SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

19. September 2015, 07:40 Uhr

Fanboykott beim Rhein-Derby

Bündnis der Erzrivalen

Von

Derby ohne Derby-Stimmung? Wegen strenger Sicherheitsauflagen boykottieren viele Gladbach-Fans das Spiel beim 1. FC Köln. Auch dessen Anhänger verzichten auf die gewohnte Unterstützung - zum Unmut des Klubs.

Die Spieler von Borussia Mönchengladbach könnten Unterstützung gut gebrauchen in diesen Tagen. Die Mannschaft ist nach vier Spielen Tabellenletzter der Bundesliga, dazu hat das 0:3 in der Champions League gegen Sevilla die Misere verschärft. Eine Niederlage im Nachbarschaftsduell beim 1. FC Köln am Samstag (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wäre der vorläufige Tiefpunkt und würde belegen, dass die Mönchengladbacher nicht einfach den Saisonstart verschlafen haben, sondern sich in einer ausgewachsenen Krise befinden. In solchen Situationen betonen Vereine gerne, dass sie die Unterstützung der Fans besonders nötig hätten.

Darauf müssen die Mönchengladbacher allerdings beim traditionell mit vielen Emotionen aufgeladenen Derby gegen den rheinischen Rivalen verzichten. Gladbachs Fanszene boykottiert das Spiel. Anstatt nach Köln zu fahren, marschieren viele Fans vom eigenen Stadion in die Mönchengladbacher Altstadt und wollen sich dort in den Kneipen verteilen, in denen das Spiel gezeigt wird. Die Polizei rechnet damit, dass bis zu 2000 Fans an dem Marsch teilnehmen werden. Zum Spiel nach Köln werden nach Schätzungen des Klubs höchstens 1500 Mönchengladbacher reisen, deutlich weniger als sonst. 1800 Gästetickets hat der Verein zurückgeschickt.

Die Borussen-Fans wollen mit ihrem Fernbleiben gegen die verschärften Sicherheitsauflagen protestieren, gegen personalisierte Eintrittskarten und die Begrenzung des Kartenkontingents für Auswärtsfans. Dabei erfahren sie Solidarität von ungewohnter Seite, von der Seite des ärgsten Konkurrenten. Denn auch Kölner Fans haben angekündigt, beim Derby auf die übliche Unterstützung ihrer Mannschaft zu verzichten. Es soll keine organisierten Gesänge geben, keine Fahnen, schon gar keine Choreografie.

Kein Verständnis bei den Verantwortlichen des FC

Während die Verantwortlichen von Borussia Mönchengladbach allerdings durchaus Verständnis haben für den Protest des eigenen Anhangs, zeigt sich der 1. FC Köln empört über den Stimmungsverzicht. Im Rahmen des Derbys wird die Frage verhandelt, was Fußballfans wichtiger sein sollte: die Mannschaft zu unterstützen oder sich für eigene Belange einzusetzen.

Ausgangspunkt für den Protest ist das bisher letzte Duell zwischen Mönchengladbach und Köln, bei dem im Februar Kölner Ultras auf den Platz gelaufenen waren, verpackt in weiße Maleranzüge. Als Folge ordnete der DFB an, dass Auswärtskarten für das Spiel in Köln nur personalisiert verkauft werden dürfen. Außerdem wurden den Mönchengladbachern nur 3500 anstatt der üblichen 5000 Auswärtskarten zur Verfügung gestellt - zum Ärger der Borussen-Fans: "Wir haben uns im letzten Derby nichts zu Schulden kommen lassen und werden bestraft. Das können wir uns nicht gefallen lassen", sagt Sebastian Nellis, einer der Initiatoren des Boykotts. Nellis gehört zu den Ultras, legt aber Wert auf den Hinweis, dass der Protest von allen Fan-Schichten getragen werde. Auch der Dachverband der Mönchengladbacher Fans unterstützt den Boykott.

Mit einem Besuch des letzten öffentlichen Trainings vor dem Spiel haben mehrere hundert Anhänger der Mannschaft zu vermitteln versucht, dass sich der Protest nicht gegen sie richtet, sondern einzig gegen die Sicherheitsmaßnahmen. Auch mit den Mönchengladbacher Verantwortlichen haben sich die Fans ausgetauscht. Der Verein kann die Gründe für den Boykott nachvollziehen, hätte sich aber eine andere Protestform gewünscht. "Wir hätten es lieber gesehen, wenn in Köln ein voller Gästeblock friedlich gegen die Auflagen demonstriert hätte", sagt Klubsprecher Markus Aretz.

Der 1. FC Köln dagegen fühlt sich überrumpelt von der Ankündigung der im Südkurve e.V. zusammengeschlossenen Kölner Fangruppen, im Derby auf die gewohnte Unterstützung zu verzichten. "Sie lassen die Mannschaft im Stich. Damit zeigen sie einmal mehr: Ihre Eigeninteressen stehen weit über denen des Vereins", klagt Sportchef Jörg Schmadtke im "Express" über den geplanten Stimmungsverzicht der Fans.

Ultras aus Köln unterstützen Gladbacher Protest

Wobei unklar ist, wie groß die Basis des Protests ist. Das Kölner Fanprojekt zum Beispiel ruft zur lautstarken Unterstützung der Mannschaft auf. Dem Aufruf haben sich mehr als 50 Fanklubs angeschlossen. Anders als bei den Mönchengladbacher Fans wollen aufseiten der Kölner wohl vor allem die Ultras das Derby zum Widerstand gegen die Sicherheitsauflagen nutzen. Der Südkurve e.V. stand für entsprechende Nachfragen nicht zur Verfügung.

So oder so: "Es ist gut, dass keine Derby-Stimmung aufkommen wird. Das ist das Ziel des Protests", sagt Borussen-Ultra Nellis, der das Spiel seiner Mannschaft gegen den Erzrivalen lieber in einer Kneipe guckt als im Stadion.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung