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24. Oktober 2017, 10:48 Uhr

Schmadtke-Abgang aus Köln

Angst vor alten Zeiten

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Jörg Schmadtke und Peter Stöger hatten es geschafft, aus dem Chaosklub Köln ein Spitzenteam zu formen. Doch die Ruhe am Rhein ist vorbei. Wie verkraftet der Verein den Abgang des Geschäftsführers?

Manche Ausreden werden nie alt. Wenn Schüler zu spät kommen, lag es am Bus. Wenn E-Mails nicht beantwortet wurden, sind sie im Spam-Ordner gelandet. Wenn sich ein Fußballverein von einem wichtigen Mitarbeiter trennt, waren es "unterschiedliche Auffassungen im Hinblick auf die zukünftige sportliche Ausrichtung des Clubs". Auf diese Formulierung griff auch der 1. FC Köln am Montagabend zurück, als er bekanntgab, dass der Vertrag mit Geschäftsführer Jörg Schmadtke "in beiderseitigem Einvernehmen mit sofortiger Wirkung" aufgelöst werde.

Eine Begründung, so vage und nichtssagend, dass sie zugleich alles bedeuten kann. Was genau passierte, darüber rätseln am Tag danach auch noch die in Köln ansässigen und früher immer so gut informierten Medien. In einer Zeit vor Schmadtke waren sie es, die Transfers und Trennungen ankündigten. Dass sich das geändert hat, ist Schmadtkes Verdienst. Er beruhigte den Verein, im Verbund mit Trainer Peter Stöger. Zwei Glücksgriffe.

Was ist passiert, dass der eine jetzt nicht mehr wollte? Oder dass die anderen wollten, dass er nicht mehr darf?

Jörg Schmadtke, 53 Jahre alt, ist ein enormer Sturkopf. Auf seinen vorherigen Stationen als Manager bei Alemannia Aachen und Hannover 96 war er mit dieser Eigenschaft auch weit gekommen. Allerdings endeten die Arbeitsverhältnisse jeweils im Streit: in Aachen lag er mit dem Aufsichtsrat über Kreuz, bei den Niedersachsen, die ihm gar einen unbefristeten Vertrag gegeben hatten, mit dem damaligen Trainer Mirko Slomka.

Auch in Köln unterschrieb Schmadtke im Mai 2017 einen Vertrag, der bis 2023 gültig gewesen wäre und jetzt aufgelöst wurde. Was ist in den vergangenen Monaten zerbrochen?

Der FC steht mit zwei Punkten aus neun Spielen am Tabellenende der Bundesliga, die drei Spiele in der Europa League gingen verloren. Schmadtkes Transfers sollen der Hauptgrund für die Misere sein. Warum, liegt auf der Hand: Von den 30 Millionen Euro, die der FC für Modeste (25 Tore in der vergangenen Saison) aus China bekam, investierte er 17 in Jhon Córdoba - einen Stürmer, der als Profi nie mehr als sechs Tore pro Saison schoss.

Der FC könnte wieder der notorisch chaotische Klub werden

Für Köln traf Cordoba gegen den FC Arsenal in der Europa League und die Leher Turnerschaft aus Bremerhaven im DFB-Pokal, aber nie in der Bundesliga. Derzeit ist er verletzt. Ob der FC vielleicht sogar Modeste zurückholt, war eines der Lieblingsthemen in Köln in den vergangenen Wochen.

Schmadtke werden die vergangenen vier Transferperioden in Sommer wie Winter zum Vorwurf gemacht. Dabei wird gerne vergessen, dass er letztlich einen früheren Abgang von Modeste verhinderte und damit die so sehnsüchtig erwartete Rückkehr in den Europapokal nach 25 Jahren ermöglichte.

Waren es diese Vorwürfe, die ihn zur Aufgabe zwangen, wenn es denn eine war? War es ein abgekühltes Verhältnis zum Trainer, über das seit Wochen gemunkelt wurde? Jörg Schmadtke reagierte bislang auf eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht.

Die Reaktionen von Kölner Fans in den sozialen Medien zeigen, dass die Sorge vor den alten Zeiten wächst. Der FC könnte wieder der notorisch chaotische Klub werden, der er vor Schmadtke und Stöger lange war. Es könnte schon damit anfangen, dass bekannt wird, was genau hinter den "unterschiedlichen Auffassungen" steckt. Dieser Frage dürften die kommenden Tage gewidmet werden.

Sportlich geht es auch weiter. Am Samstag erwartet Bayer Leverkusen den 1. FC Köln zum Derby.

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