"11 Freunde"-Kolumne Ein Ruck für Deutschland

Die wöchentliche Kolumne von Deutschlands bestem Fanzine. Heute: Der Deutsche Bundestag behält seinen rechten Innenverteidiger, was Verträge in Hannover Wert sind und das Comeback der Fankutte.


Näher am Menschen: Christian Ruck, promovierter Manndecker

Näher am Menschen: Christian Ruck, promovierter Manndecker

Leider wurde am Sonntagabend auf sämtlichen Kanälen ausschließlich über die Mittelstürmerfrage Schröder oder Stoiber debattiert. Dabei fiel doch eine, zumindest aus fußballerischer Perspektive, viel wichtigere Entscheidung im Wahlkreis Augsburg/Königsbrunn. Die bange Frage der Anhänger: Wird der CSU-Abgeordnete Christian Ruck wieder in den Bundestag gewählt? Schließlich ist Ruck nichts weniger als ruhmreicher "Innenverteidiger der Fußballmannschaft des Deutschen Bundestages". Und damit das auch wirklich alle mitbekommen, posierte er fürs obligatorische Plakatfoto im Trikot der Nationalmannschaft und schaute trotzig in die Kamera wie Thomas Linke in seinen besten Tagen. Was sollte die Auswahl auch ohne ihn anfangen? Etwa ein Grüner als Vorstopper? Gar ein Sozi als Mittelläufer?

Um 18 Uhr dann Aufatmen, Ruck wieder in der ersten Elf! Mit stolzen 53,7 Prozent der Erstimmen. "Es gibt nur einen Christian Ru-huck" sangen die Wähler in der Wahlkabine. Nun darf er weitere vier Jahre "näher am Menschen" sein. Wie sich das gehört, für einen ordentlichen Manndecker.

Voranschreitende Missionierung: Jesus auf der Bank


Wir erinnern uns: In der letzten Saison hatten Bundesligaprofis nach erfolgreichen Torschüssen ihr Trikot gelüftet, um auf ihren Unterhemden Jesus als duften Typen zu preisen. Und aus Furcht, künftig könnten die Kicker auch für esoterische Buchläden oder Satanssekten werben, verbot der Fußballbund mit herrischer Geste die Missionierung auf dem Spielfeld. Doch inzwischen häufen sich die Indizien, dass der DFB die Kontrolle eher lax handhabt.

Nicht nur, dass am Wochenende der Bremer Torschütze Angelos Charisteas ungehindert sein Trikot über den Kopf ziehen und darunter ein schwer orthodoxes Kettchen mit Kreuz präsentieren konnte. In Bielefeld nimmt seit Saisonbeginn seelenruhig ein Herr mit dem einschlägigen Rufnamen Jesus Sinisterra auf der Ersatzbank Platz und auch das Bayer-Kreuz ist noch immer nicht verboten. Bei letzterem wäre jedoch eine Ausnahmeregelung möglich. Am Bayer-Kreuz schleppt schließlich Klaus Toppmöller derzeit am schwersten.

Trick 96: Rangnick geht in die Verlängerung


Erleichtertes Aufatmen bei Ralle Rangnick. Wochenlang hatte ihm Hannovers Clubchef Martin Kind die Vertragsverlängerung verweigert, obwohl man sich bereits bestätigend die Hände geschüttelt hatte. "Handschlag zählt nicht", befand Kind und spielte auf Zeit. Nun bestätigte die Pressestelle, dass der Kontrakt unterschriftsreif vorliegt. Doch sollte Rangnick nicht voreilig frohlocken, denn einige offene Fragen bleiben: Warum hat der Präsident bei der Unterzeichnung des Vertrags hinter dem Rücken die Finger gekreuzt? Und was bedeutet der Kündigungsgrund "Schlechtes Wetter"? Auch die scheinbar lässig hingeworfene Unterschrift des Clubchefs sollte sich Rangnick genauer anschauen: Steht da wirklich "Dr. Martin Kind" oder doch "Der gilt nicht". Aber letztlich ist das auch egal: Der Vertrag zerstört sich ohnehin selbst, gleich nach der Unterschrift.

Graswurzelrevolution: Platzbegrünung in Osterfeld


Die Oberliga Nordrhein ist nicht nur Tummelplatz zahlreicher ehemals schmucker Traditionsvereine wie Fortuna Düsseldorf und Union Solingen, sondern auch Heimat des SV Adler Osterfeld. Und ausgerechnet dieser beschauliche Stadtteilverein aus Oberhausen wurde kürzlich von naturbewussten Vandalen heimgesucht, wie das Stadionmagazin von Fortuna Düsseldorf vermeldet: "Ungewöhnliche Umbauarbeiten beim SV Adler Osterfeld!" Hatten doch Unbekannte glatt einen Baum auf den Rasen des Waldstadions Rothebusch gepflanzt und erst kurz vor dem Anpfiff der Heimpartie gegen den Aufsteiger GFC Düren 09 war es den Verantwortlichen gelungen, dem Gewächs mit Säge und Spitzhacke beizukommen. Eine ungewöhnliche Variante der Stadtrandbegrünung, die Fragen aufwirft: Sollte etwa die Wurzellosigkeit des modernen Fußballs angeprangert werden? Wurde den Stammspielern gehuldigt? Oder vermissten die Täter in der Osterfelder Abwehr einfach nur "Kerle wie Bäume"?

Link außen (8): Die Kutte kommt wieder


Um die Fans der Dortmunder Borussia zu foppen, singen auswärtige Anhänger gerne einmal den Spottreim "Dortmund-Fans sind alle unter 10". Doch die Minderjährigkeit der Anhänger erscheint weniger das Problem als die Kleiderordnung im Westfalenstadion. Dort gebe es die "wahrscheinlich am schlechtesten angezogenen Menschen des Universums", notierte unlängst ein Redaktionskollege. Und wir können diesen Eindruck weitgehend bestätigen, liefen uns doch bei den vergangenen Besuchen in Dortmund gleich reihenweise Herren im mittleren Alter über den Weg, die trotzig jedem Modediktat widerstanden und sich lange Schals als Schärpe um den Bauch, den Arm und den Kopf gebunden hatten.

Ebenfalls sehr beliebt schienen beim BVB lange Unterhosen in den Vereinsfarben, die auch bei Minusgarden mit Stolz getragen wurden. Aufs Schönste werden diese modischen Verirrungen auf der Homepage der schwarz-gelben Patrioten dokumentiert, deren Aktivisten sich zudem um die Wiederbelebung der guten, alten Jeanswestenkutte verdient machen.



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