Fotostrecke

Stadionstreit in Köln: Full House - oder nur ein Bluff?

Foto: imago/Nordphoto

Stadionpläne des 1. FC Köln "Erpresserisch und sehr arrogant"

Verlässt der 1. FC Köln die Stadt? Der Klub will eine größere Arena - zur Not außerhalb. Fans und Politiker sind empört.

Der 1. FC Köln gilt als traditionsbewusster Fußballklub. Vor drei Jahren hat die Mitgliederversammlung des Vereins eine FC-Charta verabschiedet. "Der FC gehört zu Köln, wie Dom und Rhein, wie Karneval und Kamelle, wie Veedel und Kölsch. Wir achten und pflegen unsere Tradition", steht unter Punkt vier des Wertekodex. Eigentlich sind das unverfängliche Worte, doch sie könnten schon bald für Diskussionen sorgen.

Denn der 1. FC Köln will ein eigenes, größeres Stadion. Möglicherweise soll es ein Neubau für 75.000 Zuschauer werden. Und dieser könnte außerhalb der Stadt liegen, nicht mehr im prestigeträchtigen Müngersdorf, wo der Verein im städtischen Stadion spielt. Viele in Köln fragen sich: Ist das bloß ein Bluff oder eine ernsthafte Überlegung?

Für ein größeres Stadion gibt es gute Argumente. Bereits seit mehreren Jahren ist die Spielstätte in Müngersdorf mit 50.000 Plätzen ausgelastet. Es gibt Wartelisten für Logen und bei Top-Spielen könnte der Verein 80.000 und noch mehr Tickets verkaufen. Die Geschäftsführung ärgert, dass sie das Einnahmepotenzial nicht nutzen kann. Sie verspricht sich eine Umsatzsteigerung in zweistelliger Millionenhöhe pro Jahr.

Für viele wäre ein Auszug aus der Stadt ein undenkbares Szenario. Die aktuelle Arena inmitten des Sportparks Müngersdorf ist mit Emotionen und Tradition verbunden. "Standort Müngersdorf unverhandelbar", fordert beispielsweise der Verein "Südkurve 1. FC Köln e. V.", in dem sich mehrere Fanklubs zusammengeschlossen haben.

Der Verein gibt sich in dieser Frage nüchterner - und prüft daher die Option, Köln zu verlassen. "Das ist unsere unternehmerische Pflicht", sagt Geschäftsführer Alexander Wehrle. Er weiß auch um die Schwierigkeit in Müngersdorf. Anwohner, Lärm, bereits jetzt lange Staus an Spieltagen - ein Stadionausbau ist schwierig. Welche Szenarien realisierbar sind, wird gerade in einer Machbarkeitsstudie ermittelt.

Was will der FC? Manche sind ratlos

Die Planungen werfen viele Fragen auf: Was will der FC? Würde der Bundesligist Köln für mehr Geld verlassen? Oder geht es darum, die Stadt unter Druck zu setzen, um das alte Stadion günstig kaufen und ausbauen zu können? Oder die Mietzahlungen zu senken? Kirsten Jahn, der Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Stadtrat, sind die Motive nicht klar.

"Das sind sehr gute Pokerspieler", sagt sie dem SPIEGEL. Wenn man Geschäftsführer Wehrle nach seiner Ideallösung fragt, bleibt man ratlos zurück: "Wir gehen ergebnisoffen an die ganze Sache heran." Der nächste Schritt sei die Auswertung der Machbarkeitsstudie.

In einer anderen Studie wurden bereits Alternativstandorte ermittelt. Welche das sind, bleibt geheim. Wie vieles andere in der Stadionfrage auch: Nicht einmal der aktuelle Buchwert ist bekannt. "So könnte keine Privatperson handeln. Die Stadt muss doch wissen, was diese wichtige Großimmobilie wert ist", sagt SPD-Fraktionschef Martin Börschel.

Fotostrecke

Stadionstreit in Köln: Full House - oder nur ein Bluff?

Foto: imago/Nordphoto

Bekannt ist, dass der FC pro Jahr rund zehn Millionen Euro Miete an die Sportstätten GmbH bezahlt. Kaum ein anderer Bundesligist zahlt noch Miete. Als der Klub in der zweiten Liga unter Geldsorgen litt, wurde dieser Deal noch als Wehrles Meisterstück gefeiert. Kritiker warfen der Stadt vor, dem Klub durch versteckte Subventionen einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Sogar die europäische Wettbewerbsbehörde prüfte den Fall. Nun will der FC eine neue Lösung und liebäugelt mit einem eigenen Stadion.

"Wir drohen niemandem", sagt Wehrle. "Als Geschäftsführung gehört es zu unseren Aufgaben, zu prüfen, ob wir mit einem Stadionneubau unseren Umsatz und unsere Gewinne deutlich steigern können." Dass das alte Stadion so zu einem "Millionengrab" werden würde, wie SPD-Mann Börschel sagt, und nach Ablauf des Mietvertrags 2024 noch mit angeblich 50 Millionen Euro in den Büchern steht, ist irrelevant für den Fußballfunktionär.

Für die Stadt wäre eine solche Entwicklung allein aus Kostengründen eine Katastrophe. "Wir werden immer eine Lösung suchen, die für den Klub, die Fans und die Bürger gut ist. Der FC ist Teil der Stadt", sagt Wehrle. Schließlich finanziere der FC durch seine Miete immer noch die WM 2006, diene als Werbe-, Image- und Sympathieträger, zahle Steuern, sei ein Motor des Tourismus und Förderer des Breitensports.

"Erpresserisch und sehr arrogant"

Solche Aussagen ärgern Friedmund Skorzenski. Der Sprecher der Bürgerinitiative "Grüngürtel für Alle", die den Ausbau des Trainingsgeländes am Geißbockheim verhindern will, zählt Subventionen auf: Der städtische Energieversorger RheinEnergie bezahle jedes Jahr Millionenbeträge für die Namensrechte am Stadion und am Trainingsgelände, ein beträchtlicher Teil der teuren Stadionmiete fließe damit zurück, so Skorzenski. Die Miete für die Trainingsplätze am Geißbockheim werde dem FC ganz erlassen (im Gegenzug verzichtet die KGaA auf die allen Kölner Klubs zustehende Beihilfe für ehrenamtliche Jugendarbeit). Und die Pacht für die Grundstücke, auf denen das Geißbockheim steht, betrage laut Skorzenski wie für die Klubheime aus der Kreisliga 13 Cent pro Quadratmeter im Jahr.

Der 1. FC Köln hingegen stellt fest, dass es sich beim Namensrecht um ein reguläres Sponsoring mit entsprechender Gegenleistung handele. Der Verein zahle "dieselbe Miete für Trainingsplätze, wie jeder anderen Verein in Köln auch", so FC-Medienchef Tobias Kaufmann gegenüber dem SPIEGEL. Zudem verzichte nicht die KGaA auf die Jugendbeihilfe. Es handele sich um einen freiwilligen Verzicht des 1. Fußball-Club Köln 01/07 e.V., dem diese Gelder für seine Jugendarbeit zustünden. Stattdessen werde die sechsstellige Summe an alle anderen Kölner Vereine verteilt.

"Der FC ist aber kein Breitensportverein, sondern ein kommerzielles Unternehmen", sagt Skorzenski. Dass Klubpräsident Werner Spinner neulich in einem Interview mit dem "Kölner Stadtanzeiger" sagte, im Fall eines Stadionneubaus würde die Stadt "sicher eine gute Lösung" finden, empfindet Skorzenski "als erpresserisch und sehr arrogant".

Der FC wird im kommenden Jahr erstmals seit 25 Jahren im Europapokal vertreten sein. Die Stimmung um den Klub ist gut. Kaum einer will sich öffentlich mit dem aktuell so populären Verein anlegen, das gilt auch für die großen Parteien. Die Politiker stehen ohnehin wegen einer Opernsanierung in der Kritik. Sie kostet 570 Millionen Euro statt der kalkulierten 250 Millionen. Ein Müngersdorfer Stadion ohne FC kann sich die Stadt da nicht auch noch erlauben. Das spielt dem 1. FC Köln für die kommenden Verhandlungen in die Karten.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.