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1. FC Nürnberg: Unbekümmert, kämpferisch, frech

Foto: Thomas Langer/ Bongarts/Getty Images

1. FC Nürnberg Jung, verspielt, nie langweilig

Der 1. FC Nürnberg ist eine der großen Bundesliga-Überraschungen: Nach dem Auswärtssieg beim VfB Stuttgart hat sich der Verein in der Mitte der Tabelle festgesetzt. Das junge Team funktioniert und könnte eine große Zukunft haben - auch wenn die Club-Fans traditionell skeptisch sind.

An Heimspieltagen, pünktlich um 15.28 Uhr, erinnert der 1. FC Nürnberg an Legenden. Wenn Kameras aus dem Innenraum übertragen, wie die Spieler aufs Feld kommen, schallen Panflötenklänge durchs Stadion. Tausende Schals werden in die Höhe gereckt und das Lied "Die Legende lebt" ertönt. Es ist das immergleiche Ritual.

1. FC Nürnberg

Während auf der Leinwand Heiner Stuhlfauth, legendärer Keeper aus den Zwanzigern, die Bälle fängt, Dieter Eckstein einen Elfer verwandelt und Hans Meyer sich über den DFB-Pokalgewinn 2007 freut, singt eine Stimme von der glorreichen Vergangenheit des . Wie bei allen in die Jahre gekommenen Traditionsvereinen zelebriert man eben auch beim Club gerne vergangene Zeiten.

Dass dieser Verein auch eine Zukunft haben könnte, daran hingegen glaubt im traditionell skeptischen Franken offenbar nicht einmal der Barde. Wo anderorten Ruhm, Ehre und Champions-League-Siege herbeigesungen werden, heißt es beim Club reichlich vage: "Der Weg führt in die Zukunft" und "so vieles wird geschehen." Mehr Optimismus gönnt sich der Franke nicht.

Die Elf auf dem Platz ist eine perfekte Mischung

Langsam, ganz langsam sollten sie sich in Nürnberg daran gewöhnen, dass ihr Club gerade eine Mannschaft beisammen hat, die ein Versprechen auf die Zukunft ist. Und die bereits in der Gegenwart jede Menge Spaß macht. Auch alle außer-fränkischen Fußballfreunde haben guten Grund dazu, sich einmal etwas ausführlicher mit einer Mannschaft zu befassen, die am Samstag mit dem 4:1-Sieg in Stuttgart noch einmal sehr deutlich auf sich aufmerksam gemacht hat.

Es muss dabei niemandem peinlich sein, wenn er aus dem Stegreif nur zwei, drei Spieler aus dem Kader nennen kann. Den 1. FC Nürnberg als Team der Namenlosen zu bezeichnen, ist sicher keine Beleidigung. Doch genau das könnte eines der Erfolgsgeheimnisse sein. Der einzige Star des Teams ist Marek Mintal, der bei den Clubfans höchste Achtung genießt, obwohl er seit geraumer Zeit allenfalls noch zu Fünf-Minuten-Einsätzen kommt.

Die Elf auf dem Platz ist eine perfekte Mischung aus wenigen Routiniers (Raphael Schäfer, Timmy Simons, Andreas Wolf) und ungeheuer vielen ungeheuer jungen Spielern, die so viel Spaß am Fußballspielen haben. Spiele des 1. FC Nürnberg sind deshalb in aller Regel vieles - nur nicht langweilig. Und das liegt daran, dass dort eine Elf beisammen ist, bei der die Lehrlinge Meister sein müssen.

Schieber kommt aus Stuttgart - und zerlegt den VfB

Da wäre der Mittelfeld-Staubsauger Almog Cohen. Er ist für Gegenspieler, was die Wespe für den Pflaumenkuchen ist. Wer es schafft, den Mann auszuspielen, hat ihn fünf Meter später wieder an der Hacke.

Da wäre Stürmer Julian Schieber, dem im 4-5-1-System von Trainer Dieter Hecking eine nicht ganz unwichtige Rolle zukommt. Schieber hat gegen den VfB Stuttgart seinen sechsten Saisontreffer erzielt - und bereits neun Tore vorbereitet.

Beim VfB lieh man ihn vor der Saison zum Underdog nach Nürnberg aus, damit er dort Spielpraxis sammle. Heute wäre man froh, wenn man statt ihm irgendeinen anderen Stürmer zur Nachhilfe weggeschickt hätte. Als FCN-Manager Martin Bader vor dem Spiel sagte, der VfB könne sich "auf einen tollen Spieler freuen - ab kommenden Sommer", wusste er noch nicht, wie höhnisch das nach dieser Niederlage klingen würde, die den VfB wieder ein Stück näher Richtung SC Paderborn gebracht hat.

Da wäre Philipp Wollscheid, den vor der Saison außer seiner Freundin kaum einer kannte und der heute eine Bank als Innenverteidiger ist. Und da wäre das famose Mittelfeld um Jens Hegeler, Mehmet Ekici und den derzeit verletzten Ilkay Gündogan. Drei Spieler, die das spielerische Niveau des 1. FCN in bislang ungeahnte Höhen katapultiert haben. Ihnen zuzuschauen ist derzeit allein schon das Eintrittsgeld wert.

Hecking führt Oennings Arbeit fort

Es gibt derzeit ohnehin nicht allzu viele Zuschauer, die nach Club-Spielen den Nachmittag lieber irgendwo anders verbracht hätten. Wollscheid ist 21 Jahre alt, Schieber 22, Gündogan 22, Cohen 20, Hegeler 21 und Ekici 20. Ekici hat nach dem souveränen Sieg in Stuttgart Bemerkenswertes zu Protokoll gegeben: "Wir haben unsere individuelle Klasse gezeigt und den Ball laufen lassen. Der VfB ist so kaum ins Spiel gekommen." Dass das den Tatsachen entsprach, dürfte wohl keiner der 38.000 Augenzeugen bestreiten.

Nürnbergs Trainer Dieter Hecking ist 46 Jahre alt. Er hat eine Mannschaft, in der die meisten Spieler erst seit kurzer Zeit das Wahlrecht besitzen und setzt damit eine Arbeit fort, die sein Vorgänger, der derzeitige HSV-Co-Trainer Michael Oenning, begonnen hat. Es gibt einige Bundesliga-Manager, denen man einmal Heckings Handynummer zustecken sollte. Sie müssen ihn ja nicht gleich abwerben. Aber sie können sich bei ihm erkundigen, wie man ohne viel Geld eine Mannschaft entwickeln kann. Funktionäre, die wissen, wie man mit viel Geld viel Mist macht, kennt die Branche bekanntlich zur Genüge.

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