichts von über 20 Millionen Euro Verbindlichkeiten und Schulden logisch. Allein, um die kommende Saison zu finanzieren, fehlen 15 Millionen Euro. Die Chancen auf einen Neustart stehen in der Pfalz trotzdem besser als anderswo. Denn während vor Ort das Image des ewigen Bittstellers an der Selbstachtung der Fans zehrte, gilt der Verein überregional immer noch als große Nummer, ein Umstand, den Eichelbaum nutzen will: "Das Interesse am Verein ist riesengroß und als Marke - je weiter man von Kaiserslautern wegkommt – auch weitgehend noch unbeschädigt." Ob das aber reicht, um die wirtschaftlich so komplizierte 3. Liga nach oben zu verlassen, ist zweifelhaft.

Keine Schuldzuweisungen in Kaiserslautern

Beim FCK betonen sie, die Insolvenz nicht leichtfertig beantragt zu haben. "Wir sind in den letzten Monaten zweigleisig gefahren", sagt Voigt dem SPIEGEL. "Wir haben mit interessierten Investoren verhandelt. Der Lockdown hat dann nahezu alles zum Erliegen gebracht. Danach wurden die Gespräche mit den Gläubigern natürlich intensiviert."

Von Schuldzuweisungen hält Voigt, der seit sieben Monaten amtiert und die Schulden unter anderem vom jetzigen U21-Nationaltrainer und dem ehemaligen FCK-Vorsitzenden Stefan Kuntz "erbte", nichts. Öffentliche Auseinandersetzungen hätten den Verein oft genug erschüttert. "Sie können aber davon ausgehen, dass wir hier genau aufarbeiten, was in der Vergangenheit schiefgelaufen ist, und die richtigen Schlüsse daraus ziehen."

Die Gründe sind vielfältig. Das wegen fünf WM-Spielen teuer ausgebaute und überdimensionierte Stadion belastet vor allem die Kommune. Schwerer wiegen die Folgen von Missmanagement und sportlicher Inkompetenz. Teure Fehleinkäufe, ein zu hohes Gehaltsniveau, 25 Trainer, seit Otto Rehhagel den Verein im Jahr 2000 verlassen hat. Und immer wurde dieser Größenwahn mit der angeblich überzogenen Erwartungshaltung von Fans und Mitgliedern begründet. Die, so hieß es stets, akzeptierten eben nur die Bundesliga.

Von übertriebenen Erwartungen keine Spur

Thomas Hilmes, Redaktionsleiter des journalistisch arbeitenden Online-Magazins "Der Betze brennt" , muss lachen, wenn er das hört. "Die meisten Fans hier wären schon froh, wenn sie statt in der 3. Liga gegen Großaspach wieder in der 2. Bundesliga gegen Fürth spielen können. So vermessen finde ich das nicht. Vom Europacup oder ähnlichem redet doch kein Mensch." Hilmes stellt eine andere Diagnose: "2003 hieß es, wir müssen das vereinseigene Stadion verkaufen, um die Insolvenz abzuwenden. 2018 musste die Ausgliederung her, und all die Jahre über mussten die besten Spieler verkauft werden. Die Mitglieder haben sich immer brav gefügt - und jetzt kommt trotzdem die Insolvenz."

Als Hilmes das sagt, sitzt er auf der Pressetribüne des Stadions in Würzburg. 0:2 verliert der FCK gegen die Kickers. "Stets bemüht am Dallenberg", überschreibt Hilmes später seinen Spielbericht.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben die Anzahl der WM-Spiele korrigiert, wegen derer das Stadion in Kaiserslautern ausgebaut worden war.

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