Mainz-Präsident Strutz Das Märchen vom Ehrenamt

Bei Mainz 05 steht Harald Strutz zunehmend in der Kritik. Mitglieder werfen ihm Inkompetenz und Mauscheleien zum eigenen Vorteil vor. Tatsächlich hat sich der langjährige DFL-Vorstand zuletzt angreifbar gemacht.
Mainz-Präsident Harald Strutz

Mainz-Präsident Harald Strutz

Foto: picture alliance / Frank Rumpenh

28 Jahre ist Harald Strutz Präsident von Mainz 05. Doch die Zweifel an dem Mainzer Urgestein wachsen. Seit im Sommer mit Manager Christian Heidel der starke Mann im Verein nach Schalke wechselte, ist ein Vakuum entstanden, das Strutz nach Ansicht vieler Mitglieder nicht ausfüllen kann.

Nun droht dem 66-Jährigen auch juristischer Ärger. Das Mainzer Amtsgericht hat den Vorstand um eine Stellungnahme zu den Vorgängen um die letzte Mitgliederversammlung gebeten.

Mehrere Rechtsanwälte hatten in den vergangenen Wochen mit zum Teil ausführlichen Schriftsätzen Beschwerde gegen die Umsetzung der von der außerordentlichen Mitgliederversammlung am 13. November 2016 beschlossenen Satzungsänderungen eingereicht - aus inhaltlichen und formalen Gründen.

Handlungsbedarf sahen sie vor allem, weil sie den Eindruck haben, dass die Mitglieder nur die Staffage sein sollten für ein Szenario, das vorher ausgekungelt wurde und auch den privaten Interessen von Strutz dienen soll, der für eine weitere Amtszeit bis 2020 kandidieren will. "Ich habe diesen Abend als desaströs und manipulativ empfunden", sagt das Mitglied Albert Weber. "Es wurde mehr als offensichtlich, dass Strutz die neue Vereinsstruktur so anpassen will, dass er gleichzeitig ehrenamtlich und weiterhin hochbezahlt fungieren kann", so Weber.

Der Jurist Lars Leuschner, Professor an der Uni Osnabrück, gilt als Experte für Vereinsrecht und kann diese Sicht der Dinge gut nachvollziehen. Zwar sieht er den eingetragenen Verein als Eigentümer einer Lizenzspieler-Kapitalgesellschaft sehr positiv, hält es aber für rechtswidrig, wenn der Verein ein Unternehmen mit 100 Millionen Euro Jahresumsatz selbst betreibt.

In der Mainzer Konstellation - mit Strutz an der Spitze - sei eine solche Struktur fatal: "Es existieren kaum gesetzliche Regelungen, die die Überwachung des Vorstands sicherstellen", sagt Leuschner. So fehlten "Rechnungslegungsvorschriften oder Publizitätspflichten", wie sie in anderen Rechtsformen, beispielsweise einer GmbH, existieren. Es entstehe der "Eindruck, dass die Strukturreform primär auf die persönlichen Interessen der Handelnden zugeschnitten ist".

Vor gut einem Jahr musste Strutz zugeben, was er zuvor bestritten hatte: Dass er - zum Teil ohne Wissen seiner Vorstandskollegen - seit Jahren 23.000 Euro pro Monat an "Aufwandsentschädigungen" kassiert hatte; eine beachtliche Summe für einen Mann, der sich immer dafür hatte feiern lassen, ehrenamtlich tätig zu sein. Erst als das nach öffentlichem Druck nicht mehr zu halten war, gab er zu, neben seiner mittlerweile ruhenden und mit 2500 Euro dotierten Tätigkeit für den rheinland-pfälzischen Sportbund 9000 Euro Aufwandsentschädigung für seine ehrenamtliche Tätigkeit und 14.000 Euro für eine "ständige juristische Beratung" des Vereins erhalten zu haben. In der neuen Struktur - dann mit dem Kontrollgremium Aufsichtsrat - will Strutz nun bis 2020 tatsächlich wirklich ehrenamtlich tätig sein, ohne jede Aufwandsentschädigung.

Zweifel an Arbeitseifer

Dass Strutz den Verein, der von mehreren Fachjuristen vertreten wird, in den vergangenen Jahren so ausführlich juristisch beraten haben will, verwundert nicht nur Mitglied Weber. "Wer sich im Innenleben des Vereins auskennt, weiß, dass Harald Strutz bis vergangenen Sommer sehr selten auf der Geschäftsstelle anzutreffen war, daran hat sich nichts geändert", sagt Weber.

Heidel sei "der entscheidende Mann für die Entwicklung und den sportlichen Erfolg von Mainz 05" gewesen. Nachfolger Rouven Schröder mache sich als Sportdirektor prima, in der Vereinsführung sei aber ein Vakuum entstanden, das Strutz nicht ausfüllen könne oder wolle.

Doch selbst wenn Strutz die 05er tatsächlich unermüdlich juristisch beraten hätte, hielte Jurist Leuschner den von Strutz in Rechnung gestellten Satz von 350 bis 550 Euro pro Stunde für vollkommen überzogen: "Ein solcher Stundensatz ist üblich bei juristischen Eliten wie hochspezialisierten international tätigen Kanzleien. Der wäre angemessen, wenn Herr Strutz ihn auch gegenüber regulären Mandanten durchsetzen könnte. Bei allem Respekt vor seiner Person halte ich das für sehr unwahrscheinlich."

Dass Strutz mit seiner Rechnung durchkam, bestätigt Leuschners Zweifel am angedachten Konstrukt des Vereins: "In einer Struktur, in der die Lizenzspielerabteilung in eine Kapitalgesellschaft ausgegliedert ist, ließe sich deutlich schwerer begründen, weshalb Herr Strutz als ehrenamtlicher Präsident ohne Ressort eine hohe Aufwandsentschädigung erhält."

Selbst unter den Anhängern von Strutz, von denen es unter den Mitgliedern der 05er immer noch viele gibt, findet man nicht viele, die den 66-Jährigen für einen Top-Juristen halten. Viele attestieren ihm jedoch, dass er gute Kontakte - zum Beispiel zu den Fußballverbänden in Frankfurt sowie zur Stadt- und Landespolitik - habe und ein guter Netzwerker sei. "Harald konnte jahrelang machen, was er wollte", sagt ein Mitglied, das nach wie vor hinter ihm steht. "Das war falsch. Aber jetzt tun viele so, als verfolge er bei allem, was er tut, eigene Interessen. Das ist genauso falsch."

Wichtige Fragen werden aufgeschoben

Festzuhalten bleibt, dass es rund um die außerordentliche Mitgliederversammlung einige Merkwürdigkeiten gab. Strutz, merklich angezählt, hatte angekündigt, dem Willen der Mitglieder nach mehr Transparenz nachkommen zu wollen. Und tatsächlich wird es bald einen Aufsichtsrat geben. Doch die Ankündigung, den Mitgliedern auch eine Ausgliederung der Profiabteilung zur Wahl zu stellen, wurde nicht eingehalten. Auf Rat zweier Juristen, die Strutz beauftragt hatte, wurde beschlossen, die Frage erst in ein paar Jahren anzugehen.

Das, sagt Strutz auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE, sei auch insofern logisch gewesen, als man vorher das Stimmungsbild an der Basis erfragt habe und eine Ausgliederung nie die nötige Dreiviertel-Mehrheit bekommen hätte. "Wir haben nach zwei Informationsveranstaltungen, in deren Rahmen wir auch die Frage der Ausgliederung thematisiert haben, ein klares Meinungsbild unserer Mitglieder erhalten (...). Die Mitglieder haben in der Mitgliederversammlung Ende November für eine Fortentwicklung der Strukturen als eingetragener Verein gestimmt." Genau deshalb passe man nun die Strukturen mit drei hauptamtlichen Vorständen, einem ehrenamtlichen Vorsitzenden und einem Aufsichtsrat an.

Zudem ist die Zahl der formalen Fehler, die vor, während und nach der Mitgliederversammlung begangen wurden, merkwürdig bei einem Verein, dessen als Jurist tätiger Vorsitzender jahrelang im Vorstand von DFB und DFL saß und erst im Dezember vom Ligaverband zum "Ehrenangehörigen" berufen wurde. Zeugen bestätigen, dass das Mitglied Rolf Fritsch bereits während der Versammlung darauf hingewiesen hat, dass die elektronischen Geräte, mit denen die Mitglieder abstimmten, auch dann benutzt wurden, wenn der eigentliche Besitzer nicht im Raum sondern beispielsweise auf Toilette war.

Als die beschlossenen Satzungsänderungen beim zuständigen Amtsgericht eingetragen werden sollten, setzten sich die Schlampereien fort. Mehrfach musste das Amtsgericht Strutz auf Mängel hinweisen, mal fehlten notwendige Unterschriften, mal Beglaubigungen. Bis heute - zwei Monate nach der Versammlung - sind die Satzungsänderungen deshalb noch nicht eingetragen. "Das Eintragungsverfahren dauert an und wird von Amts wegen betrieben. Auf die Dauer des Verfahrens hat Mainz 05 keinen Einfluss", erklärt Strutz dazu. Das sehen auch bei Mainz 05 viele anders.

Am 23. Januar, wenn Strutz aus dem Urlaub zurück ist, wird sich das Präsidium nun mit den Wünschen des Amtsgerichts befassen. Es dürfte kein angenehmer Termin für Strutz werden.