"11 Freunde"-Kolumne Die allergrößte Härte? Sind Oberlippenbärte!

Die wöchentliche Kolumne von Deutschlands bestem Fanzine. Heute: Wieso es eine Schande für den deutschen Fußball ist, dass sich kein Profi mehr dazu berufen fühlt, sich einen ordentlichen Schnauzbart stehen zu lassen.

Es wurde auch Zeit, denn wochenlang sind wir jeden Morgen zum Büdchen gerannt und haben bangend nach dem "Kicker"-Saisonheft gefragt, mit Mannschaften, Neuverpflichtungen und Stecktabelle. Doch ebenfalls wochenlang gab es bedauerndes Kopfschütteln des Kioskinhabers. Nun ist das Heft endlich da, die Stecktabelle hängt im Wohnzimmer, und wir haben nach dem ersten Durchblättern schlimme Neuigkeiten.

Wir sind bestürzt, dass in der Saison 2002/2003 der Schnauzbart endgültig ausgestorben ist. Lauter glatt rasierte Mopedfahrer tummeln sich auf den Mannschaftsfotos, kein einziger anständiger Pornobalken unter Hunderten Profis. Sogar Lauterns Harry Koch, früher einmal mit ordentlich Gesichtswolle gesegnet, macht inzwischen auf Konstantin Wecker und grinst mit blanker Oberlippe in die Kamera. Schade auch, dass der Berliner Bart Goor seinem Namen keine Ehre macht.

Hach, seufzen wir da wehmütig, denn das war einmal anders. Noch Anfang der Neunziger war der wuchernde Schnauz die Zierde jedes bodenständigen Berufsfußballers. Stefan Kuntz und Mike Werner trugen die Flamme weiter, die Hermann Ohlicher und Lothar Woelk einst entzündeten. Bleibt nur der flammende Appell an die letzten verbliebenen Bärte, an Vereinsarzt Günter Neundorf (Bielefeld) und Co-Trainer Petrik Sander (Cottbus). Harren Sie aus und vertrauen Sie den EG-Gesundheitsministern: Rasieren gefährdet Ihre Gesundheit.

Aber auch sonst bieten die Mannschaftsfotos wieder mal große Unterhaltung. Zwar fehlen amüsante Einlagen, wie die des Schalkers Torsten Legat, der sich vor zwei Jahren beim offiziellen Shooting die Sporthose aus Humorgründen bis knapp unter die Achseln zog und dabei das Kunststück vollbrachte, dass dennoch das Gemächt nicht aus der Buchse lugte. Dafür drängelt sich diesmal bei Schalke 04 gleich die komplette physiotherapeutische Abteilung samt Arzthelfern und Sprechstundenhilfen aufs Bild.

In Bielefeld sind die Spieler ganz fein raus, denn in der zweiten Reihe steht ein Herr namens Udo Gessler. Funktion bei der Arminia: "Mannschaftsverantwortlicher". Verliert der Aufsteiger also in Serie, übernehmen nicht der Trainer oder gar die Mannschaft die Verantwortung, sondern der gute Herr Gessler. Das Christkind, geboren am 25. Dezember 1950, muss dennoch nicht darben, wenn es nicht laufen sollte. Seit 1988 findet Herr Gessler sein Auskommen als Zweigstellenleiter einer Bibliothek.

Hamburg im Dämmerschlaf

Beim Hamburger SV scheint die Produktion des Mannschaftsfotos arg lange gedauert zu haben. Ob der Fotograf wohl ein Vögelchen angekündigt hatte, das dann aber doch nicht vorbeischaute, weil der Belichtungsmesser defekt war? Denn die Kicker, Masseure und Trainer wirken nicht wirklich fotogen.

Stürmer Mehdi Mahdavikia dämmert offenkundig im Tiefschlaf, Torwart Martin Pieckenhagen erzählt sich gerade einen Witz, den er noch nicht kennt und amüsiert sich königlich über die Pointe. Und Hermann Rieger, der Masseur, ist vorsichtshalber in Habt-Acht-Stellung erstarrt, als ginge es anschließend zur Reserveübung in den Mittenwald. Plötzlich ist das Foto dann doch im Kasten. Rieger kann wegtreten, und Mahdavikia wird später sagen: ein traumhaftes Foto.

Der Teuro in Düsseldorf: Absteigen und Preise erhöhen

Eine pfiffige Geschäftsidee hatte Fortuna Düsseldorf, frisch gebackener Oberligist. Um enttäuschte Zuschauer nach dem Abstieg aus der Regionalliga zurückzugewinnen, verteuerte Fortuna kurzerhand die Eintrittskarten. Schließlich geht es jetzt gegen attraktive Gegner aus der Region wie Adler Osterfeld und Borussia Freialdenhoven.

Sollten die Düsseldorfer nun noch weiter in Richtung Kreisliga durchgereicht werden, werden sicher jedes Jahr noch ein paar Euro auf die Stehplatzkarte draufgeschlagen. Und ganz wichtig: Beim Spiel gegen die eigene Reserve den Topzuschlag nicht vergessen.

Link außen I: Im Land der Heldenplätze

Neulich waren wir mal in Wien, um die dortigen Kaffeehäuser zu testen. Abends dann besuchten wir eine Fußballkneipe, in der gerade das Cordoba-Spiel von 1978 in Superzeitlupe gezeigt wurde. Als Hans Krankl schließlich nach einem etwa fünfminütigen Solo zum Sieg gegen Deutschland getroffen hatte, jubelte die Kneipe und sang freudestrahlend: "Immer wieder Österreich." Zweifellos ein Fall für die Sporttraumatologie.

Psychologische Betreuung finden all diejenigen, die im Schlaf und auch tagsüber Edi Fingers überschnappende Stimme im Ohr haben, auf der Website "Es lebe Cordoba 1978". Und wer beim Betrachten erstaunt feststellt "I wer narrisch", kann sich trösten - die anderen Besucher der Seite sind es auch.

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