Liga-Neuling Union Berlin Schweigen oder feiern?

Der 1. FC Union Berlin zelebriert seine Bundesliga-Premiere - und als Gegner kommen ausgerechnet die Antipoden des RB Leipzig. Das trübt die Aufstiegseuphorie und führt zu Debatten im Verein.

Ina Fassbender AFP

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Wenn es um Totengedenken geht, ist Schweigen an sich die angemessene Reaktion. Die Fans des 1. FC Union haben sich zur Bundesliga-Premiere ihres Klubs etwas Besonderes ausgedacht. Sie haben Plakate mit Abbildungen verstorbener Union-Fans drucken lassen, die sie mit ins Stadion an die Alte Försterei nehmen. Damit die, die den Bundesliga-Aufstieg nicht mehr erleben konnten, irgendwie doch in der 1. Liga dabei sein können.

Geschwiegen werden soll auf der Tribüne aber aus einem ganz anderen Grund: dem sehr lebendigen Gegner, der am Abend in der Wuhlheide aufkreuzt (18 Uhr; TV: Sky; Liveticker SPIEGEL ONLINE). Es ist RB Leipzig.

Die ersten 15 Bundesligaminuten des 1. FC Union Berlin sollen von den eigenen Fans stumm begleitet werden - als Protest gegen die Leipziger Vereinsstruktur, gegen das Gebaren des Red-Bull-Konzerns. Die Argumente sind bekannt. Und dass es Protest geben würde, wenn RB Leipzig an der Alten Försterei spielt, dürfte niemanden überraschen. Beide Teams standen sich bereits in der 2. Liga gegenüber, damals kleideten sich die Berliner Fans ganz in Trauerschwarz.

Eine kleine Perfidität von DFB und DFL?

Aber dass es gleich zum lang ersehnten Bundesligadebüt gegen den gefühlten Klassenfeind geht, dass die Euphorie des Aufstiegs in 15 Schweigeminuten erstickt wird, das passt längst nicht allen im Verein. Im Klub wollen in dieser Spielplanung einige sogar eine Perfidität von DFB und DFL erkennen. Leipzig als Partycrasher zu nominieren, sei ein gewisser Racheakt dafür, dass Union bei den Verbänden als nicht gerade pflegeleicht bekannt ist.

Union und seine Fans - das ist schließlich eine besondere Melange. Der Verein pflegt das Image des Andersseins - dabei weiß jeder Unioner selbstverständlich nur zu gut, dass in Köpenick genauso marktwirtschaftlich gedacht wird und man sich, wie alle anderen Vereine auch, am Leistungsprinzip orientiert. Dennoch ist die Enge, die bei Union zwischen Klub und Anhängern zelebriert wird, der Kitt, der den Verein zusammenhält. Man sei "nicht wirklich so viel anders als andere Profivereine", sagt Präsident Dirk Zingler. Aber das meint er nicht zu 100 Prozent so.

Der Rasen der Alten Försterei, von den Fans nach dem Aufstieg in Besitz genommen
Andreas Gora DPA

Der Rasen der Alten Försterei, von den Fans nach dem Aufstieg in Besitz genommen

Insofern sind längst nicht alle begeistert von der Vorstellung, die allerersten Minuten des Erstligadaseins in Köpenick schweigend zu verbringen. Torwart Rafal Gikiewicz, ohnehin in dem Ruf, sich mit seiner Meinung nicht zurückzuhalten, hatte in der Vorwoche auf Instagram appelliert: "Wir Spieler, zusammen mit euch Fans, müssen unserem Gegner zeigen, dass das unser Platz ist, unser Haus. Sie müssen spüren: Welcome to Hell." Es sei daher "nicht gut für uns Spieler", wenn der Support zunächst fehle.

Zugang Neven Subotic nahm daraufhin die Gegenposition ein: "Ein Protest, der nicht wehtut, ist ein Luxus-Protest." Das ist auch die Vereinslinie, die von Präsident Zingler vorgegeben wird: "Wir haben gegen Leipzig klar Position bezogen in der zweiten Liga, und ich halte es für sehr ehrlich, das auch in der ersten zu tun." Zingler dürfte wissen, wie aufmerksam die Fanszene gerade solche Debatten bei Union verfolgt. Jeder Verstoß gegen den Markenkern wird hier als Verletzung der Vereinsseele wahrgenommen.

Im Transfersommer geklotzt

Seit Tagen ist dies das beherrschende Thema in der Öffentlichkeit, was mittlerweile viele Unioner nervt. Weil Anderes dahinter verschwindet: Der Verein hat im Transfersommer ordentlich zugeschlagen, auch wenn noch nicht ersichtlich ist, ob die Bundesliga-Schlachtrösser Christian Gentner, Anthony Ujah und Subotic das Team sportlich wirklich weiterbringen. Düsseldorfs Trainer Friedhelm Funkel hat sich zumindest bereits gewundert, welche finanziellen Möglichkeiten Union offenbar habe, seine Fortuna habe im Sommer um einen Spieler mitgeboten, aber gegenüber Union nicht mithalten können. Um wen es sich handelte, sagte er nicht.

Choreografie der Fans beim Relegationsspiel in der Wuhlheide
Hannibal Hanschke REUTERS

Choreografie der Fans beim Relegationsspiel in der Wuhlheide

Der Stadionausbau an der Alten Försterei steht für kommendes Jahr an, die entsprechenden Gespräche mit dem Berliner Senat laufen. Wie dimensioniert der Ausbau ausfallen wird, hänge auch davon ab, "in welcher Liga wir dann spielen", wie Zingler im RBB in dieser Woche noch vorsichtig anmerkte.

Eine Vorsicht, die bei dem Hype um Union in der Stadt eher wohltuend zurückgenommen klingt. Fernsehen und Radio überschlagen sich seit Tagen mit Berichten über die Stimmung, der RBB-Sender Radioeins, der sich als Medienpartner von Union versteht, hievte eine "rotweiße" Sondersendung ins Programm, bei der sich die Kommentatoren keine Mühe gaben, ihr Fansein zu verstecken. Eigentlich könnte alles so schön sein. Wenn nur dieser Gegner nicht wäre.

In Leipzig selbst verfolgt man die Diskussionen in Berlin durchaus genüsslich, die Dissonanzen nimmt man wohlwollend zur Kenntnis. RB-Geschäftsführer Oliver Mintzlaff sagt: "Die Vorfreude muss doch riesengroß sein, da sollte man sich mit den positiven Dingen beschäftigen und nicht damit, ob die immer gleichen Teile der Fans den anderen Klub mögen oder nicht." Dass er die Partie am Sonntag als "gefühltes Derby" bezeichnet hat, dürfte in Köpenick auch nicht gerade Begeisterung ausgelöst haben. Und bei Hertha BSC auch nicht. Die gibt es in Berlin nämlich auch noch.



insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
FrankDunkel 18.08.2019
1.
Diese hochstilisierte Feindschaft mit RB Leipzig ist schlicht und ergreifend albern. Die Leipziger haben sich in den wenigen Jahren ihres Bestehens als fester Bestandteil der Bundesliga etabliert, das alles basierend auf seriöser Arbeit. Und darauf kommt es an. Union wird erst einmal den Beweis seiner Erstklassigkeit erbringen müssen und ob das gelingt, da sind Zweifel erlaubt.
Stompf 18.08.2019
2. Scheinheilig.
Als in den 60-er Jahren in der DDR die Fußball luvs gegründet wurden, da profitierte auch Union von dieser Staatsanweisung. Selbst previlegiert gewesen und das nun anderen vorhalten. Der Vergleich hinkt zwar etwas, aber moralisch steckt man in der gleichen Kiste.
paulus_pax 18.08.2019
3. Warum Proteste ausgerechnet gegen RB Leipzig?
Und warum keine Proteste gegen Bayer Leverkusen, VW Wolfsburg, SAP Hoffenheim oder z.B. gleich die gesamte Premier League? So macht sich ein sonst äußerst sympathischer Club unglaubwürdig.
foerster.chriss 18.08.2019
4. Schaut auf's Trikot.
Wer schadet mehr? Ein Limonadenhersteller, der eimerweise Zucker und Koffein unters Volk schüttet? Oder ein Immobilienspekulatius, der für Mieter und Gewerbetreibende die Mieten erhöht, ohne entsprechend in die Gebäude zu investieren? Ich sehe da keinen Unterschied. Für mich ist Union als "besonderer Verein" mit dem neuen Trikotsponsor gestorben.
peter-11 18.08.2019
5. Was soll das ?
Ich habe mich für den Aufstieg von Union gefreut, aber noch kann sich kein Verein aussuchen gegen wen er spielt. Wenn es ihnen nicht passt, hätten sie in der 2. Liga bleiben sollen. Die Fans können ja protestieren, aber bitte friedlich. In diesem Sinne ist die Ansetzung dieses Spieles zu Beginn der Saison sogar ganz gut. Ich freue mich auf ein schönes Spiel und drücke Union die Daumen.
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