Entlassener FCN-Coach Verbeek Sturkopf mit Charakter

Mal wieder trennt sich der 1. FC Nürnberg von einem Trainer. Gertjan Verbeek hat Fehler gemacht, er hat sich stur gezeigt, als er flexibel hätte reagieren müssen. Doch zum Verhängnis wurden dem Coach vor allem Faktoren, die nicht er verantwortet.

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Am Sonntag vergab Gertjan Verbeek die vielleicht letzte Chance, seinen Job zu retten. Er vergab sie mit der niederschmetternden Leistung, die seine Nürnberger beim 1:4 gegen Leverkusen abgeliefert hatten. Und er vergab sie mit der strikten Weigerung, nach der Partie irgendetwas zu sagen, das nicht nach "weiter so" klingen würde.

Verbeek hält Kurztrainingslager für aktionistische Nebelbomben. Doch genau so etwas hatte Manager Martin Bader von ihm erwartet: Irgendein Signal, das vor dem schweren Spiel gegen Mainz nach Aufbruch klingen würde und den Club-Verantwortlichen die Möglichkeit gegeben hätte, nach dem 34. Spieltag noch mal zu betonen, man habe "alles versucht".

Um noch einmal alles versucht zu haben, ist Verbeek nun gefeuert worden. Bader selbst saß angemessen zerknirscht auf dem Podium der Pressekonferenz und erklärte, wie schwer ihm diese Trennung doch gefallen sei. Zumal der Mann doch "stets akribisch" gearbeitet habe. Wer seine Notizen mit denen von Anfang Oktober verglich - damals war Michael Wiesinger entlassen worden - wunderte sich kurz, ob er sich im Datum geirrt habe. Genau das hatte Bader schließlich auch damals schon behauptet.

Natürlich ist das Attribut "akribisch" in der Branche längst zum Füllwort geworden. Zum "Trainer" gehört das "akribisch" wie die "Bundeskanzlerin" zu Angela Merkel. Würde man Baders Aussage allerdings wörtlich nehmen, wäre sie absurd. Denn in Nürnberg haben zuletzt immer mehr Menschen, darunter offenbar nach einigen Gesprächen auch Bader, den Eindruck gehabt, dass der sture Niederländer Verbeek eben nicht akribisch arbeitet. Dass er stattdessen störrisch an seiner Philosophie vom offensiven Fußball festhält, die in Bestbesetzung klappt, aber zum Hemmschuh wird, wenn jeder zweite Stammspieler ausfällt.

Defensive wurde sträflich vernachlässigt

Die Mannschaft selbst hätte in den vergangenen Wochen offenbar gerne kompakter gestanden, um nach Ballverlust gesicherter zu sein. Dass zuletzt das Gegenteil der Fall war und Mannschaften wie Wolfsburg (1:4), Frankfurt (2:5) und Leverkusen (1:4) klaffende Löcher statt kompakte Ketten vorfanden, ist Verbeek zum Verhängnis geworden. Und wer sah, wie locker, lässig und leicht Heung Min Son am vergangenen Sonntag einen 76-Meter-Sprint durchzog und wie stümperhaft sich dabei die Defensive anstellte, verstand, was mancher Trainerkollege meint, der von der Defensive als Basis im Abstiegskampf spricht.

Lange schien es tatsächlich so, als könne Verbeek einer arg defensiv denkenden Mannschaft Schwung und Leben einhauchen. Man kann ihm nur wünschen, dass er bei seiner nächsten Stelle früher umschaltet, wenn seine Fußballphilosophie sich nicht mehr umsetzen lässt, weil gehemmte 18-Jährige statt ballsicherer Profis eingesetzt werden müssen.

Wenn Verbeek nun gehen muss, liegt das allerdings vor allem an Faktoren, die er nicht beeinflussen konnte. Verbeek hat weder den Kader zusammengestellt, den er - der Mann hat eben Charakter - öffentlich nie kritisiert hat. Und für die Verletztenmisere - gegen Leverkusen fehlten mit Timothy Chandler, Daniel Ginczek, Makoto Hasebe, Markus Feulner, Adam Hlousek, Timo Gebhart, Per Nilsson und Ondrej Petrak gleich acht Spieler - kann er schon mal gar nichts.

Das wissen offenbar auch die Fans, die noch am Sonntag demonstrativ laut applaudierten, als der Stadionsprecher den Namen des Trainers verlas. Es ist immer schwer, die Stimmung in einer Fanszene zu eruieren. Aber man liegt wohl nicht falsch, wenn man sagt, dass die Mehrheit des Publikums mit Verbeek auch in die Zweite Liga gegangen wäre.

Dorthin könnte es jetzt auch ohne ihn gehen, weshalb der Trainer-Rauswurf für viele Club-Fans nur ein Signal der Hilflosigkeit ist. Derzeit sammeln sie Unterschriften für die Einberufung einer außerordentlichen Mitgliederversammlung. Es gibt Redebedarf beim Club - offenbar mehr denn je.

insgesamt 62 Beiträge
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Seite 1
svg74 23.04.2014
1. optional
Als HSV-Fan kann ich nur hoffen, dass diese Entlassung nicht kurzfristig fruchtet...
gruenerfg 23.04.2014
2. Falscher Mann
Zitat von sysopREUTERSMal wieder trennt sich der 1. FC Nürnberg von einem Trainer. Gertjan Verbeek hat Fehler gemacht, er hat sich stur gezeigt, als er flexibel hätte reagieren müssen. Doch zum Verhängnis wurden dem Coach vor allem Faktoren, die nicht er verantwortet. http://www.spiegel.de/sport/fussball/1-fc-nuernberg-trennt-sich-von-trainer-verbeek-a-965791.html
Gegangen ist wieder mal der falsche Mann. Bader wird den Club noch in den Abgrund reißen, wenn er das Deck nicht freiwillig verläßt. Mit Wiesinger stände der Club definitiv im Mittelfeld.
gruenerfg 23.04.2014
3. Komisch
Zitat von svg74Als HSV-Fan kann ich nur hoffen, dass diese Entlassung nicht kurzfristig fruchtet...
Früher hat man Fußball mit Sportsgeist verbunden. Anderen Schlechtes wünschen ist wohl doch sehr unsportlich!
dhbean 23.04.2014
4. zu spät
das ist wieder typisch kopflose Entlassung. Die hätte wenn überhaupt schon passieren müssen als es nach der anfänglich guten Rückrunde spielerisch den Bach runterging. Das Kind ist in den Brunnen gefallen, welcher Realist glaubt denn noch an eine Chance? Ausserdem ist das jetzt wieder eine finanzielle Belastung obendrauf. Tschüss erste Liga.
matthes schwalbe 23.04.2014
5.
Zitat von svg74Als HSV-Fan kann ich nur hoffen, dass diese Entlassung nicht kurzfristig fruchtet...
Keine Sorge, hat es bei Arminia Bielefeld auch nicht! ;-) Trainer sind ALLE nur Legionäre!!!
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