100 Jahre FC St. Pauli "Bier und Fußball gehören zusammen"

Der FC St. Pauli feiert seinen 100. Geburtstag: Der ehemalige Vizepräsident und Geschäftsführer Christian Hinzpeter erinnert sich auf SPIEGEL ONLINE an marode Tribünen, kalte Duschen - und erklärt, was Bayern München von den Hamburgern lernen kann.
Fans und Team des FC St. Pauli (nach dem Aufstieg 2010): "Offen, tolerant, fröhlich"

Fans und Team des FC St. Pauli (nach dem Aufstieg 2010): "Offen, tolerant, fröhlich"

Foto: Joern Pollex/ Bongarts/Getty Images

Ich freue mich, dass der FC St. Pauli seinen 100. Geburtstag feiern kann. Nicht nur, weil ich gerne mitfeiere. Vor allem deshalb, weil zeitweilig nicht klar war, ob der Verein überhaupt 100 Jahre bestehen würde. Der FC St. Pauli stand einige Male in seiner Geschichte am Abgrund.

Ich bin Ende der siebziger Jahre aus München nach Hamburg gekommen. Zuvor war ich fußballerisch beim Bayern-Rivalen 1860 München sozialisiert worden. So war für mich klar, dass ich in Hamburg mit dem etablierten HSV nicht viel zu tun haben wollte.

1980 bin ich dann beim FC St. Pauli von Freunden eingeführt worden, das war nach dem Abstieg in die Dritte Liga. Wir hatten damals das Gefühl, vollkommen alleine im Stadion zu sein. Auf der Nordkurve und auf der Gegengeraden verloren sich ein paar Zuschauer.

Das hatte aber auch Vorteile, man kam beispielsweise schnell an den Bierstand. Ich kannte das ja aus München: Bier und Fußball gehören zusammen. Mir gefiel die Atmosphäre, es war fröhlich, viele nette Leute. Ich stand gerne zwischen den Trainerbänken. Mit der Zeit sprach es sich herum, dass man am Millerntor seinen Spaß haben konnte. Mitte der achtziger Jahre wurde das Stadion deutlich voller.

Der damalige Mannschaftsarzt Peter Benckendorff, den ich bei einer der Feiern nach dem Spiel kennengelernt hatte, stellte mich Präsident Otto Paulick vor. Wir verstanden uns gut. Paulick hat mich dann reingeholt, und irgendwann war ich im Vorstand. Es war für mich eine gewachsene Geschichte. Ich fühlte mich auch später als Vizepräsident weiterhin als Fan, ich war mittendrin, sieben Tage die Woche und 24 Stunden am Tag. Die anderen Fans konnten mich ansprechen, dafür war ich ja da.

Kein eigenes Trainingsgelände, aber eine Dauerbaustelle

Paulicks Idee, jemanden im Vorstand für die Belange der Fans zu haben, war total neu, fast schon revolutionär. Damals gab es in den Clubs keine Fanbeauftragten. Ich war vor allem für die Fans zuständig, die sich beim HSV nicht mehr wohlfühlten und deshalb zu uns rübergekommen waren. Beim HSV gab es im Stadion damals einige lautstarke Anhänger, die aus ihrer Intoleranz keinen Hehl machten.

Auch der FC St. Pauli hatte rechte Fans, wenngleich weitaus weniger. Die standen in der Nordkurve. Unter anderem deshalb bildete sich in der Gegengerade die Fanbewegung, die später für die Ausrichtung des Vereins stehen sollte: offen, tolerant, fröhlich, kreativ. Die rechten Fans blieben mit der Zeit weg, weil sie am Millerntor keinen Platz mehr hatten.

Nachdem Paulick als Vereinschef aufhören musste, weil es Unregelmäßigkeiten in der Buchführung gegeben hatte, wurde Heinz Weisener sein Nachfolger. Wir traten 1987 als Team an, er wollte mich als Vize und Geschäftsführer haben.

Als wir anfingen, stand der Verein finanziell sehr schlecht da. Der FC St. Pauli lebte von der Hand in den Mund, das Stadion war marode. "Geliebte Bruchbude", sagten die Fans. Für uns war es im wahrsten Sinne des Wortes eine Dauerbaustelle: Wenn du vorne fertig warst mit dem Reparieren, ging es hinten schon wieder los - so was ist teuer!

Besuche im Millerntorstadion als pädagogische Maßnahme

Selbst als Erstligamannschaft sind wir zum Training durch ganz Hamburg gereist. Wir hatten kein eigenes Trainingsgelände, die Mannschaftskabinen waren auch nicht doll. Wenn unsere Spieler bei anderen Clubs antraten, staunten sie immer.

Auf der anderen Seite trugen diese Umstände beim FC St. Pauli dazu bei, dass die Spieler geerdet waren. Jürgen Gronau, Dirk Zander, André Golke und viele andere - das waren Hamburger Jungs, die wussten, warum sie beim FC spielten. Sie fühlten sich wohl in diesem sehr speziellen Kosmos. Vor Flutlichtspielen am Freitagabend noch schnell eine Bratwurst auf dem Dom? Nach dem Abpfiff durch die Vereinskneipe in die Kabine? Beim FC St. Pauli gab es das, heute ist so etwas undenkbar.

Dass der FC St. Pauli etwas Besonderes ist, erkannten auch andere Leute im Fußball. Bayern-Manager Uli Hoeneß sagte immer, der Besuch am Millerntor sei für seine Spieler eine pädagogische Einheit. Drei Duschen, davon zwei kalt: Solche Um-, vermutlich sogar Missstände zeigten seinen Spielern, woher sie kamen.

Als Vereinsführung war es auf Dauer aber ein Problem: Wir wollten für Verbesserungen sorgen, durften dem Club aber nicht seinen speziellen Charme nehmen. Dieser Anspruch gilt auch noch für die heutige Vereinsführung. Und ich finde, dass es denen bislang sehr gut gelingt.

Spagat zwischen Kult und Kommerz: Lesen Sie am Freitag in einem zweiten Beitrag, wie die Konkurrenz zum Hamburger SV entstand - und was Hausbesetzer mit dem FC St. Pauli verband.

Protokoll: Clemens Gerlach

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