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St. Pauli vs. Oberhausen: Zittern bis zur letzten Sekunde

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100 Jahre FC St. Pauli Wie ein Stinkstiefel den FC St. Pauli rettete

Zweimal stand der FC St. Pauli in den vergangenen zehn Jahren am Abgrund. im Jahr 2000 rettete ausgerechnet ein ehemaliger HSV-Stürmer den Kiezclub vor dem Abstieg. Mike Glindmeier, Folke Havekost und Sven Klein erinnern in ihrer Fantriographie an eines der wichtigsten Remis der Clubgeschichte.

Am 26. Mai 2000 trat der FC St. Pauli zum letzten Saisonspiel gegen Rot-Weiß Oberhausen an. Die Hamburger hatten den Klassenerhalt in der zweiten Liga gegen den Club aus dem Niemandsland der Tabelle selbst in der Hand. Aus einem Pflichtsieg wurde eines der dramatischen Spiele in der Vereinsgeschichte, an das sich Mike Glindmeier, Folke Havekost und Sven Klein in ihrer Triographie "St. Pauli ist die einzige Möglichkeit" erinnern, die anlässlich des 100-jährigen Vereinsjubiläums erschienen ist (siehe Kasten links).

Am Sonntag davor vor dem Oberhausen-Spiel war alles klar. St. Pauli hatte 3:6 in Köln verloren, was für den allgemeinen Saisonverlauf ein ziemlich gutes Resultat war. Vor allem, da nun mit einem Heimsieg gegen Rot-Weiß Oberhausen der Klassenerhalt an diesem Freitagabend aus eigener Kraft geschafft werden konnte. Nur ein Kölner Treffer mehr, und St. Pauli wäre auf fremde Hilfe angewiesen gewesen. Dass die Oberhausener seit sieben Spiele nicht verloren, ihre letzten drei Partien sogar gewonnen hatten, besorgte niemanden - für RWO war die Saison längst gelaufen .

Zehn Minuten bis zum Anpfiff. Das Clubheim am Millerntor war immer noch gut gefüllt. "Noch mal vier Halbe und vier Wodka", brüllten die Jungs von Tisch drei. Ich trabte zum Tresen, um die Bestellung weiter zu geben und anschließend die Kaltschalen zu servieren. Ich habe damals an den Spieltagen im Vereinsheim gekellnert und hatte mit der Pächterin die beste Chefin der Welt, denn ich durfte immer schon vor dem Anpfiff ins Stadion, damit ich nichts verpasse. Nur an diesem Freitagabend war alles anders. Ich orderte einen fünften Wodka und schwebte samt Tablett zu Tisch drei. "Auf den Klassenerhalt!", grölte das Quartett und leerte gemeinsam mit mir die Gläser. Dann aber fix los.

Glücklicherweise brauchte ich mich nicht in die endlosen Eingangsschlangen vor der Gegengerade einzureihen, sondern konnte mit meiner Dauerarbeitskarte durch die Mixed-Zone direkt in die Meckerecke gehen. Um mich herum herrschte eine Mischung aus trotziger Zuversicht und angespannter Nervosität. Es ging schließlich um den Klassenerhalt oder den Abstieg in die dritte Liga.

Im Fußball liegen viele Enttäuschungen, vor allem aber Täuschungen. Selten war ich vor einem Spiel so siegesgewiss, selten hatte ich mich so geirrt. Nach 23 Minuten jubelten nur die 33 Besucher, die sich in Oberhausen Karten gekauft hatten. Daniel Ciuca traf zum 0:1, und langsam rückte für uns Nichtabstiegsplan B in den Vordergrund: St. Pauli durfte nicht schlechter als die Stuttgarter Kickers abschneiden, auch das würde reichen. Doch die Kickers führten mittlerweile 1:0 beim längst abgestiegenen Karlsruher SC.

Am Millerntor regte sich so gut wie nichts. Vielleicht war es die Erwartung eines Routine-Heimsiegs gepaart mit dem Schrecken, dass hier alles andere als Routine zu sehen war. Es war ziemlich still im Stadion; wer seine eigene Verzweiflung herausschrie oder stöhnte, wurde gehört. Wie steht's in Karlsruhe? Stadionsprecher Rainer Wulff klärte auf: Moudachirou Amadou, derein Jahr später zum FC St. Pauli wechseln sollte, hatte für den KSC ausgeglichen!

Das war das Signal, das gebraucht wurde. Neue Hoffnung, neuer Pegel im Stadion. Ein Tor noch, das schien selbst für dieses Team machbar. Ivan Klasnic traf die Latte, noch zehn Minuten. Noch acht, noch sechs, noch vier… warum machte Karlsruhe nicht das 2:1? Wie lange blieb das Undenkbare noch undenkbar? Ein Abstieg hätte uns womöglich so etwas wie die Quasi-Regentschaft von Michael Kölmel beschert.

Kölmel war mit seinem Unternehmen "Filmwelt" durch die Rechte am neunfachen Oscar-Gewinner "Der englische Patient" zigmillionenschwer geworden und kaufte nun - unter dem Label "Sportwelt" - reihenweise Clubs auf, die in Sachen Kreditwürdigkeit auf der Intensivstation lagen. Zum Beispiel, weil sie gerade aus der Zweiten Liga abgestiegen waren… ImHerbst 1999 hatte er schon einmal Interesse signalisiert.

Um 20.45 Uhr war der FC St. Pauli abgestiegen. Da nützte auch der Ausgleich des KSC nichts. Jede Sekunde konnte der Abpfiff ertönen. Seit einer Viertelstunde heulte vor mir ein vielleicht zwölfjähriger Junge. Er schrie alle fünf Sekunden "Nein! Nein!", rannte runter zum Zaun, rüttelte daran, als wollte er so die Mannschaft wachrütteln und stürmte kurz darauf wieder die Stufen der Meckerecke hoch. "Ich will nicht absteigen", jammerte er tränenerstickt und klammerte sich plötzlich an mich. "Das wird schon noch", beschwichtigte ich ihn. Dabei glaubte ich mir selbst kein einziges Wort. Willenlos sackte er neben mir zusammen.

Dann die letzte Minute. Carsten Wehlmann warf den Ball auf die rechte Seite zu Markus Lotter, der mit dem Spielgerät auf der Stelle zu stehen schien. Endlich an der Mittellinie angekommen, blickte er in die Ferne und flankte blindlings hoch rein. Der gesamte Kuchenblock auf der Haupttribüne war inzwischen aufgesprungen und brüllte. Der Junge neben mir rappelte sich wieder auf. Nach einem endlos langen Flug senkte sich das Leder endlich im Sechzehner. Ivan Klasnic brachte die Pille zunächst nicht richtig unter Kontrolle, schüttelte mit seinem Ellenbogen einen nicht besonders kampfeslustigen Oberhausener ab und konnte dann doch vors Tor flanken. Plötzlich kam Marcus Marin herangerauscht und hielt seinen Fuß zum richtigen Zeitpunk an die richtige Stelle und… Tooooooor! 1:1!

Was aus dem Siegtorschützen und den Handschuhen von Torhüter Carsten Wehlmann nach dem dramatischen Rettungsspiel geworden ist

Tooor, Toor, Tor. So sagte jedenfalls der Jubel der Leute vor mir, die Situation selbst war nicht zu überschauen. Egal. Wie steht's in Karlsruhe? Zwei Reihen hinter uns hatte jemand einen Knopf im Ohr. Dieser Unbekannte war jetzt der wichtigste Mann. Ich drehte mich um und brüllte ihn an: "Wie steht's in Karlsruhe, wie steht's in Karlsruhe?" Sekunden vergingen, vielleicht eine halbe Minute. Dann rief er: "Schluss in Karlsruhe!" Ich riss die Arme in den Himmel, St. Pauli hatte den Ball in der eigenen Hälfte, aber hier würde nichts mehr passieren. Nur noch der Abpfiff, und der kam wenig später.

Alle fielen sich in die Arme, sprangen vor Glück übereinander, knutschtensich oder vollführten seltsame Tänze. Der kleine Junge kletterte an mir hoch und schlang seine Arme um meinen Hals. Meine Freundin heulte zum ersten Mal bei einem Fußballspiel, und ich bekam langsam keine Luft mehr. In der Mixed-Zone hörte ich André Trulsen brüllen: "Jetzt saufen wir den Kiez leer!" Ich glaube, wir haben es in dieser Nacht beinahe geschafft.

Ich wollte nach den 90 Minuten gegen Oberhausen nur noch aus der Kurve. Als ich wie in Trance durch die Mixed Zone lief, kam mir der Oberhausener Spieler entgegen, der abends zuvor in der Kneipe noch irgendwas von "mach dir keine Sorgen" gefaselt hatte. "Hab dir doch gesagt, du brauchst dir keine Sorgen zu machen", warf er mir schulterzuckend vor, als wollte er sagen: Alter, jetzt reiß dich mal zusammen und hör auf zu flennen, wie sieht denn das aus! Ich ließ ihn kopfschüttelnd stehen und rannte auf Torhüter Carsten Wehlmann zu, mit dem ich damals befreundet war.

Wir sprangen wie zwei Catcher gegeneinander, die Brustbeine krachten zusammen, bevor wir uns erleichtert umarmten wie ein Liebespaar, das sich im November 1989, nach Jahrzehnten unfreiwilliger Trennung, zufällig im Berliner Bezirk Tiergarten über den Weg gelaufen ist. Er schenkte mir seine Handschuhe, und wir verabredeten und zu einer spontanen Nichtabstiegsfeier auf dem Kiez, an die ich mich nicht mehr ganz so detailliert erinnern kann. Sie war feuchtfröhlich.

Benommenheit, ein irgendwie verbaler Austausch mit den Stehplatznachbarn, Umarmungen. Glückliche Gesichter auf dem Weg zur Pressekonferenz. Vor dem Pressecontainer klingelte mein Handy. Ein Freund rief aus Nürnberg an, wo seine Gladbacher Borussia vergeblich um den Aufstieg gekämpft hatte. Er gratulierte zu unserem Klassenerhalt, der, so versicherte er, auch von den Borussen gefeiert würde. Mönchengladbacher Solidarität war mir in diesem Moment vollkommen egal. Ich schrie nur "Klasnic!" in die Muschel, "Klasnic, Klasnic!"

Erst auf der Pressekonferenz erfuhr ich, dass Marcus Marin das 1:1 erzielt hatte. Er war in den Klasnic-Schuss hineingegrätscht und hatte den Ball über die Linie gebracht. Ausgerechnet dieser Stinkstiefel, der seine vielversprechenden jungen Mitspieler im Training anpöbelte und nun versuchen würde, sein Tor in eine Vertragsverlängerung umzumünzen. Als wir den Treffer im Fernsehen sahen, beschlossen ein Kollege und ich, in den nächsten Tagen mit einem Fotografen das Millerntor zu entern, die Szene nachzustellen und Beweisbilder schießen zu lassen. Denn eines war doch wohl klar: Jeder, wirklich jeder hätte den Ball nach Klasnic' brillanter Vorarbeit über die Linie gebracht.

Als klar war, dass Marins Vertrag trotz des goldenen Schusses nicht verlängert würde und er nach Düsseldorf verschwand, ließen wir unser Vorhaben großzügig fallen.

Zum ersten und bislang einzigen Mal musste ich beim Fußball heulen. Nicht vor Trauer - dann wäre ich beim FC nach all den Jahren komplett dehydriert gewesen - mir kullerten das erste Mal in meinem Leben Freudentränen die Wangen herunter. Es war wie ein Orgasmus in den Augen. Der Druck hatte sich über 90, quatsch, gefühlte 105 Minuten aufgebaut und bahnte sich jetzt seinen Weg über meine reflexartig nach und bahnte sich jetzt seinen Weg über meine reflexartig nach oben geschnellten Mundwinkel. Wir hatten es geschafft. Klassenerhalt. In allerletzter Sekunde.

Dass ausgerechnet Marin das rettende Tor gemacht hat? Geschenkt. Zeugwart Claus Bubke hat mir mal eine schöne Geschichte über den Ex-HSVer und chronischen Unsympathen erzählt. Er soll nach einem Training bei ihm angekommen sein und neue Schuhe bestellt haben. Als Bubu nachfragte, soll er gesagt haben, dass die Schnürsenkel seiner alten Treter gerissen seien. Für Bubke war Marin nicht zuletzt deswegen wahlweise ein "Gurkengustav" oder ein "Pflegefall".

Vom Stadion ging's zur dritten Halbzeit, entlang der Fan-Kneipen. Etliche Anhänger weinten vor Freude, Erleichterung, Fassungslosigkeit. Andere, auch ich, wollten heulen, doch die Anspannung war vermutlich zu groß für die Tränendrüsen. In der St.-Pauli-Fankneipe Jolly Roger ließ sich zur Ruhe kommen. Keine Ausgelassenheit, statt dessen Erschöpfung. Gespielt wurde, was am besten dazu passte: "Dirty Old Town" von den Dubliners. Wie der Mörtel von alten Fabrikmauern fiel der Stress langsam von den Seelen ab.

Am Tag danach gab's etwas zum Lachen, als St.Paulis Radiopartner eine Verlosung der ganz besonderen Art anschob. "Gewinnt die Handschuhe, mit denen Carsten Wehlmann den Klassenerhalt gesichert hat", imperativte eine der glucksigen Moderatorinnen. "Dann müsst ihr aber vorher mein Auto aufbrechen", dachte ich und freute mich auf ein weiteres Jahr Zweite Liga.

Am nächsten Nachmittag bestritt St. Paulis Amateur-Mannschaft am Millerntor ein Saisonausklang-Spiel gegen den MSV Groß-Plasten, in dessen mecklenburgischer Heimat man öfter seine Trainingslager absolviert hatte. Zu dieser vollkommen bedeutungslosen Begegnung hatten sich einige hundert Fans versammelt, die gerade diese Bedeutungslosigkeit nach dem Drama des Vorabends genossen. Das Spiel verlief äußerst ungleich. Auch St. Paulis Torwart stürmte bisweilen mit, für den Gegner war's trotz hoffnungsloser Unterlegenheit ein großer Spaß, am Millerntor zu kicken. Der Endstand lautete in etwa 17:3, doch immer wenn ein Tor fiel, erschallte von der Tribüne der Ruf: "Wie steht's in Karlsruhe?" Hier war endlich der Platz, um das Geschehen ausgelassen zu verarbeiten.

In Karlsruhe stand es natürlich immer noch 1:1, und es reichte. Es reichte wirklich.