"11 Freunde"-Kolumne Als Egidius Braun bei der Arbeiterwohlfahrt einbrach

Die wöchentliche Exklusiv-Kolumne von Deutschlands bestem Fußball-Fanzine. Heute: Prügelnde Profis, Ceausescu-Fans und das Herbeisehnen des Netzhemd-Revivals.


Egidius Braun (hat natürlich nie in seinem Leben einen Einbruch begangen, d.Red.)
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Egidius Braun (hat natürlich nie in seinem Leben einen Einbruch begangen, d.Red.)

Der erste Spieltag einer neuen Saison ist für Fans eine extrem aufregende Sache: Neues Spielsystem, neue Spieler, vor allem aber neue Trikots werden misstrauisch beäugt. Denn Jahr für Jahr bahnen sich innovative Stoffkreationen den Weg in die Stadien. Vorbei die Zeiten, als Fußballjerseys noch arg danach aussahen, als wäre Egidius Braun nachts in die Kleiderkammer der Arbeiterwohlfahrt eingebrochen.

Stattdessen stehen heute bei den Heimtrikots der Berliner Hertha die dünnen Dosen eines österreichischen Aufputschmittelherstellers Pate, und Teams wie der FC St. Pauli tragen enge Hemdchen, die auch in den Kleiderschränken von Kölner Friseuren hängen könnten. Wir sind gespannt, was als nächstes kommt? Spaghetti-Träger-Tops? Tüllröcke mit applizierten Stutzen für den Winter? Oder drohen, im Zuge des auslaufenden achtziger-Jahre-Revivals sogar die guten alten Netzhemden wieder? Für letzteren Fall würden wir jedoch die Tüllröcke bevorzugen.

Effenberg ­ Eine Discothek ist keine Wäschekammer

Ach so, achtziger Jahre. Im Fußballzirkus macht sich das Revival im Moment in erster Linie weniger durch die Rückkehr bizarrer Haarschnitte als durch das Aufleben von Rowdytum bemerkbar. Anders jedoch als in den Achtzigern, als Fans an Spieltagen marodierend durch die Straßen zogen, sind es nun jedoch die Kicker selbst, die vom Faustrecht Gebrauch machen und dabei sogar noch vom Bundeskanzler höchstselbst angefeuert werden. Der schwärmte neulich in einem Leserbrief an die "Sport-Bild": "Unvergesslich sind natürlich auch die geselligen Stunden der dritten Halbzeit."

Nimmt es da Wunder, dass Stefan Effenberg neulich im Münchner Tanzschuppen P1 eine Dame per Uppercut von seiner Platzkarte überzeugte? Nur über den Fluchtweg hätte sich Effenberg ein bisschen früher Gedanken machen sollen - eine Disco ist halt keine Wäschekammer. Schlauer dünkte sich da schon der Kapitän des spanischen Erstligisten FC Sevilla, José Miguel Prieto. Nachdem er nach einem Freundschaftsspiel den Linienrichter in den Stadionkatakomben mit einer linken Geraden niedergestreckt hatte, hüpfte Prieto kurzerhand aus dem Kabinenfenster, vor dem bereits das Fluchtauto mit laufendem Motor wartete. Dumm nur, dass eine Videokamera den Fight mit dem Schiri-Assi aufgezeichnet hatte. Dem Capitano droht nun eine halbjährige Sperre.

Fortuna Düsseldorf ­ Trainer Kamp trifft interessante Leute

Dem Abstieg in die Oberliga wundersam entronnen, die Sofarocker von den Toten Hosen als neuer Trikotsponsor ­ in dieser Saison sollte bei Fortuna Düsseldorf alles anders und natürlich viel besser werden. Doch schon nach abgezählten zwei Minuten des ersten Heimspiels stand es 0:1 gegen Chemnitz. Und weil das Treiben auf dem grünen Rasen nicht sonderlich hübsch anzuschauen war, wurde ersatzweise im aktuellen Saisonheft der Fortuna geblättert. Und siehe da: Im Serviceteil des Blättchens gaben die Spieler in Stichworten ihre geheimen Hobbys und Vorlieben preis.

Beim Thema "Lieblingsgetränk" einigt sich der Fortuna-Kader hasenfüßig auf das Kirchentags-Getränk "Apfelschorle", nur der altersweise Kapitän Weidemann gibt freimütig zu: "Bier". Dafür hat Schorle-Trinker Martin Cupr das schönste Hobby, er liebt "Rasen mähen" und muss bei der Frage "Worüber freuen Sie sich am meisten?" nicht lange überlegen: "Über den Sex mit meiner Frau". Politisches Highlight der Umfrage sind zweifellos die Bekenntnisse von Trainers Tim Kamp, einstmals unter dem Namen Campeanu rumänischer Nationalspieler. Der gibt als "aufregendste Bekanntschaft" niemand Geringeren als den ehemaligen Securitate-Innenverteidiger Ceausescu an.



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